Thompson_Land_der_GewohnheitEine schöne Frau, zwei erwachsene Söhne, einen guten Job und ein fast abbezahltes Haus – Anders Hill hat eigentlich alles, was man sich wünschen kann. Trotzdem ist er unglücklich, fühlt sich eingezwängt im Korsett seines überschaubaren Wohlstandslebens und zieht die Reißleine. Von heute auf morgen wirft er alles hin –  Job, Haus, Familie – und will die Scheidung. Sein Umfeld versteht  die Welt nicht mehr, als er sich in seinem Frührentner-Dasein einzurichten scheint, doch für Anders fangen die Probleme jetzt erst richtig an.

Ted Thompson, Jahrgang 1980, zeichnet ein erstaunlich einfühlsames Portrait der Generation seiner Eltern und bohrt mit scharfen Messern in der schwärenden Wunde des vom großen Crash gebeutelten amerikanischen Mitttelstandes. 

Anders Hill trifft nach über dreißig Jahren Berufspendlerdaseins eine folgenschwere Entscheidung: Von einem Tag auf den anderen kündigt er seinen gutbezahlten Job im Finanzsektor, verlangt die Scheidung und zieht aus dem Familiendomizil in ein kleines Siedlungshaus. Jahrelang, so fühlt er, wurde sein Leben fremdbestimmt durch die Erwartungshaltung anderer. Sein Vater, seine Chefs, seine Frau, seine Kinder – sie haben lange genug an ihm herumgezerrt. Jetzt gibt es nur noch ihn und die Freiheit zu tun, wonach ihm selbst zumute ist. Doch so einfach, wie Anders es sich erhofft, ist es nicht mit der Selbstbestimmung. Obwohl er aus seinem alten, falschen Leben geflohen ist, fühlt sich das neue nicht automatisch richtiger an. Zudem holt ihn die Vergangenheit immer wieder unerbittlich ein: auf einer Party, als er seiner Exfrau und ihrem neuen Freund begegnet und infolgedessen einen Eklat verursacht, durch die Hypotheken, die immer noch das Haus belasten, in Gestalt seiner Söhne, die ihre eigenen, ganz anderen Probleme haben, bei denen Anders ihnen auch nicht helfen kann oder schließlich bei einer Tragödie, in die Anders unfreiwillig mit hineingezogen wird.

Andres ist ein Endfünfziger, der in eine Art Midlife-Crisis schlittert, bei der zwar keine andere Frau, aber jede Menge Selbstzweifel eine Rolle spielen. Ob Anders je wirklich mit dem Leben, das er sich gewählt hat, glücklich war, bleibt anzuzweifeln; in den zahlreichen ausschweifenden Rückblenden in Anders Jugend entsteht eher der Eindruck, Anders Leben hätte sich ihn selbst erwählt,  sich ihn einverleibt und jahrzehntelang gründlich verdaut und ihn schließlich urplötzlich zurück auf die Straße gespien. Schon in seiner Jugend rebelliert Anders, vor allem gegen den reichen, dominanten Vater, in dessen Fußstapfen er keinesfalls treten will. Aus Protest erkämpft er sich sein Studium ohne die Hilfe des Vaters und startet mit Helene, einer Frau, bei der man sich selbst als Leser manchmal wundert, warum sie sich für ihn entschieden hat, in ein Leben, an dem er schon damals seine Zweifel hat.

Erst dreißig Jahre später spürt er, dass an seinem Leben einiges grundverkehrt ist und zieht die Konsequenzen. Der Bruch, der seiner Umwelt zwar völlig überraschend erscheint, wird in Anders Augen erschreckend schnell akzeptiert: Von nun an ist er allein, ausgeschlossen von bisherigen sozialen Aktivitäten und gilt in den Augen von ehemaligen Freunden und Bekannten als unberechenbar, sonderbar und labil. Plötzlich fühlt sich die verheißungsvolle Freiheit für Anders schal an, erst mit dem Abstand beginnt er, sein bisheriges Leben wertzuschätzen und sehnt sich zurück nach Tagen, an denen er noch nicht so viel mit seinen eigenen Entscheidungen ringen musste. Doch die Tür zurück ist nun verschlossen, und Anders hat auch in seinem Alter noch nicht begriffen, dass Flucht vor den eigenen Problemen häufig noch einen ganzen Rattenschwanz an neuen produziert.

Thompsons Romandebüt ist ein kluger, erstaunlich scharfsinniger Blick auf eine Generation, der wohl eher seine Eltern angehören. Es beleuchtet großherzig und nicht ohne eine gewisse Komik die Fehltritte und lächerlichen Eskapaden eines alternden Ex-Familienvaters, dem die plötzliche Freiheit des öfteren zu Kopfe steigt, und findet sie doch  genau in diesen Momenten: die tragische Bitterkeit, die Einsamkeit und muffige Schäbigkeit des neuen, des ersehnten „freien Lebens“.

Thompsons Geschichte der Familie Hill ist eine Geschichte von unterdrückter Wut und von den verletzten Gefühlen zweier Ehepartner, die im Laufe vieler Jahrzehnte nicht nur verlernt haben, offen miteinander zu reden, sondern die es tragischerweise auch vorher noch nie geschafft haben. Gleichzeitig ist es eine Familiengeschichte unter vielen vor dem Spiegel wirtschaftlicher Desillusionierung, ein Abbild der bröckelnden Mittelklasse und des Niedergangs des amerikanischen Wohlstandes nach dem großen Crash. Thompson erweist sich als gnadenloser Beobachter; aus drei Perspektiven und den Blickwinkeln verschiedenener Generationen gelingt ihm ein ernüchterndes Portrait einer Familie im Angesicht der Scherben ihrer Lebensträume. Empfehlenswert.

In einem Satz:
Ein beindruckend starker Roman in der elaboriert-melancholischen Erzähltradition eines Yates oder Cheever, der sehr lesenswert ist und gespannt macht auf ein nächstes Buch. 


Ted Thompson. Land der Gewohnheit. (Im Original: The land of steady habits) Aus dem amerikanischen Englisch von Susanne Höbel. Erschienen am 12.09.2014. 320 Seiten. Ullstein Buchverlage, ISBN: 978-355008074-6, € 21,00

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