Macdonald_H_H_wie_Habicht_1Während andere Kinder ein Instrument lernen oder draußen spielen gehen, ist Helen Macdonald fasziniert von Greifvögeln und liest alles, was sie über die Tiere in die Finger bekommen kann. Später richtet sie Falken ab, doch die sind gut zu zähmen. Heimlich träumt sie immer davon, einen Habicht, den mörderischsten aller Vögel, zu halten. Als 2007 ihr Vater stirbt, stürzt Macdonald in eine tiefe Krise. Dann kauft sie den Habicht und beginnt ihren Kampf, das Vertrauen des Vogels zu gewinnen und  den Weg zurück zu sich selbst zu finden. H wie Habicht ist Tagebuch, Naturessay und Biografie in einem und absolut ungewöhnlich und faszinierend.

Von Kindesbeinen an ist Helen Macdonald fasziniert von der Falknerei. Akribisch eignet sie sich das Fachvokabular an, schläft sogar mit den Armen auf dem Rücken, um sich selbst wie ein Raubvogel zu fühlen. Habichte jedoch meidet sie stets, bezeichnet sie als „fahläugige Psychopathen, die im Dickicht der Wälder lebten und töteten“. Trotzdem kann sie sich deren Faszination nicht entziehen, der Habicht geistert jahrelang durch ihre Träume, lässt sie nicht in Ruhe.

Erst als 2007 ihr Vater stirbt und Macdonald in eine Krise gerät und aus ihrer Spirale aus Trauer und Identitätsverlust keinen Ausweg mehr findet, sucht sie die direkte Konfrontation. Von einem Züchter kauft sie einen weiblichen Habicht und nennt ihn Mabel. In wochenlanger Isolation und Dunkelheit lebt sie mit dem Tier in ihrem Wohnzimmer zusammen, denn der Habicht muss von jeglichem Stress, von der Außenwelt, ferngehalten werden. Macdonald verbringt ihre Zeit auf dem Sofa, schaut mit dem Habicht zusammen fern, ernährt sich von Tiefkühlpizza, um das Tier nicht allein zu lassen. Neben ihren Pizzen im Gefrierer lagern die Eintagsküken für Mabel.

„Der Habicht war all das, was ich sein wollte: Ein Einzelgänger, selbstbeherrscht, frei von Trauer und taub gegenüber den Verletzungen des Lebens.“

Nach und nach wird der Habicht zutraulicher, lässt sich anfassen, nimmt Futter entgegen, lernt, auf Kommando auf den Handschuh zu fliegen. Macdonald kann ihn auf erste Spaziergänge nach draußen mitnehmen, wo sie und der riesige Vogel von Passanten misstrauisch beäugt werden. Doch nicht nur der Vogel verändert sich. Je mehr Zeit Macdonald mit dem Habicht verbringt, desto mehr zieht sie sich zurück. Ihre sozialen Kontakte brechen weg, sie wird menschenscheu, und sie verwildert. Das Verhalten des Habichts scheint auf sie abzufärben, sein Charakter, seine Eigenheiten gehen auf sie über, zunehmend identifiziert sie sich mit dem wilden Tier. Als sie mit Mabel endlich jagen geht, erschrickt sie selbst von dem Ausmaß, das ihre Verbundenheit mit dem Vogel bereits angenommen hat: Wie der Habicht gerät Macdonald in einen Blutrausch, rennt stundenlang über die Wiesen, folgt dem jagenden Habicht ins Gebüsch, auf der Suche nach Kaninchen, rupft gar die erlegten Fasanen für das Tier, wie eine Mutter ihrem Kind das Futter darbieten würde.

Helen Macdonald hat sich selbst verloren. Bei dem Versuch, ihre durch die Trauer abhanden gekommene Identität wiederzufinden, hat sie sich selbst aufgegeben, hat sich so sehr auf den Habicht konzentriert, dass sie sich in sein Wesen geflüchtet hat, um sich mit ihrem eigenen nicht auseinandersetzen zu müssen. Sie ist zum Habicht geworden, wurde von seiner Wildheit aufgesogen, doch sie erkennt, dass eine solche Beziehung zwischen Mensch und Tier nicht möglich ist.

„Ich sehe. Da ist es. Ich spüre es. Den Sog des Habichts, meine uralte Sehnsucht, die Dinge aus der Perspektive des Greifvogels betrachten zu können. Ein sicheres und einzelgängerisches Leben zu führen, aus der Höhe auf die Welt hinunterzublicken und sie dort zu belassen. Beobachter zu sein: unverwundbar, unbeteiligt, ungeteilt.“

H wie Habicht ist ein Naturessay mit einem nicht gerade alltäglichen Thema, doch es ist auch Biografie und ein sehr persönliches Tagebuch zugleich, in dem die Autorin beschreibt, wie sie mithilfe ihres Habichts aus einer schweren persönlichen Krise findet. Es ist ein Prozess voller Rückschläge und Selbstzweifel, eine Beschreibung des radikalen Selbstversuches, mit einem gefährlichen Tier auf engstem Raum zusammenzuleben. Denn auch nach wochenlangem Kontakt, nach hart erarbeitetem Zutrauen, zeigt sich bei den kleinsten Auslösern, dass seine wahre Natur sich nicht unterdrücken lässt, dass er niemals gezähmt sein wird.

„Sofort schlug der Habicht die Klauen in meinen Handschuh, stieß sie in brutalen, dolchstoßartigen Krämpfen immer tiefer hinein. Töten. Das Baby weint. Töten.“

Es ist kaum zu glauben, aber Helen Macdonald hat es auch bei mir geschafft: Sie hat mich gepackt. Von der ersten bis zur letzten Seite habe ich dieses Buch verschlungen, mich in die wundervollen Landschaften, die Naturbeschreibungen verliebt. Großartig hat Macdonald ihre eigenen Erfahrungen mit dem Habicht mit denen des Schriftstellers T. H. White (1906 bis 1964, außer dem Artusroman Der König auf Camelot hat auch er mit The Goshawk ein Habichtbuch verfasst) verflochten. Beeindruckend und überhaupt nicht trocken verpackt sie ihr ornithologisches Fachwissen, ihre Sprachkraft ist fantastisch. Ein wunderbares Buch!

In einem Satz:

H wie Habicht ist ein absolut unkonventioneller und biografischer Naturessay, ein sehr persönliches Buch über Identitätsverlust, Scheitern und Selbstfindung und über Mabel, deren Wildheit und Unangepasstheit man schon nach den ersten Seiten unweigerlich erlegen ist. 


Helen Macdonald. H wie Habicht. (Im Original: H is for Hawk) Aus dem Englischen von Ulrike Kretschmer. Erschienen am 07. August 2015. 416 Seiten. Allegria, ISBN: 978-3793422983, € 20,00

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