fcover_schwarzer_frostEin Musikjournalist sitzt in seinem Luxusapartment und wartet. Jeden Augenblick kann es klingeln und sein Kollege Lohwald vor der Tür stehen, mit dem er zu einer Aussprache verabredet ist. Der junge Berliner Autor David Wonschewski debütiert mit einem erstaunlichen und starken Roman, der ein Monolog oder einem Monolog, der zum Roman wird.
Ein Musikjournalist wartet auf eine Aussprache mit seinem Kollegen Lohwald. Eine Aussprache, von der er nicht mehr weiß, wofür sie gut sein soll, denn Lohwald und er hassen einander so abgrundtief, dass keine noch so sachlich geführte Unterhaltung daran etwas ändern wird. Und so wartet der Journalist auf Lohwald und versinkt dabei im Schwarzen Frost seiner eigenen Vergangenheit, der den Leser erst fasziniert, dann fesselt und schließlich nach und nach unbemerkt selbst befällt.

Der Roman ist in drei Teile angelegt – der Besuch Lohwalds ist dabei der Gradmesser, an dem sich alles orientiert – und schafft es, obwohl die Handlung sich allein auf die Wohnung des Protagonisten beschränkt, dem Leser das Gefühl zu geben, in einem verkürzten klassischen Drama gelandet zu sein. „Der Schwarze Frost“ ist nicht laut, nicht reißerisch, es gibt keine unerwarteten Wendungen, und doch kommt nie Langeweile auf. Wonschewskis Handlung wird kunstvoll durch Stimmungen vorangetrieben und Lohwald zum modernen Godot, das Warten auf ihn zur quälenden Gedankenreise in die Vergangenheit und Gegenwart des Protagonisten. Da ist die Exfreundin, die er emotional ausbluten ließ und schließlich in die Flucht schlug, der beste Freund, den er in den Selbstmord getrieben hat, der übermächtige Konkurrenzkampf im Musikbusiness und all die Menschen in seiner Umgebung, die ihn für unheimlich und psychopatisch halten. Dazwischen immer wieder Lohwald, der verabscheuungswürdige Lohwald mit seinen mit seinen „wabbeligen Fingern“, der seine Gedanken beherrscht und ihn manisch Mordfantasien wiederholen lässt.

Wonschewskis Protagonist ist nicht sympathisch. Er ist krank, hochgradig depressiv, egozentrisch, gefühllos und ekelhaft. Seine Gedankengänge geistern herum, irrlichtern, flackern und drehen sich im Kreis. Der Leser wird, ohne es verhindern zu können, verwickelt in ein schmerzvolles Gespinst aus Schuld und unterdrückter Wut, einen endlosen Monolog eines von Selbstzweifeln und Misanthropie zerfressenen Menschen.

Wer leichte Lesekost erwartet, ist hier definitiv an der falschen Adresse.
„Der Schwarze Frost, das ist wie die Krätze, den kriegt man nicht mehr abgeschabt“, so heißt es im Roman. Und so fühlt sich auch der Leser bei der Lektüre von Wonschewskis düsterem Exkurs wie von einer ungeahnten Schwere befallen. Ständige Wiederholungen geben einem das Gefühl, in einem dicken Nebel herumzutappen, den die Sonne nicht mehr durchdringen kann.

Der Autor, der selbst zehn Jahre als Musikjournalist für große nationale Sender gearbeitet hat, kennt sich in der Szene aus und gewährt durch seinen Protagonisten einen erschreckenden Blick ins psychologische Höllenloch eines vom Business zerstörten Medienschaffenden.

In einem Satz:
Sicherlich kein Roman für Frohnaturen, jedoch ein Debüt von beeindruckender Eindringlichkeit und Tiefe, das Neugier macht auf Weiteres aus der Feder des jungen Berliners.


 David Wonschewski. Schwarzer Frost. Erscheinungstermin: Nov. 2012. 238 Seiten. Edition Periplaneta. ISBN: 978-3-940767-97-4. € 13,50 

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