19014_Naipaul_Mr.Biswas_RME_fin.inddV.S. Naipaul hat  bisher über 20 Romane und Sachbücher veröffentlicht und erhielt im Jahr 2001 den Nobelpreis für Literatur. Zu seinen bekanntesten Werken gehört „Ein Haus für Mr. Biswas“, in dem er das Leben seines Vaters und seine eigene Kindheit in der Welt indischer Einwanderer in Trinidad verarbeitet. 

Mr. Biswas ist ein echter Pechvogel. Er wird  – wie seine Familie mit Schrecken vernimmt – mit sechs Fingern geboren. Der Pandit prophezeit ihm daraufhin ein Leben als Unheilsbringer, und tatsächlich finden sich im Verlauf seiner Kindheit unglückselige Zwischenfälle aufgereiht wie bunte Perlen an einer langen Schnur.

Aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen indischer Einwanderer versuchen Biswas` Eltern und seine wohlhabende Tante, ihn für einen Beruf zu begeistern, doch Mr. Biswas bleibt auch dabei vom Pech verfolgt, wird schließlich Schildermaler und kommt irgendwie genauso ungeplant zu einer Frau und einer Handvoll Kindern, mit denen er demnach kaum umzugehen weiss.

Nach seiner Heirat wird Mr. Biswas`Leben  zu seinem ständigen Verdruss völlig vom Familienclan seiner Frau bestimmt. Zwar schafft er es, zum Reporter aufzusteigen, doch jeder neue Versuch, sich irgendwo niederzulassen, ein Haus zu bauen und Distanz zur Familie aufzubauen, scheitert und wirft Biswas zurück in ein Verwandtschaftsgefüge, das ihn wie ein vielarmiges Seeungeheuer festhält und immer tiefer absorbiert.

„Ein Haus für Mr. Biswas“ ist eine tragischkomische Erzählung um einen Protagonisten, der sein ganzes Leben davon träumt, einfach nur in Ruhe gelassen zu werden und in seinem eigenen Haus auf der Veranda eine Tasse heiße Milch zu trinken. Stattdessen heiratet er in eine unüberschaubar große Familiensippe ein, die sich ihrer Fortschrittlichkeit rühmt, jedoch mit all ihren Mitgliedern vehement an alten indischen Traditionen und Bräuchen festhält und damit viel rückwärtsgewandter lebt, als ihre Verwandten in der indischen Heimat. Trotzdem vermischen sich mit den Jahren auch die hier alte und neue Bräuche, so dass einerseits Wert aufs Heiraten innerhalb des Kastensystems gelegt, andererseits jedoch „vorsichtshalber“ auch gleich das Weihnachtsfest mitgefeiert wird.

Das Buch hat keinen spannungsreichen Plot, keine unerwarteten Wendungen, kein emotionales Pathos. Naipaul blättert stattdessen auf über 700 Seiten mithilfe der Geschichte einer Familie die Studie eines ganzen Mikrokosmos auf. Leise, fast abgeklärt, berichtet er von Tragödien und Tiefschlägen im Leben eines Mannes, der ganz gewöhnlich ist und nichts Besonderes, der nicht einmal sehr liebenswert ist und mit vielen Schwächen behaftet, doch gerade dadurch gelingen ihm vortreffliche menschliche Portraits, die dem Buch seine ganz eigene, besondere Stimmung verleihen.

In einem Satz:
Naipaul erweisst sich einmal mehr als fantastischer Beobachter und Berichterstatter und erschafft das stimmungsvolle Portrait einer indischen Familie im karibischen Exil, von dem man auch lange nach dem Lesen einen bittersüßen Geschmack auf der Zunge zurückbehält.


V.S. Naipaul. Ein Haus für Mr. Biswas. Veröffentlichungsjahr: 1961. Erscheinungstermin Fischer Taschenbuch: 25. Juli 2012. 736 Seiten. Verlag: Fischer TB, ISBN: 978-3-596-19014-0, € 12,99 

 

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