racculia_k_willkommen-im-bellweather_hotelHotelgeschichten sind immer vielversprechend. Und bei Zimmern, in denen schreckliche Dinge passiert sind, denkt man sofort an Zwillinge in blauen Kleidchen und schon spürt man wohlige Gruselschauer, die den eigenen Rücken hinunterlaufen. Auch im Bellweather Hotel gibt es ein solches Zimmer. Doch das wissen Rabbit Hatmaker und seine Zwillingsschwester Alice noch nicht, als sie für das Wochenende in dem alten Hotel einchecken, um am „Statewide“, einem landesweiten Musikwettbewerb, teilzunehmen. Kate Racculia lässt in ihrem verschneiten Hotel allerlei skurrile Charaktere aufeinandertreffen und mischt noch ein bisschen Drama bei. Ganz unterhaltsame Story, die jedoch über ihre eigene Kapriziosität stolpert.

Kate Racculia mag Stephen King. Oder zumindest mag sie The Shining, eines seiner Bücher, denn an dessen Motiven hat sie sich reichlich bedient. Es ist aber auch verlockend: Ein altes, etwas heruntergekommenes Hotel mit etlichen Etagen, langen Fluren, vielen leeren Zimmern. Perfektes Setting. Abgewetzte Teppiche liegen auf den Fluren, das Haus hat seine besten Zeiten hinter sich und lebt eigentlich nur ein Mal im Jahr so richtig auf: Wenn der jährliche landesweite Musikwettbewerb hier ausgetragen wird und Dutzende Halbwüchsige respektlos das altehrwürdige Gebäude in Beschlag nehmen, über die Korridore rennen und überall in den Zimmern Instrumente gestimmt werden.

Genau wie in der Kingschen Blaupause ist es Winter, es gibt – als schlauen Fingerzeig der Autorin – einen furchtbaren Schneesturm, der das Verlassen oder Aufsuchen des Hotels nahezu unmöglich macht, so dass alle darin befindlichen Personen einander auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind. Damit ist die Basis des Romans bereits gelegt. Fehlt noch das ominöse Zimmer, denn auch das gibt es in dieser „Shining-Light“-Version. In Zimmer 712 sind einst schreckliche Dinge geschehen, wie der Leser im Laufe der Geschichte herausfindet, und das Zimmer gewinnt noch an Bedeutung, als ausgerechnet während des Wochenendes des Musikwettbewerbes die talentierteste Flötistin daraus verschwindet.

Was gibt es noch über den Roman zu sagen? Vielleicht, dass er gespickt ist mit Personen, die allesamt seltsam sind. Seltsam und überdreht, um nicht zu sagen exhaltiert. Während Rabbit Hatmaker, „Held“ der Geschichte, noch recht durchschnittlich daherkommt, hat seine Zwillingsschwester Alice ganz augenscheinlich nicht alle Tassen im Schrank. Sie schreibt an ihrer Biografie, macht sich allerlei seltsame Gedanken und ist ziemlich anstrengend. Außerdem vervollständigen dann noch Fisher Brodie, der schwer durchschaubare, reizbare Dirigent, Minnie Graves, die einige Traumata aus ihrer Jugend mit sich herumschleppt und die schreckliche Viola Fabian, die einen Stein statt eines Herzens in ihrer Brust beherbergt, das illustre Figurenkarussell.

Versteht mich nicht falsch, „Willkommen im Bellweather Hotel“ ist kein schlechtes Buch. Es ist ambitioniert, hat eine Reihe von richtig guten Dialogen und ist ein durchaus unterhaltsamer Roman über ein Wochenende, an dem viele übergeschnappte Teenager und ihre Lehrer in einer Situation gefangen sind, die sich immer mehr zuspitzt. Racculia borgt ordentlich und offenbar auch mit voller Absicht bei King, bei Glee und auch bei Agatha Christie. In klassischer Whodunnit-Manier verfolgt der Leser dabei durch die Wahrnehmung Einzelner, wie dem Geheimnis von Zimmer 712 auf die Spur gekommen wird und nach und nach alle ihre Leichen aus den Kellern holen. Das Problem ist, dass Racculia zu viel will: Sie möchte ein düsteres Drama schreiben und zur selben Zeit eine Parodie auf Schulaufführungen, schwankt zwischen Sarkasmus, Witz und Drama und kommt dabei des Öfteren vom Weg ab. Als sie dann auch noch eine Art Geistergeschichte und einen Liebesplot mit untermischt, ist es vorbei mit der Glaubwürdigkeit, denn so, wie der Leser das Genre kaum einzuordnen vermag, verhalten sich auch die Charaktere – von ihren pubertären unverständlichen Höhenflügen mal abgesehen. Ein bißchen weniger von allem hätte dem Buch sicher gut getan.

In einem Satz:

In Racculias Bellweather Hotel gibt es Drama, Geister, einen Mordfall, eine Menge durchgedrehter Teenager und viele geistvolle Gespräche über das Leben und überhaupt. Etwas weniger von allem wäre schön gewesen.


Kate Racculia. Willkommen im Bellweather Hotel. (Im Original: The Bellweather Rhapsody) Aus dem Englischen von Elfriede Peschel. Erschienen am 23. November 2015. 448 Seiten. Limes Verlag, ISBN: 978-3809026440, € 19,99. –

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