Wildenhain_M_Das_Lächeln_der_AlligatorenMatthias hat sich seine Sommerferien anders vorgestellt: Nun hängt er hier fest, auf Sylt, wo er mit der Mutter Urlaub macht, um in der Nähe seines geistig behinderten Bruders Carsten zu sein, der in einem Heim lebt. Doch als er er Marta, Carstens Betreuerin, die nur wenig älter ist als er selbst, kennenlernt, verändert dies nicht nur Matthias‘ Sommer, sondern gleich sein ganzes Leben. Ein vielschichtiger Roman über das Erwachsenwerden, über Schuld und Lüge und über eine Familie, die an ihrem Schicksal zerbricht.

 

Als Matthias sie sieht, ist er sofort fasziniert: Marta – schön, unnahbar, unglaublich cool und scheinbar unerreichbar. Denn Marta ist vier Jahre älter als er, was eine Ewigkeit bedeutet, wenn man, wie er, fünfzehn ist. Außerdem ist Marta die Betreuerin seines jüngeren Bruders Carsten, der seit einer Erkrankung in der Kindheit geistig behindert ist und in einem Heim auf Sylt lebt. Nur im Umgang mit Carsten scheint Marta ihre kühle Hülle abzustreifen, ihm gibt sie, was Matthias seinem Bruder nicht zeigen kann: Zuneigung, endlose Geduld, Verständnis. Doch Matthias ist davon überzeugt, dass er schuld ist an der Erkrankung seines Bruders, seine Gewissensbisse lassen sich nicht verdrängen, wollen den Kontakt mit dem Bruder nicht.

Jahre später, die Mutter ist verstorben und Matthias lebt mittlerweile bei seinem wohlhabenden Onkel in Berlin und studiert, trifft er Marta zufällig  wieder. Jetzt ist er kein naiver Junge mehr, ist gebildet, kann mitreden. Marta ist beeindruckt, doch noch immer wird Matthias nicht schlau aus ihr. Nimmt sie ihn ernst oder macht sie sich über ihn lustig und was denken ihre geheimnisvollen linksradikalen Freunde über ihn?

Wildenhains Roman kommt erst relativ harmlos daher: ein behinderter Junge, eine gescheiterte Ehe, eine Teenagerliebe. Erst im zweiten Teil geht einem dann langsam auf, dass das Ganze weitaus komplexer angelegt ist. Das Buch spielt in den Siebzigern, Matthias lebt inzwischen im Hause seines Onkel-Pflegevaters unerwartet begütert, ist fast unabsichtlich ins Establishment aufgestiegen. Marta führt ein anderes Leben: in einer WG mit zwei Männern, Kontakten zur linksradikalen Szene, mit Protesten, Demos, politischen Debatten und Flugblättern. Für Matthias ist das Neuland, nicht mehr als ein Kuriosum, das er teilt, um mit Marta zusammen zu sein. Beeinflusst wird er davon nicht, verständnislos und peinlich berührt ist er von den Forderungen zur Reaktion auf Holder Meins Hungerstreik. Als er jedoch herausfindet, dass sein bis zum Idol stilisierter Pflegevater eine Nazi-Vergangenheit hat, wirft das sein bisher heiles Weltbild ordentlich durcheinander. Und dann gibt es da ja noch die undurchsichtige Marta. Ihre Figur ist, da sie nur mit den Augen von Matthias beschrieben wird, schwer zu fassen, mysteriös und immer ein wenig verdächtig. Matthias‘ Blick auf sie ist eindimensional und von seinen Gefühlen überschattet, fast schon stoisch hält er an ihr fest, weil er die Vorzeichen ihres Handelns nicht erkennt, ja nicht erkennen will.

Wildenhains Schreibstil ist eigenwillig, oft gehetzt, mit vielen Einschüben, die wie Streiflichter über die Geschichte gleiten, an manchen Stellen kurz aufblitzen, Teile erhellen, andere Passagen wieder im Dunkel verschwinden lassen. Das passt zur Thematik, vermittelt gut die Stimmung und transportiert sehr überzeugend ein gewisses Gefühl, ist aber oft unangenehm zu lesen. Ausruhen kann man sich dabei nicht, die ganze Zeit fühlt man sich getrieben, hellwach, wie auf der Lauer, als müsse man aufpassen, nichts zu übersehen.

„Das Lächeln der Alligatoren“ ist ein thematisch vielschichtiger Roman; vor dem schwierigen, aber relativ durchschnittlichen Hintergrund einer beliebigen Familie mit ihren eigenen Problemen wird ein Stück deutsche Geschichte abgerollt. Deutsche Bürgerlichkeit trifft auf sich radikalisierende Jugend, deutscher Herbst auf Nazi-Schuld, Fragen von Moral auf Grundsatzüberlegungen zum Wert eines Menschen. Auch wenn das glaubwürdig ist, will Wildenhain vielleicht zu viel, hat zu viele verschiedene wichtige Themen, die das Ganze etwas überfrachten.

Wildenhains „Das Lächeln der Alligatoren“ wurde für den Buchpreis der Leipziger Buchmesse 2015 nominiert. Es ist ein komplexes, ein ambitioniertes Buch, das sich jedoch sprachlich und thematisch ein wenig selbst im Wege steht.

In einem Satz:
Ein Roman über eine Liebe zu Zeiten des Deutschen Herbstes, ein Buch über Schuld, Moral und politische Überzeugungen. Thematisch fast zu voll, trotzdem lesenswert. 


Michael Wildenhain. Das Lächeln der Alligatoren. Erschienen am 23. Februar 2015. 241 Seiten. Klett-Cotta, ISBN: 978-3-608-93973-6, € 19,95

Markiert in:                            

Schreibe einen Kommentar