ogawa_y_schwimmen_mit_elefantenDer  Junge ist ein Einzelgänger. Er hat imaginäre Freunde und wird in der Schule gehänselt, weil seine Lippen nach einer missglückten Operation seltsam aussehen. Als er dem dicken Mann begegnet, der in einem ausrangierten Bus lebt, weiht der ihn in die Geheimnisse des Schachspiels ein. Schnell wird klar, dass der Junge mit großem Talent gesegnet ist. Sein eigenwilliger Spielstil eröffnet ihm neue Chancen; er wird das unsichtbare Herz eines wundersamen Schachautomaten und bringt in der Enge und Dunkelheit der Maschine seine Kunst zur Vollendung. 

Ogawas „Schwimmen mit Elefanten“ ist ein hochpoetischer Roman über Talent und Leidenschaft und über die Kraft der Freundschaft. 

Yoko Ogawa gilt als eine der wichtigsten japanischen Autorinnen der Gegenwart. Ich bin erst kürzlich eher zufällig auf sie gestoßen, doch schon Das Museum der Stille und Das Geheimnis der Eulerschen Formel, die beiden Bücher, die ich bisher von ihr gelesen habe, haben mich sehr beeindruckt. Ich mag ihre Mischung aus alltäglichen, fast banalen Geschichten mit einem Hang zum Unerklärlichen, Mystischen und wurde auch dieses Mal nicht enttäuscht.

In Schwimmen mit Elefanten geht es nicht um Mathematik, sondern um Schach. Erneut gelingt es der Autorin, ein Thema, in Bezug auf welches sich wohl nur eine elitäre Gruppe Menschen Spezialisten nennen kann, in den Mittelpunkt des Interesses zu rücken. Protagonist der Geschichte ist ein Junge, der mit seinem kleinen Bruder bei den Großeltern, armen und bescheidenen Leuten, aufwächst. Weil bei seiner Geburt seine Lippen zusammengewachsen waren und die mit diesem seltenen Phänomen überforderten Ärzte in einer Hals-über-Kopf-Operation die Lippen trennten und Haut aus seinem Oberschenkel zur Verpflanzung benutzten, muss er nun mit einer auffälligen Narbe leben, die ihn zum Außenseiter macht. Trost findet er bei seinen imaginären Freunden, einem Elefanten, der bis zu seinem Tod auf dem Dach eines Kaufhauses angekettet leben musste und bei Miira, einem Mädchen, das der Legende nach in einem Mauerspalt eingeklemmt wurde und als Mumie immer noch herumspuken soll.

Als er zufällig einen ehemaligen Busfahrer kennenlernt, der gemeinsam mit seiner Katze in einem ausrangierten Bus lebt und unheimlich gern Süßes isst, ändert sich sein Leben, denn der Mann führt ihn in die Geheimnisse des Schachspiels ein. Bald spielen sie täglich, denn der Junge ist talentiert und versteht schnell, dass Schach mehr ist, als lediglich Figuren auf einem Brett hin- und herzubewegen.

„Schach ist wie ein Spiegelbild, das einen Menschen mit all seinen Eigenheiten zeigt.“

Weil der Junge die merkwürdige Angewohnheit hat, während des Spiels unter dem Brett zu sitzen, wird er trotz seiner Fähigkeiten bei einem elitären Schachclub abgelehnt. Stattdessen übernimmt er die Bedienung einer Schachpuppe, die als „Kleiner Aljechin“ bald zu einem Geheimtipp unter Schachgrößen wird. Gemeinsam mit seiner Assistentin, dem Mädchen mit der Taube, führt der Junge sein geheimes Leben zwischen dem Inneren der Schachpuppe und den düsteren Katakomben des ehemaligen Schwimmbades am „Grunde des Meeres“, wo in den Nächten seine Spiele stattfinden, bis eines Tages etwas Schlimmes passiert und der Junge eine Entscheidung treffen muss.

Yoko Ogawa ist eine wunderbare Autorin. Geradezu meisterhaft kann sie aus einer kleinen, unscheinbaren Geschichte ein wahres Kunstwerk spinnen. Dabei ist nicht entscheidend, was passiert, denn ihre Bücher haben keine Action, kein großes Feuerwerk, keine Cliffhanger. Ogawas Dramatik entwickelt sich im Stillen, auf leisen Sohlen schleicht sie sich an, spinnt ihre Leser ein mit ihrer zarten und doch kraftvollen Sprache, ihrer Flüsterpoesie. Nie hätte ich für möglich gehalten, dass ein Buch, in dem zahlreiche Schachpartien beschrieben werden, mich derart fesseln kann. So wird bei Ogawa das Spiel der Könige abwechselnd zu Kräftemessen und Krieg, zu Sinfonie und Tanz, zu einem Ozean und einer Metapher für das ganze Leben.

„Dann ist Schachspielen in etwa so, als würde man von Stern zu Stern reisen, oder? – „Stimmt genau. Auf der Erde gäbe es nicht genug Platz dafür, also muss man ins All fliegen.“

Ogawa schreibt unaufgeregt und und schafft es, genau wie in Das Geheimnis der Eulerschen Formel, ein sperriges Thema in leichte, wohlschmeckende Happen zu zerteilen, die nicht nur appetitlich aussehen, sondern auch noch ganz wunderbar auf der Zunge zergehen.

In einem Satz:

Ein toter Elefant, ein Mumienmädchen mit Taube, ein Schachspiel … bei Ogawa sieht man ein, warum diese drei perfekt zusammenpassen. Poetisch. Kraftvoll. Einfach wunderbar.   


Yoko Ogawa. Schwimmen mit Elefanten. (Im Original: Neko wo Daite Zo to Oyogu) Aus dem Japanischen von Sabine Mangold. Erschienen am 05. Dezember 2014. 318 Seiten. Aufbau Taschenbuch, ISBN: 978-3746630809, € 9,99

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