Schami_R_Geheimnis_des_KalligraphenDamaskus, Syrien, in den fünfziger Jahren. Der berühmte Kalligraph Hamid Farsi wird von seiner schönen Frau verlassen und die ganze Stadt rätselt, wieso sie das bequeme Leben an der Seite ihres wohlhabenden Mannes aufgegeben haben mag. Der Kalligraph, für den die Reinheit und Schönheit der arabischen Schrift zum wichtigsten Lebensinhalt geworden sind, hat aber noch ganz andere Probleme. In seinen Bestrebungen, die Sprache und Schrift weiterzuentwickeln und zu optimieren, hat er sich in einen Rausch gearbeitet und ahnt nicht, dass sein Leben in großer Gefahr ist. Schamis Roman ist ein schillernder Bilderbogen und zugleich eine Liebeserklärung an die geschriebene arabische Sprache. 

Ein Gerücht macht am frühen Morgen im Damaskus der fünfziger Jahre die Runde: Nura, die schöne Frau des stadtbekannten Kalligraphen, sei geflüchtet und habe ihren Mann verlassen. Niemand versteht, was die junge Frau dazu bewogen haben mag; hat sie doch alles, wonach sich viele andere Frauen sehnen: ein schönes Haus, Wohlstand, Sicherheit und einen berühmten Mann. Dass diese Attribute jedoch nur die äußere Fassade sind, wird klar, als Schami weit zurückgeht bis in Nuras Kindheit und der Leser erfährt, wie sie aufwächst, was ihre Wünsche und Träume sind und wie sie schließlich mit dem kalten Hamid verheiratet wird. Erst als Nura Salman trifft, fasst sie Mut, um aus ihrer lieblosen Ehe auszubrechen.

Hamid ahnt nicht, dass auch seine Frau Geheimnisse hat. Sein erstaunliches Talent für die Schriftkunst ermöglichte ihm schon früh einen Ausbildungsplatz bei einem berühmten Kalligraphen, den Hamid schließlich überflügelt.  Beide teilen die Ansicht, dass die arabische Schrift der Reformation bedarf, aber die Mächtigen und Konservativen des Landes sind strikt dagegen. Der Meister weiht ihn schließlich in sein größtes Geheimnis ein, doch Hamid wird über seiner Leidenschaft für die Schrift unvorsichtig und bringt sich in große Gefahr.

„Das Geheimnis des Kalligraphen“ erzählt auf den ersten Blick die Geschichte von Hamid, doch gleichzeitig erzählt es auch die Geschichten von Nura, Salman, die von Sarah, Nassri und Karam und die vieler anderer Personen. Rafik Schami bleibt seinem Stil großer Geschichtenerzähler treu: Wie in einem großen Teppich verknüpft er die Schicksale vieler Protagonisten und ihrer Familien mit der eines Landes zwischen Traditionen und Moderne. Wer gut durchkonstruierte, klare Plots mag, wird mit Schami nicht glücklich werden, immer wieder verlässt der Autor den Hauptweg seiner Geschichte, biegt auf kleine Seitenpfade ab, bummelt durch dunkle Nebengassen, eilt weit zurück und pirscht sich schließlich wieder von hinten an den Leser heran. Schami ist kein Sprachästhet – er schreibt in der Stil der gesprochenen Erzähltradition, aber seine Bücher wirken farbenfroh wie orientalische Märkte, sie duften und stecken voller großartiger Geschichten, Anekdoten und Gefühle und einem Hauch Orient, wie man ihn sich als Europäer stereotyp vorstellt und erträumt.

Mit dem „Kalligraphen“ knüpft Schami handwerklich an seinen großen Bestseller „Die dunkle Seite der Liebe an“, jedoch macht es den Eindruck, als wäre hier die Symbiose zwischen Nuras Liebesgeschichte und Hamids Kalligraphenleben nicht ganz so gelungen. So detailreich und faszinierend der Autor seine Reise in die Welt der arabischen Kalligrafie auch gestaltet – der Bruch mit der Geschichte seiner Frau ist zu abrupt und unharmonisch. Die Unterteilung in zwei Hauptabschnitte tut dem Plot des Romans nicht gut und hinterlässt irgendwie den Eindruck, als hätte man zwei sehr verschiedene Bücher nacheinander gelesen.

In einem Satz:
Orientflair mit einem Schuss Landeskunde und großen Gefühlen – Schami unterhält zuverlässig  wie immer, hätte aber technisch mehr aus dem Roman machen können. 


Rafik Schami. Das Geheimnis des Kalligraphen. Erscheinungstermin: 20. August 2008. 460 Seiten. Carl Hanser Verlag, ISBN: 9783446230514, € 24,90

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