Li_R_Die_Salzstadt

23. Oktober 1951: Weil der Divisionskommandant schon immer für die berühmten 108 Räuber vom Liangshan-Moor geschwärmt hat, entscheidet er sich, an diesem Tag die gleiche Anzahl an vermeintlichen Konterrevolutionären hinrichten zu lassen. Unter den Getöteten sind auch 32 männliche Mitglieder der Familie Li, einem von zwei rivalisierenden Familienklans, die das Schicksal der Stadt über viele Jahre hinweg bestimmt haben. Obwohl Li Naizhi, ein Cousin des Familienoberhauptes, das Morden überlebt, besiegelt der Tag das Schicksal der Familie. 

Li Rui schafft ein beeindruckendes und kritisches Panorama der chinesischen Gesellschaft und Politik von den ersten Bauernaufständen 1927 bis zur Kulturrevolution. 

Yincheng, eine kleine Stadt am oberen Yangtse, im Jahr 1927. Ein Bauernaufstand, der von den Kommunisten heraufbeschworen wird, bricht aus. Die Aufständischen gehen äußerst brutal vor, werden aber schnell überwältigt und hingerichtet. Unter den Schaulustigen ist der junge Li Naizhi, für den dieser Tag eine Wende in seinem Leben bedeutet, denn nun träumt er davon, der Kommunistischen Partei Chinas zu dienen. Sein Cousin Li Naijing, das Familienoberhaupt der mächtigen Familie Li, hat andere Pläne. Er hat den jungen Li Naizhi bei sich aufgenommen und möchte ihm später seinen Platz übertragen. Um Li Naizhi davor zu bewahren, verunstaltet seine ältere Schwester Li Zihen ihr Gesicht mit glühenden Räucherstäbchen und opfert ihr eigenes Glück und ihre Zukunft, damit sie ihren Bruder bei der Fortführung seiner Ausbildung unterstützen kann.

Währenddessen kämpft Li Naijing, das Familienoberhaupt, um die Zukunft des Familienklans: die Salzminen, die stets das Einkommen der Familie gesichert hatten, drohen zu versiegen, und Bai Ruide, sein erbittertster und schwerreicher Rivale, droht das Familienunternehmen aufzukaufen.

In seinem Roman „Die Salzstadt“ folgt Li Rui der Geschichte zweier mächtiger rivalisierender Familienklans durch die politischen Wirren des 20. Jahrhunderts und beschreibt den Niedergang ihrer Macht. Das Ziel des Autors, mithilfe der Literatur ein realistisches Portrait des öffentlichen und privaten Lebens in China zu entwerfen, ist erstaunlich frei umgesetzt, immer wieder trifft man auf Kritik an der KP. Die Kulturrevolution als Höhepunkt, als Ende der chinesischen Bourgeoisie, wird bei Li Rui vor allem aus der Perspektive der Opfer so berührend dargestellt, dass es in der chinesischen Literatur nur wenige gleichwertige Beispiele geben dürfte.

„Die Salzstadt“ ist ein fiktiver und doch historischer Zeitabriss über den Niedergang einer Familie, gebeutelt von politischen Machtwechseln, Chaos, Rangkämpfen, Intrigen und Familienstreitigkeiten. Die Familie Li steht dabei nicht nur für sich selbst, sondern für ein ganzes Volk, das noch heute, viele Jahrzehnte später, schwer an seinem historischen Erbe trägt. Die Zeit des Li-Klans ist vorbei, und damit auch die Zeit der Familie, der Loyalität, des Zusammenhalts: Die letzten Nachkommen sterben durch die sinnlose Gewalt der roten Garden, oder vereinsamt und vergessen. Der Klan wird aufgerieben vom zusammenbrechenden System, seinen miteinander konkurrierenden Einzelinteressen und seiner mangelnden Flexibilität, sich anzupassen.

Li Rui gelingt ein dichter Roman voller Historie und Zeitgefühl, der einem einiges abverlangt. Mehrere Male hätte ich angesichts der vielen Namen, Zeitsprünge und oft anstrengenden Wiederholungen, die eher verwirren als helfen, fast aufgegeben. Nur mithilfe des Familienstammbaums vorn im Buch habe ich mich durchgebissen und es hat sich gelohnt. Irgendwann ordnen sich die vielen Schauplätze und Figuren und finden wie von selbst ihren Platz in diesem sehr lebensechten und hochspannenden Panorama.

In einem Satz:
Li Ruis „Salzstadt“ ist ein lebendiges Bild des ländlichen China in den politischen Wirren des 20. Jahrhunderts. Verwirrend, anstrengend, aber sehr lohnenswert, vor allem für Menschen mit einer Affinität für das Reich der Mitte.


Li Rui. Die Salzstadt. (Im Original: Jiuzhi) Aus dem Chinesischen von Peter Weber-Schäfer. Erschienen im Juli 1999 (Original 1993). 383 Seiten. Rowohlt, ISBN: 3-498 03904-0

Markiert in:                        

Schreibe einen Kommentar