Wolff-D_Verraten_VerkauftMeinungsfreiheit – kein in Diktaturen hoch gehandeltes Gut. Gerade haben wir 25 Jahre Mauerfall gefeiert. Symbolträchtige Bilder von einer Lichtgrenze aus Ballons gingen um die Welt  – und doch sind Grundrechte, die wir in unserer Gesellschaft mittlerweile für selbstverständlich halten, angesichts der Anschläge von Paris und Kopenhagen gerade wieder ein brandaktuelles Thema.

Auch in Siegfried Wolffs autobiographischer  Geschichte „Verraten und Verkauft“ geht es  um die Meinungsfreiheit und um ein Stück deutscher Geschichte, denn Wolff schildert darin seine Erlebnisse als 23-Jähriger in der DDR.

Die Ankündigung, dass auf dem Schulhof der Schule seines Sohnes ein Panzerdenkmal aufgestellt werden soll, erscheint ihm grässlich und der heuchlerische Scheinsozialismus des Landes, in dem er lebt, unzumutbar. Er stellt einen Ausreiseantrag und katapultiert sich selbst damit postwendend unter das Brennglas der allwissenden Überwachungsorgane. Durch das Bestehen auf seine Meinungsfreiheit findet Wolff sich im Stasiknast wieder. Als „Ausreiser“ landet er zunächst in der Untersuchungshaftanstalt Frankfurt/Oder, dann in Durchgangshaft in Magdeburg und schließlich im Zuchthaus Brandenburg. Zwischen Mördern und Kinderschändern soll er dort als „Politischer“ zusätzlich mürbe gemacht werden.

Überstehen kann er monatelange Drangsal, Mangelverpflegung, endlose, stupide Verhöre, monotone Gefängnisarbeit und immer wieder lebensgefährliche Rangeleien mit anderen Häftlingen, die nichts mehr zu verlieren haben, nur durch sein festes Vorhaben, möglichst wenig aufzufallen und durch die Hoffnung, eines Tages der Hölle DDR-Knast zu entkommen und seine Familie wieder in die Arme schließen zu können.

Für jüngere Menschen unseres Kulturkreises sind solche politischen und gesellschaftlichen Zustände nur schwer nachzuvollziehen. Während die Generation unserer Eltern und Großeltern vielfach durch ihre Vergangenheit gezeichnet ist, läuft uns bei Schilderungen wie von Wolff höchstens ein Schauer über den Rücken. Es gibt viele Lebens- und Erlebnisberichte aus der DDR-Zeit, doch Wolffs Buch beschreibt neben den teilweise unzumutbaren Haftbedingungen mit besonderer Eindringlichkeit auch die Ohnmacht, die er angesichts der ihm und seinen vielen Leidensgenossen widerfahrenen Willkür empfunden haben muss.

Menschen von ihrer Familie zu trennen und beide Seiten ohne die Möglichkeit zum Austausch zurückzulassen oder bewusst mit Falschinformationen zu versorgen und zu bedrohen, empfindet man beim Lesen von „Verraten und Verkauft“ wohl als einen der perfidesten Schachzüge der DDR-Regierung. Wie viele Menschen wirklich in der DDR ihre physische und psychische Versehrtheit oder ihr Leben für ihre Überzeugungen eingebüßt haben, ist heute nicht mehr nachvollziehbar. Um so beeindruckender, dass Wolff sein Martyrium zwar gezeichnet, aber ungebrochen überstanden hat.

Leider enthält auch die zweite Auflage zahlreiche Orthografie- und Grammatikschnitzer, die unnötig oft störend den Lesefluss unterbrechen. Ein vermeidbares Ärgernis, denn abgesehen davon ist das Buch eine beeindruckende Aufarbeitung des Erlebten und  ein wichtiges Zeugnis für nachfolgende Generationen.

In einem Satz:
Ein engagiert erzählter und  emotionaler Erlebnisbericht mit Gänsehautfaktor. 


Siegfried Wolff. Verraten und Verkauft. Erscheinungstermin: 28. März 2011. 240 Seiten. Verlag: Heimdall, ISBN: 978-3-939935-55-1, € 11,50 

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