Da_Mata_V_BlumentochterRegenwald und schwüle Temperaturen, Leidenschaft, Geheimnisse, Intrigen und große Familiensagas – Isabel Allende hat in vielen ihrer großen Romane vorgemacht, wie man diese Inhaltsstoffe zu einem fesselnden Potpourri verschmelzen lässt. Auch in Vanessa da Matas erstem Roman findet man eine Menge dieser Ingredienzien – schließlich geht es um ein junges Mädchen, das in einer kleinen brasilianischen Stadt erwachsen wird, erstmals die große Liebe entdeckt und einem Familiengeheimnis auf der Spur ist. Leider reicht das Debüt der in ihrer Heimat sehr bekannten Sängerin jedoch überhaupt nicht an die Klassiker der Geisterhaus-Autorin heran.

Die siebzehnjährige Giza wächst in einer kleinen brasilianischen Stadt inmitten der farbenfrohen Blumenpracht des heimischen Gartens auf. Weil ihre Eltern nicht mehr leben, kümmern sich Gizas Tanten Florinda und Margarida, die nur wenig älter sind, um sie. Gemeinsam leben sie von dem Verkauf der wundervollen Blumen, die sie in ihrem Garten züchten. Weil Giza für die tägliche Auslieferung der Blumen zuständig ist, kennt sie die ganze Stadt und ihre vielen kleinen Geheimnisse, Gerüchte, Liebschaften oder unerfüllten Sehnsüchte. Obwohl sie die Geborgenheit und Sicherheit ihrer Heimat genießt, fühlt sich Giza oft ausgeschlossen und wie eine Außenseiterin – sogar in ihrer eigenen Familie. Als das Gefühl mit ihrem Heranwachsen immer stärker wird, beginnt sie sich nach Freiheit, Unbegrenztheit und vor allem nach Liebe zu sehnen. Erst die Begegnung mit Tito beschert ihr den Rausch der ersten Liebe und gibt ihr den Mut, gegen die starren Erwartungshaltungen ihrer Umgebung aufzubegehren, Verbote zu überschreiten und endlich auf die Suche nach dem Geheimnis zu gehen, das ihre Familie wie ein Kokon umgibt und sie seit Jahren gefangen hält.

Da Matas Buch hat eigentlich alles, was einen guten Roman ausmacht: eine geheimnisvolle und spannende Story, ausreichend Hauptfiguren, die auch so ambivalent sind, dass man sie nicht gleich durchschaut, eine farbenprächtige, fast schon opulente Kulisse und ein wunderbares Cover (ja, auch das ist wichtig!)… –  und doch: Mich hat das nicht komplett überzeugen können. Dabei kann man auch nicht sagen, dass da Mata nicht schreiben kann. Ihre Sprache ist malerisch und aussagekräftig und teilweise so überbordend wie eine nicht zu bändigende Schlingpflanze. Manchmal schießt die Autorin damit aber über das Ziel hinaus und ihre Formulierungen, die oft auf einem schmalen Grat zwischen Fantasie und „too much“ balancieren, schaffen den Balanceakt nicht und rutschen hinab in einen Bereich, in dem man das Gefühl hat, dass hier irgendetwas nicht mehr zusammenpasst.

Genau dieses unbestimmte Gefühl des Unausgewogenen ist auch das Problem des Romans. Da Mata schlängelt sich durch ein Dickicht aus wirrem Plot, der sich nicht entscheiden kann, ob er ein Fantasy-Roman, ein Krimi, eine Liebes- oder eine Familiengeschichte sein will – irgendwie gibt es von allem etwas und von allem zu viel. Auch die Hauptfigur ist schwer zu durchschauen. Giza ist einerseits völlig unschuldig, und agiert sehr naiv. Erst spät durchschaut sie das falsche Spiel ihrer Tanten, nie versucht sie, wirklich herauszufinden, was mit ihrer Familie passiert ist, nichts wird infrage gestellt. Auf der anderen Seite jedoch reflektiert sie erwachsen ihr Leben und die Liebschaften der Stadtbewohner, die Freiheit der Menschen in Vila Morena und ihre eigene, neu entdeckte Sexualität. Das passt alles nicht richtig zusammen und macht Giza als Figur unglaubwürdig. Gerade wegen dieser Widersprüche, die sich in Personen und auch im Plot immer wieder finden, wirkt das Buch nicht rund, kann es nicht völlig überzeugen.

In einem Satz:

Ein farbenfroher Roman mit südamerikanischem Flair, der vielleicht zu viel will und Allende-Fans nicht überzeugen wird. 


Vanessa da Mata. Blumentochter. (Im Original: A Filha das Flores) Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Kirsten Brandt. Erschienen am 06.03.2015. 304 Seiten. List, ISBN: 13 9783471351130, € 18,00

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