Ogawa_Y_Der_Herr_der_kleinen_VögelNeben dem Kindergarten gibt es eine Voliere mit vielen verschiedenen Vogelarten darin. Manche Leute bleiben  stehen. Staunen. Schauen. Ein Mann aber kümmert sich aufopferungsvoll, wechselt das Wasser, reinigt den Käfig, spricht mit den Tieren. Als er plötzlich stirbt, nimmt sein jüngerer Bruder seinen Platz ein. Um dem geliebten Bruder nahe zu sein, wird er zum „Herrn der kleinen Vögel“ und entdeckt nach und nach die Tiefe und stille Leidenschaft hinter dem Hobby seines Bruders.

Wieder ein Liebeskind-Buch zum Träumen. Ogawa ist eine Meisterin der Beobachtung, eine Fürsprecherin der Stillen und eine Künstlerin, die Realität und Mystik zu einem kraftvollen Zaubertrank zu verquirlen weiß.

Als sein älterer Bruder stirbt, bricht für den jüngeren eine Welt zusammen. Jahrelang haben die beiden zusammengelebt, alles geteilt und nicht nur eine feste gemeinsame Routine, sondern auch eine ganz eigene Sprache entwickelt. Nun bleibt der jüngere Bruder allein zurück und ist zunächst gefangen im Schmerz des Verlustes. Erst nach und nach findet er zurück in feste Strukturen und erfährt Halt, indem er die Voliere neben dem Kindergarten besucht, deren Vögel sein Bruder jahrelang versorgt hat. Obwohl der jüngere Bruder vorher nie Interesse an Vögeln hatte, beginnen die Tiere, ihn immer mehr zu faszinieren, bis er selbst die Aufgabe seines verstorbenen Bruders übernimmt und die Pflege der Vögel zu seiner täglichen Beschäftigung wird. Die Nähe zu den Tieren lässt ihn die Distanz zum Bruder vergessen, in ihrer Gesellschaft fühlt er sich mit ihm auch über den trennenden Tod hinaus verbunden. Bald braucht er die Vögel ebenso sehr, wie diese auf seine Pflege angewiesen sind. Seine Aufgabe erfüllt er mit einer Präzision, die ihresgleichen sucht, und doch schafft er es, dabei im Hintergrund zu bleiben, seine eigene Persönlichkeit so sehr zu verbergen, dass er von der ganzen Nachbarschaft nur als der Herr der kleinen Vögel wahrgenommen wird. Bald ist sein Ich untrennbar mit den Vögeln verschmolzen.

Der jüngere Bruder ist, genau wie der ältere es war, kein geselliger Mensch. Als Leser vermutet man schnell, dass er Autist ist oder an einer Sozialphobie leidet. In seinem Leben gibt es praktisch keinen tiefergehenden Kontakt zu anderen Menschen, denn als sein Bruder noch lebte, waren sich beide genug und so nah, dass andere Menschen in dieser engen Beziehung wie Eindringlinge gewirkt hätten. Um so einschneidender sind die beiden Bekanntschaften, die der jüngere Bruider dann macht: die der Bibliothekarin, die ihm Bücher über Vögel in der Bibliothek bestellt und so Zugang zu ihm findet und die eines alten Mannes, der eine Zikade in einer Schachtel hält und damit genau wie er eine enge Beziehung zu einem bestimmten Tier als zentrales Element in seinem Leben betrachtet.

Nun, da er den Finken singen hörte, verstand er auf einmal, dass es tatsächlich eine Ode auf die Liebe war. Kein Lebewesen würde von einer derartigen Inbrunst erfüllt sein, wenn es um etwas anderes ginge als die Liebe.

Der Herr der kleinen Vögel ist nicht mein erstes Buch von Yoko Ogawa. Ich bin mit ihrem Schreibstil vetraut, der auf den ersten Blick schlicht und schnörkellos ist, jedoch auf seine ganz eigene Art fast subversiv eine zweite Ebene transportiert, auf der alles Ungesagte, Unterschwellige und auch Mysteriöse mitschwingt. Auch in diesem Buch geht es um einen unscheinbaren Menschen, doch es ist gerade diese Eigenschaft, dass er für andere fast unsichtbar ist, die ihn heraustreten lässt aus der Masse der ihn umgebenden Menschen und zu etwas ganz Besonderem werden lässt.

Ogawa schreibt und während man ihr folgt, werden nach und nach alle störenden Umgebungsgeräusche ausgeblendet. Ihr ruhiger Stil lässt den Leser dahingleiten, saugt ihn auf. Während der jüngere Bruder in die Voliere geht, steht man daneben und hört das sirrende Geräusch, das der Besen auf dem Boden macht, sieht die Körner fallen, während die Vögel sich tschilpend darum streiten, fühlt die zarten Daunen einer Feder, die herabgesegelt ist. Eigentlich passiert nicht viel in der Geschichte vom Herrn der kleinen Vögel. Doch Yoko Ogawas unprätentiöser Stil täuscht. Ihre Bücher sind auf den ersten Blick wie unscheinbare Sperlinge, die leicht übersehen werden. Ihr Geschichten über kleine Leute lassen zunächst nichts ahnen von dem großen Können der Autorin und ihrer meisterhaften Gabe, sich in Menschen einzufühlen. In Der Herr der kleinen Vögel stellt Ogawa dies erneut unter Beweis. Ein Buch über Sehnsucht und Liebe und über die Einsamkeit des Menschen in einer anonymisierten Gesellschaft. Ein Buch, das man nur schwer beschreiben kann, aber unbedingt lesen sollte.

In einem Satz:

Wieder hat sich es sich bestätigt: Bücher aus dem Verlag Liebeskind sehen nicht nur wunderschön aus, sie sind auch echte Perlen. Und Leute – bitte probiert es aus und lest Ogawa…


Yoko Ogawa. Der Herr der kleinen Vögel. (Im Original: Kotori) Aus dem Japanischen von Sabine Mangold. Erschienen am 24. August 2015. 272 Seiten. 978-3954380503. Liebesbeskind, ISBN: 978-3954380503, € 18,90

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