jian_ma_die_dunkle_strasseKeines der Bücher von Ma Jian ist in seinem Heimatland frei erhältlich. Auch in seinem jüngsten Werk thematisiert der Exilautor kritische Fragen. In „Die dunkle Straße“ schildert er das Leben einer fiktiven Familie, die auf der Flucht vor den Vollstreckern der Ein-Kind-Politik als Flussnomaden auf dem Jangtse lebt und auch dort Behördenwillkür, Korruption, Gewalt und den Folgen einer rücksichtslosen Ausbeutung der Natur ausgesetzt ist.

Ma Jians Bild von China ist das einer lebensfeindlichen, grausamen Welt, die in all ihrer Künstlichkeit erschreckend real ist. 

Meili ist schwanger. Was in unserer Wahrnehmung ein freudiges Ereignis ist, ist für die junge Bäuerin und ihren Mann mit Sorgen und Ängsten verbunden, denn das junge Paar hat mit der kleinen Nannan bereits eine Tochter, und die strengen Vorschriften der Ein-Kind-Politik erlauben ihnen keine weiteren Kinder. Weil Verstöße gegen das Gesetz mit aller Härte bestraft werden und ihre Versuche, Meilis Bauch vor neugierigen Blicken zu verbergen, gescheitert sind, müssen Kongzi und Meili ihr Dorf verlassen und fliehen. Doch bei Verwandten kommen sie nicht unter und an Land sind sie nirgendwo sicher. Es bleibt nur ein Leben auf dem Fluss, denn dort, sagt Kongzi, werden die Vorschriften nicht so streng verfolgt, hat man Ruhe vor den Behörden.

Für Meili und Kongzi beginnt eine Odyssee auf dem Jangtse. Als Flussnomaden leben sie nun auf einem Boot, züchten Enten, verkaufen sie und träumen davon, Geld zu verdienen, sich niederlassen zu können, irgendwo sicher zu sein. Doch das Durchatmen währt nicht lang: Eines Tages wird die Familie von den Behörden eingeholt, Meilis zweite Schwangerschaft entdeckt, der ungeborene Sohn auf grausamste Weise im Mutterleib misshandelt, lebendig abgetrieben und schließlich ermordet. Meili überlebt. Sie ist am Boden, doch nicht besiegt. Die Familie rappelt sich auf, macht weiter. Meili verfolgt einen neuen Plan: Sie will nach Himmelsstadt, einem Ort weit im Süden, wo Elektronikmüll aus der westlichen Welt recycelt wird und wo die Luft so verpestet ist, dass Frauen und Männer unfruchtbar werden und so weitere Schwangerschaften unmöglich sind.

„Wenn Sie nicht still sind, tragen Sie die Verantwortung, falls ein medizinischer Unfall passiert“, sagt die Frau. „Ihre Gebärmutter gehört dem Staat, ohne Genehmigung schwanger zu werden, verstößt gegen das Gesetz. Tragen Sie Ihren Fall der Regierung vor, wenn Sie möchten. Gehen Sie nach Amerika – dann sehen Sie, was die dazu sagen. Chinas Bevölkerungspolitik hat die volle Unterstützung der Vereinten Nationen. Verstehen Sie das, Sie ungebildetes Bauernweib?“

„Die dunkle Straße“ entwirft ein düsteres Kapitel von China um die Jahrtausendwende, vor der Lockerung seiner Ein-Kind-Politik. Während in den letzten Jahren langsam gegengesteuert wird und es Paaren nun teilweise gestattet ist, ein zweites Kind zu bekommen, lebt die Familie in Ma Jians Roman in einer Zeit, in der es nicht nur hohe Strafen für das Austragen eines zweiten Kindes gab. Behörden durchforsteten das ganze Land nach Übertretungen der Vorschriften, Kinder wurden auf grausamste Weise abgetrieben, ungeachtet dessen, wie weit die Schwangerschaften bereits fortgeschritten waren.

Doch der radikal-fanatische Irrsinn dieser Familienplanung ist nur eines der Themen des vielschichtigen Romans. Besonders im Gedächtnis bleiben die Lebensumstände der kleinen Familie. Als Flussnomaden reisen sie jahrelang auf dem verunreinigten Jangtse, waschen Kleidung und Essen im schmutzigen Wasser, fischen vorüberschwimmenden Müll aus den Fluten, beobachten Fische, deren Erbgut geschädigt ist und verändern sich mit ihrer Umgebung durch das verseuchte Wasser. Landschaften werden zu Einöden, das primitive Boot der Familie gleitet vorbei an kaputter Natur, Industriebrachen, Abrisshalden, toten Gerippen einer chemisch-löchrigen Zivilisation, die sich, blind dem Wirtschaftswachstumswahn nacheifernd, selbst die Lebensadern abgräbt. Die Ignoranz der einfachen Bevölkerung ist angesichts ihrer viel dringenderen Probleme, die sich ums unmittelbare tägliche Überleben drehen, verständlich, aber dennoch verstörend aus dem weitsichtigen und komfortablen Blickwinkel einer Nation, die sich über vegane Schnitzel, Super-Foods und Mülltrennung den Kopf zerbricht.

Wenn die von den Fabriken verursachte Verschmutzung besonders schlimm ist, schwimmt gelber Schaum auf dem Wasser, der Fluss führt tote Hühner und Hunde mit sich.

Beunruhigt, aber dennoch auf seltsame Weise fasziniert ist man auch von Meili. Ihre völlige Ungebildetheit, ihre Naivität, steht ihrem unbedingten Willen nach sozialem Aufstieg gegenüber. Meili will keine Bäuerin mehr sein. Ihre Wünsche sind bescheiden: Sie träumt von einem Haus, einem Kühlschrank, einem Fernseher. Von einem sauberen Job – einem eigenen Geschäft oder einer Arbeit mit Computern. Himmelsstadt, den Ort, in dem hochgiftiger Elektronikmüll getrennt wird, stilisiert sie zu ihrem persönlichen Paradies, denn dort gibt es keine ungewollten Schwangerschaften, Ruhe vor dem Drängen ihres Mannes nach einem männlichen Nachfolger und vielleicht eine Arbeit, die sie unabhängig machen kann.

Als ihr klar wurde, dass es Kongzis einziges Ziel im Leben war, sie immer wieder zu schwängern, so lange, bis sie einen Sohn zur Welt brachte, hatte sie die Befürchtung, dass ihr der Weg zum Glück für immer versperrt bleiben würde.

Ma Jians „Die dunkle Straße“ zeichnet ein düsteres Portrait eines Landes und seiner kleinen Leute, die die vornehmlichen Opfer des stetigen Drängens nach wirtschaftlichem Wachstum sind. Der Autor zeigt am Beispiel seiner Protagonisten den Kampf der einfachen Bevölkerung gegen Behördenwillkür, Kriminalität und soziale Ungerechtigkeit und portraitiert eine Gesellschaft, in der viele Menschen trotz Modernisierung und Fortschritt in einem Dickicht von Analphabetismus, Aberglauben, sexueller Ahnungslosigkeit und über Jahrhunderte festgelegten Generations- und Geschlechterrollen feststecken, die sich schwer mit westlichen Wertvorstellungen überein bringen lassen. Ma Jian zeigt ein dunkles China, das verstört und beunruhigt, ein China fernab der Glitzerwelten und Megashoppingcenter von Shanghai oder Beijing. Schonungslos und grausam beleuchtet der Autor diejenigen, die den Preis für das Wachstum zahlen und doch vom Fortschritt längst überholt worden sind.

In einem Satz:

„Die dunkle Straße“ könnte eine gruselige, furchtbar düstere Dystopie sein. Nur, dass sie real ist. Ein unglaubliches Buch! 


Ma Jian. Die dunkle Straße. (Im Original: The Dark Road) Aus dem Englischen von Susanne Höbel. Erschienen am 31. Juli 2015. 496 Seiten. Rowohlt, ISBN: 978-3498032395, € 24,95. 

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