Kain von Jose SaramagoIst Gott denn von allen guten Geistern verlassen? Diese Frage stellt sich Kain, der nach dem Mord an seinem Bruder als Ausgestoßener in einer Zeitreise die Ereignisse des alten Testaments erlebt, nicht nur einmal. Ob bei der Vernichtung Sodoms, der Eroberung Jerichos, der Prüfung Hiobs oder der Sintflut – immer wieder wird er Zeuge der Grausamkeit und Willkür des HERRN – und fragt sich langsam, ob Gott hier wirklich der Gute ist. In seinem letzten Roman stellt der bekennende Atheist und Nobelpreisträger José Saramago dem HERRN mit Kain einen scharfzüngigen Diskussionspartner entgegen und rechnet respektlos mit Kirche und christlicher Lehre ab.

Kain hat Abel getötet, weil er darüber in Wut geriet, dass der HERR sein Opfer als geringer ansah als das seines Bruders. Als Bestrafung zeichnet ihn Gott mit dem Kainsmal und heißt ihn, als Vogelfreien in der Welt umherzuwandern. So weit, so bekannt. Doch genau hier verlässt Saramagos Roman den üblichen ausgetretenen Pfad, und Kains Wanderung entwickelt sich so ganz anders, als man es als Leser – mit oder ohne Bibelsattelfestigkeit – erwartet hätte. Während der ausgestoßene Brudermörder nämlich am liebsten einfach seine Ruhe hätte und irgendwo unterkriechen würde, befindet er sich plötzlich auf einer jahrzehntelangen Zeitreise quer durchs alte Testament. Dabei begegnet er der zügellosen Lilith, die ihn zu ihrem Türhüter und Sexsklaven macht, erlebt die Zerstörung Sodoms, den Turmbau zu Babel und die Eroberung Jerichos mit, trifft Moses am Sinai und Hiob, als der alles, was ihm lieb und teuer ist, verliert, und besteigt am Ende gar als zusätzlicher, bisher unbekannter Passagier die Arche.

Was wie ein wildes literarisches Roadmovie durch die Bibel klingt, löste einen Sturm der Entrüstung auf der katholischen Iberischen Halbinsel aus. Eigentlich verwunderlich, denn ketzerisch-satirische Auseinandersetzungen mit dem Christentum gab es in Büchern und auch in Filmen auch schon in der Vergangenheit reichlich. Saramago benutzt einen seit Menschengedenken personifizierten Bösewicht (um nicht zu sagen den ERSTEN Bösewicht überhaupt) als Helden seines Romans: Mit Kain, dem Verstoßenen, begibt sich der Autor zurück an den Anfang aller Geschichte und lässt dessen Tat im Angesicht all der Werke Gottes, die Kain im Laufe seiner Reise zu sehen bekommt, wie ein läppisches Bei-Rot-über-die-Straße-Gehen aussehen. Gott ist nämlich, wie Kain mit den Jahren feststellen muss, wenig zimperlich mit der Ausübung seiner Macht: Da wird hier mal eine ganze Stadt samt Frauen und Kindern vernichtet, dort dann auch gleich mal die Menschheit geflutet oder hin und wieder mal ein Schäfchen auf seine Ergebenheit getestet, indem man seine Familie auslöscht, seine Besitztümer fortnimmt oder es gar auffordert, eigenhändig seine Kinder zu opfern.

Wo Gläubige auch heute kopfschüttelnd stehen und im Hinblick auf Kriege, Naturkatastrophen oder grausame persönliche Schicksale mit der Allmacht und den Entscheidungen ihres HERRN hadern, sieht sich auch Kain in der Annahme bestätigt, dass Gott entweder völlig geistesgestört oder aber ein Sadist sein muss. Auch so kann man die Theodizee-Frage ganz neu aufarbeiten: Gott wird durch eines seiner Kinder – aber nicht irgendeines, sondern DEN Sünder schlechthin – dazu aufgefordert, Rechenschaft zu seinem scheinbar gottlosen Wüten abzulegen. Wie lassen sich all diese ruchlosen Taten mit der Gerechtigkeit, Allmacht und der Güte Gottes vereinen? Hat der Glaube da noch einen Sinn? Ist Gott ein Vorbild oder doch nur, wie Kain ihn nennt, ein „abgefeimter Hurensohn“?

Man könnte Saramago Polemik vorwerfen, Rache, die Abrechnung eines Unversöhnten mit der Kirche – all das findet sich wahrscheinlich auch wieder in „Kain.“ Trotzdem – ist es nicht mutig, sich mit fast neunzig und schon in der Nähe der Schwelle, die irgendwann ein jeder überschreiten muss, so voller Witz und Respektlosigkeit der Heil und ewiges Leben versprechenden Kirche entgegenzustellen? Saramago gelingt dies in seinem letzten Roman mit Bravour. Für Erstleser des Portugiesen werden Saramagos typische Endlossätze und das Fehlen jeglicher wörtlicher Rede nicht leicht zu verdauen sein, jedoch macht der Autor seinen Exkurs durchs alte Testament zu einem leichtfüßig-heiteren Spaziergang. Der schwere Stoff wird vom Autor nicht auf dem Tablett mit dem mahnenden Zeigefinger präsentiert, gekonnt lotet er scharfzüngig die Untiefen zwischen Humor und Ernst aus und balanciert dabei oftmals scharf am Abgrund. Die virtuosen und bissigen Dialoge zwischen dem HERRN und seinem zweifelnden Diener sind das Sahnehäubchen des Romans und zeigen, dass Saramago sich mit diesem Buch einen würdigen Schlusspunkt gesetzt hat. „Die Geschichte ist zu Ende, mehr gibt es nicht zu erzählen“, lautet der letzte Satz des Romans. Als hätte er es gewusst….

In einem Satz:
Saramago schreibt in seinem letzten Roman das Alte Testament um und setzt einen furiosen Schlusspunkt unter sein Lebenswerk. Auch für Christen ein absolutes Lesevergnügen. :-)


José Saramago. Kain. Aus dem Portugiesischen von Karin von Schweder-Schreiner. Erscheinungstermin: 08. Oktober 2012. 176 Seiten. btb-Verlag. ISBN: 978-3442742868.  9,99 €.

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