Dick_Philip_K_Unterwegs _in_einem_kleinen_LandKalifornien, 1952. Roger und Virginia Lindhal führen eine schwierige Ehe, auf den ersten Blick scheint sie nichts zu verbinden, und dieser Eindruck bestätigt sich auch bei näherem Hinsehen. Um ihren sechsjährigen Sohn Gregg aus der Schusslinie  der elterlichen Giftpfeile zu bringen, möchte Virginia ihn gern auf ein abgelegenes Internat in den Bergen geben. Roger ist zunächst dagegen, doch bei der Besichtigung der Schule lernt er das Ehepaar Bonner kennen, deren Jungen auch das Internat besuchen, und ändert seine Meinung. Die Familien sind von nun an nicht nur durch eine Fahrgemeinschaft verbunden, denn die zerstörerische Anziehungskraft zwischen Liz Bonner und Roger wird das Leben der Elternpaare von Grund auf verändern.

Irgendwann vor fünf oder sechs Jahren sah ich im Fernsehen eine Buchempfehlung zu Philip K. Dicks „Unterwegs in einem kleinen Land“. Das Buch wurde wohlwollend besprochen, doch im Gedächtnis blieb es mir wohl all die Jahre über, weil ich ein solches Buch niemals einem Autor wie Philip K. Dick zugeordnet hätte, der mit einer großen Anzahl von Romanen heute vor allem als einer der bedeutendsten amerikanischen Sciene-Fiction-Autoren gilt. Als ich vor kurzen mal wieder zufällig über das Buch stolperte, fiel mir die Buchempfehlung von damals wieder ein und ich habe es spontan und sehr neugierig gekauft.

Die Lindhals führen eine Ehe voller Spannungen. Seit mittlerweile neun Jahren leben sie in Los Angeles, die Träume, mit denen sie hierher gekommen sind, haben einer ermüdenden Realität Platz gemacht. Beide haben ihren Job in der Rüstungsindustrie nach dem Krieg verloren. Roger hat mit dem Geld seiner Schwiegermutter einen Laden für Fernsehelektronik aufgemacht, fühlt sich aber deshalb stets von seiner Frau abhängig und ihr unterlegen, obwohl sie kaum dazuverdient und sich hauptsächlich um den gemeinsamen Sohn Gregg kümmert. Unterschwellige Sticheleien und Überdruss machen die Ehe der beiden aus. Virginia ist daher von der Idee angetan, ihren Sohn auf ein abgelegenes Internat zu geben, um ihn von den Misstimmungen zwischen seinen Eltern fernzuhalten. Weil die Schule teuer und mit dem Auto nur durch eine ermüdend lange Fahrt zu erreichen ist, ist Roger dagegen. Das ändert sich, als er bei der Besichtigung Liz Bonner und ihren Mann Chic kennen lernt, deren Söhne ebenfalls das Internat besuchen. Liz Bonner ist eine attraktive, aber völlig chaotische und etwas weltfremde Person, die auf Roger einen unwiderstehlichen Reiz ausübt. Weil sie das genaue Gegenteil seiner intelligenten und oft kühl-distanzierten Frau ist, kann Roger Liz nicht widerstehen und beide beginnen eine heimliche Affäre, die für beide Familien alles verändern wird.

Klingt nicht so spannend, werden einige jetzt denken. Aber nur auf den ersten Blick. Der Plot ist bei diesem Buch nämlich nur zweitrangig; Geschichten von außerehelichen Affären wurden in Büchern millionenfach erzählt. Dicks Roman ist vielmehr eine fantastische Milieustudie. Sie beleuchtet das Leben zweier Mittelstandsfamilien in den Fünfzigern im einem wirtschaftlich aufstrebenden Amerika voller Träume und hochfliegender Pläne. Für junge Leute scheint alles möglich, technische Neuerungen wie das Farbfernsehen verbreiten Euphorie und Aufbruchstimmung, eine gute Idee verspricht die Chance auf das große Geld. Das jedoch ist nur wenigen vergönnt, schon zeichnen sich die Probleme späterer Jahrzehnte ab: Die Schwierigkeiten, einen Job zu finden und zu behalten, die Härten der Ellbogengesellschaft, soziale Verpflichtungen auf Kosten der eigenen Freiheit, Konsum, Umweltprobleme aufgrund der schnellen wirtschaftlichen Entwicklungen. Am Ende zerplatzen die rosaroten Träume oder verwandeln sich in eine deprimierende Realität, in der man in einer der vielen gesichtslosen Vororte in einem kleinen, auf Kredit gekauften Haus landet, sich um die Kinder kümmert, jeden Morgen zu Arbeit fährt und den eigenen bescheidenen Wohlstand pflegt.

Das ist auch genau Virginias Problem: dass sie sich das alles anders vorgestellt hatte. Ihr romantische Vorstellung von der Liebe ist zerstoben Roger ist auch nur ein Mann wie alle Männer. Der hingegen fühlt sich von der Ehe enttäuscht und als Versager, weil er es nicht aus eigener Kraft geschafft hat, sich eine Existenz aufzubauen.  Beide gehen anders mit ihrer jeweiligen Frustration um: Virginia reagiert pragmatisch und denkt ans Geldverdienen, Roger flüchtet sich in eine glückliche Scheinwelt und klammert sich an ein paar sorgenfreie Stunden mit Liz, weil er es nicht fertig bringt, sich seinen Problemen zu stellen.

Desillusionierung ist eines der Hauptmotive des Romans, der eine Zeit beschreibt, die schon über sechzig Jahre zurückliegt und doch durch Dicks Figuren und ihr soziales Umfeld erstaunlich lebendig wird. Mit fast chirurgischer Präzision zerlegt der Autor seine Figuren und ihre Beziehungen zueinander, gibt ihnen durch Rück- und Vorgriffe Tiefe und eine eigene Geschichte, aus der auch deutlich wird, warum sie so und nicht anders handeln und dass sie, obgleich sie individuell zu agieren scheinen, doch nur in ihrem starren Korsett aus sozialen Konventionen gefangen sind und ihr „kleines Land“ nicht verlassen können.

Es entsteht ein lebendiges Portrait der USA in den Fünfzigern, das Bild eines Amerikas im Umbruch, einer Gesellschaft auf dem Weg in die Moderne, in der Menschen vom Morgen träumen und doch erst damit beginnen, sich von biederen Moralvorstellungen und Regeln zu befreien. „Unterwegs in einem kleinen Land“ hat mich begeistert und gefesselt. Ein Buch für einen verregneten Nachmittag in einem gemütlichen Café, in das man versinkt um erst Stunden später sehr nostalgisch wieder aufzutauchen.

In einem Satz:

Ein Glücksgriff diese posthume Übersetzung eines der frühen Werke des Autors ins Deutsche: Sie zeigt Philip K. Dick von einer ganz neuen Seite, der eines aufmerksamen Zeitzeugen und eines großartigen Realisten. 


Philip K. Dick. Unterwegs in einem kleinen Land. (Im Original: Puttering about in a small land) Aus dem Englischen von Jürgen Bürger und Katrin Bielfeldt. Erschienen am 24.08.2009. 378 Seiten. Liebeskind, ISBN: 978-3935890632, € 22,00

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