Roth_V_Die_BestimmungWie mag die Welt wohl in 100 Jahren aussehen? Gibt es die Menschheit dann noch, haben wir uns selbst gerettet oder vernichtet oder leben wir in einer feindlichen Welt als verstreute, verzweifelt kämpfende Überlebende? Unzählige Zukunftsvisionen bevölkern jedes Jahr die Regale in den Bücherläden, und schon lange sind dystopische Romane auch unter den Jugendbüchern oder der Young-Adult-Fiction ziemlich in Mode. Veronica Roth springt mit ihrer Trilogie „Die Bestimmung“ (Divergent) auf diesen Zug auf, bricht vor allem in ihrem Heimatland USA Verkaufsrekorde. Inzwischen erobert die Trilogie auch die Leinwand.

Die Coming-of-Age-Fantasy-Story um die Heldin Tris und ihre große Liebe Four bietet rasanten Action- und Lesespaß, sollte aber nicht zu ernsthaft unter die Lupe genommen werden…

Im Chicago der fernen Zukunft ist ein in sich geschlossener Stadtstaat. Seine Bewohner wissen, nicht, was hinter den Stadtgrenzen liegt, die streng beschützt werden, um die Gefahren von außen abzuwehren. Chicagos Gesellschaft ist in fünf Fraktionen aufgeteilt, die sich nach den Charaktereigenschaften ihrer Mitglieder ausrichten: Es gibt Altruan – die Selbstlosen, Candor – die Freimütigen, Ken – die Wissenden, Amite – die Friedfertigen und Ferox – die Furchtlosen.  Ihren jeweiligen Eigenschaften entsprechend übt jede Fraktion bestimmte Berufe aus und dient so dem Allgemeinwohl. Werden Jugendliche 16 Jahre alt, müssen sie sich einem Test unterziehen, der angibt, für welche der Fraktionen sie am besten geeignet sind. Bei der anschließenden Zeremonie der Bestimmung wählen sie dann ihre zukünftige Fraktion – eine Entscheidung fürs Leben, die nicht mehr rückgängig gemacht werden kann.

Beatrice Prior, die sechzehnjährige Protagonistin der Romane, ist eine geborene Altruan. Ihre Fraktion stellt die Regierung der Stadt, weil man ihr nachsagt, dass sie als einzige nicht korrumpierbar ist. Doch Beatrice hat Zweifel an ihrer Eignung für ihre eigene Fraktion. Bei ihrer Bestimmungszeremonie schließt sie sich den Ferox, den Furchtlosen, an und verlässt ihre Familie, genau wie ihr Bruder Caleb, der zu den Ken geht.

   „Vielleicht ist wahre Freundschaft nicht wirklich möglich, wenn man unter Menschen lebt, die von niemandem Hilfe annehmen und die es stets vermeiden, von sich selbst zu sprechen.“

In der Folge muss Beatrice eine knallharte Ausbildungszeit überstehen, denn bei den Ferox werden nur die zehn besten Initianten aufgenommen. Der Rest wird später verstoßen und landet als „Fraktionslose“ schutz- und obdachlos auf den Straßen der Stadt, ein Schicksal, das für Beatrice zum absoluten Schreckensszenario wird. In der Lernphase werden die Ferox-Initianten brutal gedrillt, an Waffen ausgebildet und ausgeklügelten Psychotests, Simulationen genannt, mit bewusstseinsverändernden Drogen unterzogen. Beatrice, die sich von nun an Tris nennt, leidet nicht nur unter Eric, dem gewissenlosen Ausbilder, sondern auch unter ihren kaltblütigen Mitinitianten, die nicht einmal vor schweren Körperverletzungen oder Mord zurückschrecken, um sicherzustellen, dass sie selbst unter den letzten Zehn sein werden. Nur Four, ihr zweiter Ausbilder, scheint anders zu sein, als seine harte Fassade vermuten lässt, bald wird er Tris Verbündeter in einer Welt, in der auch unter den Ferox nicht alles so einfach ist, wie es von außen den Anschein hat. Geheimnisse und Intrigen wabern unter der Oberfläche einer toughen und offenen Gesellschaft, und Tris hat Schwierigkeiten, in dieser feindlichen Umgebung ihr größtes Geheimnis zu bewahren: Sie ist eine Unbestimmte, ein Mensch, dessen Eigenschaften sie für mehrere Fraktionen geeignet sein lassen. Was genau das bedeutet, weiß eigentlich niemand so genau, doch  alles, was Tris darüber herausfinden kann ist, dass es sie in größte Gefahr bringt. Als Tris schließlich einer unglaublichen Verschwörung auf die Schliche kommt und eine Revolution ausbricht, muss sie sich entscheiden, ob sie dem Grundsatz „Fraktion vor Blut“ wirklich folgen kann.

Teil Zwei setzt drei Tage nach der schrecklichen Revolution der Ferox ein: Die Gesellschaft der Fraktionen zerfällt, die verschiedenen Gruppen bekriegen sich gegenseitig und es gibt keine Sicherheiten mehr. Tris und Four haben sich zu den Amite geflüchtet, doch auch dort werden sie nur geduldet und bald verraten. Jeanine, skrupellose Anführerin der Ken, hat in der Stadt das Kommando übernommen und will mithilfe eines bewusstseinsverändernden Super-Serums alle Unbestimmten unter ihre Kontrolle bringen. Und dann gibt es da noch eine geheimnisvolle Botschaft, die anscheinend von der Führung verzweifelt unter Verschluss gehalten wird. Sind ihre Eltern deswegen gestorben? Tris muss sich entscheiden, denn um die Existenz der Botschaft zu beweisen, muss sie sich mit dem Feind verbünden und alle verraten, die sie liebt.

Teil Drei begleitet Tris, Four und ihre Freunde nach draußen: Endlich entdecken sie, was außerhalb der Stadtmauern liegt. Doch mit dem Aufbrechen der engen Grenzen der Stadt erfahren sie auch die unfassbare Wahrheit, die ihrer aller Blick auf ihr bisheriges Leben für immer verändern wird. Und damit nicht genug. Auch in der Gesellschaft außerhalb der Stadt gibt es viele Probleme, und Tris, Four und die anderen werden in neue Konflikte hineingezogen, in denen sie nicht nur sich selbst neu positionieren müssen, sondern damit auch das Schicksal der Stadtbewohner entscheidend beeinflussen.

   „Manchmal wollen die Menschen einfach glücklich sein, auch wenn das Glück nur vorgetäuscht ist.“

„Die Bestimmung“ ist Veronica Roths erster Roman. Die junge Autorin schrieb den Hauptteil des Werkes während ihres „Creative Writing“ Studiums und traf mit der Veröffentlichung zweifelsohne den Geschmack der Zeit. Dystopische Jugendbuchserien haben besonders nach dem Erscheinen von „Panem“ einen riesigen Boom erlebt, der bis heute anhält, und auch „Die Bestimmung“ ähnelt in Motiven, Hauptcharakteren und sogar im Stil dem Modell stehendem Klassiker. Hauptfigur ist ein Mädchen, das eher klein ist, nicht besonders hübsch, eher eine Außenseiterin. Durch widrige Umstände (bei Panem die Hungerspiele/ hier der Fraktionswechsel) gerät sie in eine Situation, in der sie ihre bisherigen Ängste über Bord werfen und über sich hinauswachsen muss und auch ihre besonderen Talente offenbart (Panem: Klugheit, Mitgefühl, Bogenschießen/ hier: Kämpfernatur, klein und wendig, clever, unbestimmt und daher mental besonders widerstandsfähig). Dazu gibt es dann noch eine Liebesgeschichte, die von äußeren Entscheidungen und gesellschaftlichen Umbrüchen in ihren Grundfesten erschüttert wird oder in der sich die Protagonisten zwischen höheren geselschaftlichen Zielen und ihrer Liebe entscheiden müssen.

Ähnlich ist auch die Gesellschaftsstruktur angelegt, auch wenn beide Bücher auf den ersten Blick wenig gemein zu haben scheinen: Während in Panem verschiedenen Distrikte, die ihren Fähigkeiten nach unterteilt sind und auch in dementsprechenden Berufen arbeiten von einer grausamen Zentrale unterdrückt werden, gibt es in „Die Bestimmung“ fünf Fraktionen, die ebenfalls nach ihren Eigenschaften und den dazu passenden Berufen unterteilt sind. Hier sind aber Feindschaften zwischen den Fraktionen das Problem, die immer wieder durch Gerüchte neu befeuert werden. Dabei geht es auch nur am Rande um die Frage, ob und wie lange ein solches System aufrechterhalten werden kann, denn das im Buch vorherrschende Szenario ist der Zusammenbruch des Fraktionssystems und die damit einhergehenden Folgen für die Protagonisten. Hauptinteresse der Autorin liegt auf Themen wie Freiheit, Selbstbestimmung, Zugehörigkeit und Werteentwicklung. Welchen Einfluss hat Erziehung? Inwiefern wird das Handeln von erlernten Abläufen beeinflusst? Sind schlechte Charaktereigenschaften angeboren oder erlernt? Was zählt mehr: die Familie oder der soziale Verband, mit dem man sich identifiziert? Bei genauerem Hinsehen sind diese Schwerpunkte natürlich auch genau die Fragen, mit denen sich Teenager oder junge Erwachsene in allen Zeiten beschäftigen, wenn auch in abgewandelter Form. Bei Roth haben Jugendliche dieselben Probleme wie Jugendliche überall auf der Welt: Identitätskrisen, Suche nach Zugehörigkeit, Freundschaften, Abnabelung von der Familie, die erste Liebe mit all ihren Problemen und Unsicherheiten, das Streben nach einer Aufgabe, einem festen Platz in der Gesellschaft. In „Die Bestimmung“ sind diese „Alltagsprobleme“ in einem feindlichen Umfeld angesiedelt, einer abgeriegelten Stadt, in der ein Krieg ausbricht und jede Entscheidung von einer unglaublichen Dramatik begleitet wird, weil sie gleichzeitig eine Entscheidung auf Leben und Tod sein kann.

Überhaupt Tod. Bei Roth wird mit Opfern nicht gespart. Aus „Panem“ war man ja schon einiges gewohnt, auch hier ging es teilweise außerordentlich blutig zu, aber Roths Welt zeichnet sich teilweise durch wirkliche Grausamkeit aus, es fließt reichlich Blut, und auch viele wichtige Personen bleiben unterwegs auf der Strecke. Vielleicht muss ich auch meine Idee von „Jugendbuch“ revidieren, heute spricht man wohl auch eher von „All-Age-Fiction“. Ich gebe zu, ich bin altmodisch, denn ich finde es immer noch verstörend, dass ein Jugendbuch mit derlei Brutalitäten angefüllt ist.

   „Das ist der Tod – wenn man statt ist war sagt.“

Roths Schreibstil ist flüssig und actionreich, lediglich im letzten Drittel von Band 1 und im ersten Drittel von Band 2 haben die Bücher so ihre Längen, aber die fallen wahrscheinlich vor allem deshalb so auf, weil die Bücher ansonsten ein hohes Erzähltempo und viel Action aufweisen, bei der man kaum zum Verschnaufen kommt. Mangelnde Spannung kann man Roth nicht vorwerfen. Über die Liebesgeschichte allerdings kann man sich streiten, für meinen Geschmack gibt es da zu viel unausgewogenes Teenie Hin- und Her mit vielen kindischen Missverständnissen und wenig Entwicklung.

Viel störender sind jedoch die Löcher in der Handlung: So sehr sich die junge Autorin auch bemüht, anhand ihres düsteren Zukunftsszenarios, das wie eine Mischung aus 1984 und den verschiedensten anderen bekannten Dystopien anmutet, gesellschafliche und individuelle Werte zu entwickeln und zu verfolgen, so schwach steht das Gerüst ihrer Vision. Hinterfragt man einzelne Plotteile, so stößt man schnell an die Grenzen, dieser doch oft allzu gewollten Welt: Leute sind über Generationen in einer Stadt eingesperrt und versuchen nicht, die Grenzen zu überwinden? Es gibt dort regelmäßig Züge, die fahren, aber eigentlich von niemandem benutzt werden. Eine Fraktion regiert und kaum jemand murrt darüber? Was lernen denn die Kinder in der Schule über ihre Vorfahren? Man erfährt, dass es einen Krieg gab, doch was war davor? Immer wieder gibt es Unbestimmte, sie werden gejagt, doch niemand hinterfragt, warum? Warum verbünden sie sich nicht einfach? Wem untersteht die Behörde, die die Versuche macht? Gibt es keine übergeordnete Regierung mehr? An diesen Stellen wird das Buch erschreckend dünn und wenig explizit, der Fokus liegt eindeutig auf den Geschichten der Hauptcharaktere, so dass der Hintergrund manchmal nicht überzeugen kann.

Auch im letzten Teil hat sich Roth mit dem Hinzufügen einer weiteren Erzählperspektive (Four) keinen Gefallen getan. Nach Beenden der Trilogie ist zwar deutlich, warum sie diesen Kniff eingefügt hat, aber sie schafft es kaum, die beiden Persönlichkeiten deutlich voneinander abzugrenzen, oft kann man als Leser nicht unterscheiden, aus wessen Sicht die Geschichte gerade erzählt wird.

Die Bücher sind, trotz ihrer expliziten Gewaltschilderungen, in meinen Augen wirkliche Jugendbücher. Roth hat großes Talent bei temporeichen Szenen und bei der Erzeugung von Spannung, Dichte und Action. Bei der Wahl ihres Settings muss sie für das nächste Buch aber deutlich sorgfältiger vorgehen.

In einem Satz:

Spannendes und actionreiches Jugendbuch in der Panem-Tradition, das jedoch nicht mit dem Vorbild mithalten kann und inhaltlich einige Lücken erahnen lässt. Für Teenager trotzdem empfehlenswert.


Veronica Roth. Die Bestimmung. (Im Original: Divergent) Aus dem amerikanischen Englisch von Petra Koob-Pawis. Erschienen am 19.03.2012. 480 Seiten. cbt, ISBN: 978-3570161319, € 17,99

Veronica Roth. Die Bestimmung. Tödliche Wahrheit. (Im Original: Insurgent) Aus dem amerikanischen Englisch von Petra Koob-Pawis. Erschienen am 10.12.2012. 512 Seiten. cbt, ISBN: 978-3570161562, € 17,99

Veronica Roth. Die Bestimmung. Letzte Entscheidung. (Im Original: Allegiant) Aus dem amerikanischen Englisch von Petra Koob-Pawis und Michaela Link. Erschienen am 24.03.2014. 512 Seiten. cbt, ISBN: 978-3570161579, € 17,99

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