Dolfi und Marilyn von Francois Saintonge

Tycho Mercier lebt im Jahr 2060 in Paris. Er ist Geschichtsprofessor mit dem Schwerpunkt NS-Zeit und ist alleinerziehender Vater eines Sohnes. Eines Tages, als Tycho nach der Arbeit nach Hause zurückkehrt, sieht er sich mit einem Klon konfrontiert, den seine Exfrau bei einer Tombola gewonnen hat. In Saintonges schwarzhumorigem Roman geht es weniger um Zukunftsvisionen als um unbequeme Fragen von Moral und Ethik. 

Klone sind in Tychos Welt zwar eine kostspielige, aber durchaus keine ungewöhnliche Anschaffung, jedoch stellt genau dieses Exemplar ein ernsthaftes Problem dar, denn es handelt sich dabei um eine verbotene Kopie des Führers höchstpersönlich.

Der Tombolagewinn stürzt Tycho in ernsthafte Gewissenskonflikte, denn der Adolfklon ist im Gegensatz zu seiner Vorlage friedlich, folgsam, bescheiden und höflich. Während A.H.6. übergangsweise in der Kammer auf einer Klappliege kampiert und sich beim Hecketrimmen im Garten nützlich macht, versucht Tycho, den Gewinn zurückzugeben, doch das ist nicht so einfach, vor allem, als er herausfindet, was wirklich mit den verbotenen Klonen passiert. Zudem findet sein kleiner Sohn zunehmend Gefallen an „Dolfi“, dem neuen Mitbewohner, mit dem man fantastisch 2.Weltkriegs-Simulationsspiele zocken kann.

Als schließlich noch Marilyn, der atemberaubend schöne Klon, der eigentlich Tychos Nachbarn gehört, vor der Tür steht und sich herausstellt, dass es sich dabei um eine Raubkopie handelt, kann Tycho sich vor Problemen kaum noch retten…

Saintonge entwirft in seinem Roman ein Szenario, das im Vergleich zu anderen Zukunftsvisionen recht brav daherkommt: Klone sind angesichts des heutigen Wissenschaftsstandes vorstellbar und wie Protagonist Mercier darlegt, ist ihre „Erschaffung“ und der Handel mit ihnen auch streng geregelt: 70 Jahre muss eine Person bereits gestorben sein, bis sie geklont werden darf; das Klonen historisch umstrittener Persönlichkeiten ist verboten.
Doch dem Autor geht es weniger um die ethische Frage des Klonens an sich, sondern eher darum, wie viel Mensch denn nun in einem solchen Abbild steckt.

Auch wenn sich Tycho, darüber Sorgen macht, ob man Adolf Hitler seinen Rasen mähen lassen kann ohne sich den eigenen Ruf zu ruinieren, stecken in Wahrheit viel tiefschichtigere Probleme dahinter:
Ist „Dolfi“ böse, nur weil seine Vorlage ein Monster war? Können sich die schlechten Eigenschaften und Ideen der Vorlage auf den Klon übertragen, oder sind sie bereits in ihm angelegt? Hat er deshalb kein Recht  auf Leben? Muss ein Klon eher als Sache oder doch als vollwertige Person gewertet werden?

Saintonge schafft es am Anfang überzeugend, Tychos moralischen Zwiespalt darzulegen: der Leser entwickelt mit dem Protagonisten Mitgefühl für „Dolfi“, der nach der Rasur nicht mehr viel mit seiner Vorlage gemein zu haben scheint. Dennoch vermag es der Autor nicht, die Idee stringend bis zum Ende durchzuhalten. Stattdessen verzettelt er sich in einer zögerlichen, wenig entschlussfreudigen Hauptfigur und unnötigen, nicht konsequent gesetzten Zeit-  und Handlungssprüngen.

Erst am Ende des Buches nimmt der Plot wieder Fahrt auf und Tycho trifft  „seine Klone“ wieder – in einer bizarren Umgebung, die dem Buch eine schrille und abgedrehte Note verleiht, die irgendwie nicht so recht zum restlichen Plot passen mag.

In einem Satz:
„Dolfi und Marilyn“ ist eine hübsche Gesellschaftssatire mit einigem Biss, die mit einer guten Idee wichtige ethische und moralische Fragen aufwirft, die aber bei der planerischen Umsetzung einige Schwächen offenbart.


François Saintonge. Dolfi und Marilyn. Erscheinungstermin: 08. September 2014. 288 Seiten. Verlag: carl`s books. ISBN: 978-3-570-58537-5. € 14,99

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