Das Licht zwischen den Meeren von M L Stedman

Ein Mann und eine Frau. Eine einsame Insel. Ein Leuchtturm. Oft gibt es monatelang keinen Kontakt zu anderen Menschen, denn niemand, bis auf das seltene Schiff mit den Vorräten, kommt an der Insel vorbei. Bis eines Tages ein Boot angeschwemmt wird. Darin: ein toter Mann und ein lebendiger Säugling. Als die Frau beschließt, das Kind gegen den Willen ihres Mannes zu behalten und als ihr eigenes auszugeben, ahnt sie nichts von der Tragweite dieser Entscheidung. In M.L. Stedmans literarischem Debüt geht es um Liebe und Schmerz, Schuld und Sühne und um moralische Verantwortung.

Tom Sherbourne und seine Frau Isabel sind ein glückliches Paar. Schon bei ihrer ersten Begegnung fühlten sie sich zueinander hingezogen, und nicht einmal Toms Beruf als Leuchtturmwärter kann Isabel davon abhalten, ihn zu heiraten. Auf der kleinen abgelegenen Insel Janus Rock im Westen Australiens haben sie sich zu zweit ihr Leben eingerichtet. Es ist einsam dort – nur etwa alle drei Monate kommt das Versorgungsschiff; Landgang und damit das Wiedersehen mit Freunden und Familie gibt es nur einmal im Jahr. Isabels Glück wird nur dadurch getrübt, dass ihnen Nachwuchs verwehrt zu bleiben scheint; sie erleidet Fehlgeburten, die ihr physisch und psychisch zusetzen und definiert sich zunehmend über ihre Unfähigkeit, ein Kind auszutragen. Als eines Tages wie aus dem Nichts ein Boot angeschwemmt wird und das Paar darin neben einem Toten auch einen kleinen Säugling findet, ist für Isabel klar, dass das kleine Mädchen nur ein Gotteszeichen sein kann. Gegen den Willen ihres Mannes behält sie das Kind und gibt es offiziell als ihr gemeinsames aus. Im Gegensatz zu ihrem Mann, dem, obwohl er das Kind schnell lieb gewonnen hat, die Entscheidung seiner Frau schwer im Magen liegt, verdrängt Isabel vollkommen, dass das Mädchen irgendwoher gekommen sein muss. Ihr Kinderwunsch ist so stark, dass sie den Selbstbetrug, die Mutter des Kindes zu sein, auch vor ihrem eigenen Gewissen aufrechterhalten kann. Als die kleine Familie zwei Jahre später aufs Festland zurückkehrt und Tom dort auf die wirkliche Mutter des kleinen Mädchens trifft, kann er die Lüge nicht länger aufrechterhalten und stürzt damit alle Beteiligten in ein furchtbares Unglück.

Die Thematik, die Stedman in ihrem Romandebüt behandelt, ist intensiv und sehr emotional, der Plot vielversprechend, wenn auch zugegebenermaßen etwas konstruiert. Das Buch ist praktisch zweigeteilt: Im ersten Teil geht es um das Leben des Paares auf Janus Rock, Isabels Kinderwunsch und die Darstellung ihres Leidens, als sie immer wieder Fehlgeburten betrauern muss. Von dieser Seite leuchtet auch ihr irrationales Verhalten ein, als sie das kleine Mädchen, welches scheinbar niemandem gehört, behalten will. Schon hier gerät Tom als Partner neben ihr sehr blass. Zwar hat er Zweifel, doch vermag er es nicht, seiner Frau, die er sehr liebt, ihre Entscheidung auszureden und verschließt als Abwehrreaktion seine Augen genau wie sie vor möglichen Konsequenzen. Sehr stark ist das Buch in der Beschreibung der Beziehungen zwischen den Eltern und dem Kind; ebenfalls beeindruckend sind die bildreichen Umgebungs- und Naturbeschreibungen der Insel – in dieser Hinsicht gelingen Stedman oft mehr Emotionen als in Bezug auf ihre Charaktere, die trotz ausführlicher Beschreibungen seltsam flach und stereotypisiert bleiben.

Vor allem im zweiten Teil des Buches, der nach der Enthüllung der Wahrheit auf dem Festland spielt, verstärkt sich dieser Eindruck noch. Obwohl man positiv bemerken muss, dass Stedman versucht, für keine der Mütter Partei zu ergreifen und das Buch damit davor bewahrt, zu einem tränenreichen Rührstück zu werden, kann man auch für keine der Frauen wirkliche Sympathien aufbringen. Die zerbrechende Familie steckt in starren Haltungen und Ansichten fest und entwickelt sich nicht weiter, und Tom wird in seiner konsequenten Entscheidung nicht weiter begleitet, sondern damit allein gelassen. Stedmans gute Absichten verlieren sich stattdessen in einem Wirrwarr von Sichtweisen und Hauptpersonen, die sie alle gleichzeitig offenlegen will – dem Buch hätte es gut getan, wenn sie sich festgelegt hätte. Auch hier fällt wie schon im ersten Teil des Buches der lästige Tick der Autorin auf, ständig zwischen Vergangenheits- und Gegenwartsform hin- und herzuspringen – sehr anstrengend, vor allem, weil sich kein Sinn dahinter ausmachen lässt.

So erreicht die Autorin am Ende das Gegenteil von dem, was sie sicher beabsichtigt hat: Der Leser bleibt ernüchtert und etwas enttäuscht zurück, das Buch kann den Schwung und die Tiefe des Anfangs nicht mehr finden, und am Ende gibt es noch genau das, was dem Ganzen den finalen Nackenschlag verpasst: ein rührseliges Ende. Schade um das vielversprechende Thema.

In einem Satz:
Ein Debütroman, der die vielen Lesempfehlungen Lügen straft und seinem interessanten Thema stilistisch, planerisch und emotional leider nicht gerecht werden kann.


M.L. Stedman – Das Licht zwischen den Meeren. Aus dem Englischen von Karin Dufner. Erscheinungstermin: 23. September 2013. 448 Seiten. Verlag: Limes. ISBN: 978-3-8090-2619-8. € 19,99

Markiert in:                        

Schreibe einen Kommentar