McEwan_I_KindeswohlFiona Maye ist Familienrichterin am High Court. Erfolgreich, rational und gewohnt, im Berufs- aber auch im Privatleben alles unter Kontrolle zu haben, wird Fiona eines Tages nach fast 30-jähriger Ehe von der Ankündigung ihres Mannes Jack, eine Affäre haben zu wollen, völlig aus der Bahn geworfen. Der neue McEwan verspricht Genuss und Anspruch, denn schon in „Abbitte“ und „Am Strand“ konnten McEwans meisterhafte Figurenzeichnungen und psychologische Studien begeistern.

Während Ihr Mann Jack ihr versichert, sie zu lieben, aber sich sexuell vernachlässigt  fühlt und daher sein Abenteuer mit einer deutlich jüngeren Statistikerin gerechtfertigt sieht, bricht für Fiona eine Welt zusammen, und sie findet sich erstmals in der ihr unbekannten Lage wieder, die Kontrolle über einen großen Teil ihres Lebens verloren zu haben. In der Folge beobachten wir, wie Fiona strauchelt und mit Schock, Wut, Trotz, Trauer und Verzweiflung verschiedene Phasen emotionaler Reaktionen auf das Eingeständnis ihres Mannes durchläuft. Schon hier zeigt sich erneut McEwans meisterhaftes Händchen für die Psyche von schwierigen Frauencharakteren. Genau und mit erstaunlicher Beobachtungsgabe seziert er in Chirurgenmanier Fionas geschundene Psyche und erzeugt durch geschickt gesetzte Rückblenden ein stimmiges Bild einer Ehekrise, die zwar auf den ersten Blick profan und alltäglich scheinen mag, die aber im Laufe der Geschichte zunehmend ihre Tiefe offenbart.

Während ihr Privatleben immer mehr einem Scherbenhaufen zu gleichen beginnt, muss Fiona in ihrem Job weiter Professionalität bewahren.Täglich sieht sie sich mit Fällen konfrontiert, in denen es vor allem um schmutzige Scheidungen oder religiöse Dispute geht, in denen vor allem Kinder die Leidtragenden sind. Ihr aktueller Fall des 17-jährigen Adam, der aufgrund seiner Zugehörigkeit zu den Zeugen Jehovas eine lebenswichtige Bluttransfusion verweigert, stellt sie vor eine höchst anspruchsvolle ethisch-moralische Entscheidung. Kindeswohl oder die Freiheit zur Ausübung einer Religion mit all ihren – notfalls auch – tödlichen Konsequenzen? Gesunder Menschenverstand und Vernunft gegen Glaube und Überzeugung. Das Thema ist keinesfalls neu und auch der Urteilsspruch der Richterin birgt wenig Überraschendes, doch bei McEwan endet dieser Job für Fiona nicht mit der Urteilsverkündung, denn dadurch, dass sie Adam unkonventionellerweise aufgesucht und mit ihm gesprochen hat, fühlt dieser sich plötzlich mit ihr verbunden. Die bisher von Fiona peinlich genau gezogene Grenze zwischen ihrem Berufs- und Privatleben droht zu verwischen.

McEwan behandelt in „Kindeswohl“ altbekannte Themen, versteht es jedoch, die verschiedenen Stränge geschickt zu verflechten und schafft einen Roman, der einen packenden Justizthriller und ein treffsicheres Psychogramm in sich vereint. McEwans präzise Sprache und punktgenaue Formulierungen zergehen dabei auf der Zunge.

In einem Satz:
Ein erstaunliches und leises Buch über Erfolg und das Scheitern, über Moral, Vernunft und Objektivität, das besonders durch seine fantastischen Figurenstudien und sein Ende im Gedächtnis bleiben wird.


Ian McEwan – Kindeswohl. Erscheinungstermin: 09. Januar 2014. 224 Seiten. Verlag: Diogenes. ISBN: 978-3-257-06916-7. € 21,90 

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