Eine besondere Vorsehung von Richard Yates

Herbst 1944. Der junge Robert „Bobby“ J. Prentice hat sich freiwillig zur Armee gemeldet und besucht nun noch einmal seine Mutter Alice, bevor er in den Krieg nach Europa geschickt wird. Und während die sich freut und ihn mit Komplimenten, wie gut er in seiner Uniform aussieht, überhäuft, wünscht Bobby sich schon wieder weit weg: aufs Schlachtfeld oder in den Puff nach Lynchberg, wohin seine Kameraden gefahren sind.

„Eine besondere Vorsehung“ ist ein stark autobiografischer Roman, in dem Yates das Verhältnis zu seiner eigenen Mutter thematisiert. Geradlinig und schnörkellos deckt er Schicht um Schicht vom Glanz ab, den die Mutter auf das gemeinsame Leben häuft, bis nur noch die unscheinbare Wahrheit übrig geblieben ist.

Es passiert während des gemeinsamen Essens: Bobby ist auf Heimaturlaub, wohl zum letzten Mal, bevor er in den Krieg nach Europa geschickt wird. Zur Feier des Tages und weil sie ihn so selten zu Gesicht bekommt, geht seine Mutter mit ihm aus und es ist während des Essens, dass Bobby seine Mutter ansieht, richtig bewusst anschaut, und sich sein Leben wie in einem Film vor ihm abrollt. Sicher, er kennt seine Mutter, weiß Bescheid über all ihre Macken und Schwächen, ihre nervigen Angewohnheiten und seltsamen Fantasien, in die sich sich hineinsteigert. Aber es ist das erste Mal, dass er sie alle auf einen Haufen sieht, in ihrer Gesamtheit sozusagen, und erkennt, was für eine ignorante und naive Person seine Mutter eigentlich ist.

„Er sah ihr mit mörderischem Widerwillen zu, wie sie mit ihrem Löffel hantierte. Sie hatten Eis bestellt, und etwas davon klebte ihr an der Lippe, während sie einen kalten Klumpen auf der Zunge rollte.“

Alice Prentice ist Künstlerin und hält sich selbst für begnadet. Seit Bobby sich erinnern kann, macht sie Skulpturen und ist auch nach Jahrzehnten des Misserfolgs der unerschütterlichen Überzeugung, dass der große Durchbruch unmittelbar bevorsteht. Sie hat Bobby allein aufgezogen, nachdem sich seine Eltern getrennt haben, und auch wenn Bobbys Kindheit alles andere als lieblos verlaufen ist, stand sie doch stehts im Zeichen der Selbstüberschätzung seiner Mutter. Mit einer Mischung aus Widerwillen und Faszination beobachtet Bobby seine Mutter beim Essen, hört, wie sie vor ihm prahlt, und irgendwelche Geschichten aufbläht, damit er beeindruckt ist und erkennt dahinter doch nur ihren verzweifelten Geltungsdrang, das Bedürfnis, aus seinem Mund zu hören, wie talentiert und tapfer sie doch sei.

Doch Bobby ist dessen überdrüssig. Sein ganzes Leben lang hat er durchgehalten und seiner Mutter genau diese Rückversicherung gegeben, hat sie bestärkt, zunächst jedenfalls, obwohl sie gefühlte tausend Mal umziehen mussten, weil das Geld nicht gereicht hat oder Bobbys Schulgebühren wieder enorme Schulden angehäuft hatten. Und wie oft hat sie seinen Vater um Hilfe gebeten, der dann immer wieder die Kartoffeln aus dem Feuer holen und mit einer Geldspritze aushelfen musste, weil Alice der Meinung war, dass sie unbedingt in das große Haus ziehen müssten, weil sie den Platz zum Arbeiten brauche oder dass Bobby natürlich auf die Riverside Country Day School gehen müsste, weil die Schule ja einen viel besseren Ruf habe als die anderen in der Umgebung.

Was blieb ihm auch anderes übrig? Alice war seine Mutter und sie liebte ihn und wollte nur das Beste für ihn, für sie beide, und schließlich würde sie bald ein paar Skulpturen verkaufen, Unterricht geben oder auf dieser und dieser Austellung präsentieren und dann wären sie ihre Geldsorgen endgültig los.

Daran muss Bobby denken, als er er mit Alice beim Essen sitzt und es hat sich nichts geändert, außer dass Alice älter geworden ist und inzwischen regelmäßig ein gewisses Maß an Alkohol braucht, um die sorgfältig gezimmerten Illusionen ihres Lebens sich selbst gegenüber noch aufrechterhalten zu können.

„Während des Verhörs hatte ihr gekränkter, halb betrunkener Blick genau das ausgedrückt: Warum lässt du mir nicht meine Illusionen?“

Yates „Eine besondere Vorsehung“ ist keines dieser Wohlfühl-Bücher. Im Gegenteil: Es ist gnadenlos. In zwei nebeneinander erzählten Handlungssträngen erzählt der Autor vom Leben Bobbys und von dem seiner Mutter Alice. Er geht dabei ruhig und gradlinig vor, ohne viel Tamtam blättert er gute zwanzig Jahre vor den Leser hin, ohne Wertung, ohne den moralischen Zeigefinger zu heben. Das Problem erklärt sich praktisch selbst, die Protagonisten entfalten ihre Schwächen durch ihr Handeln und man begreift, dass auch Bobby die Kapriolen seiner Mutter nicht unbeschadet überstanden hat und er, genau wie sie, Schwächen entwickelt hat, die er nicht mehr beseitigen wird können.

Yates Roman ist stark autobiografisch; auch seine Mutter eigene Mutter war eine erfolglose Künstlerin, die mehr an sich selbst glaubte, als es gerechtfertigt war. Gerade dieser persönlichen Parallelen wegen ist der Roman eindringlich und schonungslos und wohl nichts, um sich damit einen netten Urlaubstag am Strand zu machen. Ein Buch über Menschen im Schattendasein des American Dream, über Desillusionierung und Existenzkampf, Hoffnungslosigkeit und das Leben der einfachen Leute, die im Bemühen um den sozialen Aufstieg gescheitert sind.

In einem Satz:
Yates, zu Unrecht jahrelang vergessen, beweist sich einmal mehr als beeindruckende Stimme der Gescheiterten und der hoffnungslosen Idealisten. Lesenswert!


Richard Yates. Eine besondere Vorsehung. (Im Original: A Special Providence) Aus dem Amerikanischen von Anette Grube. Original von 1965, dt. Taschenbuchausgabe am 04. Januar 2010. 400 Seiten. btb Verlag, ISBN: 978-3442740529, € 10,00

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