Köhler_K_Wir_haben_Raketen_geangeltHalb verdurstet sitzt sie auf einem Stein neben einer Tankstelle im Death Valley. Die Sonne brennt erbarmungslos herunter, ihr Kopf tut weh. Als sie die Augen öffnet, steht vor ihr ein Indianer. Ein echter. Komplett mit Federhaube und Brustschmuck aus Knochenstäbchen. Er reicht ihr eine Wasserflasche und fordert sie auf zu trinken.

Wie in „Cowboy und Indianer“, einer der Erzählungen aus dem Buch, stehen die weiblichen Hauptfiguren von Karen Köhler an Scheidewegen ihres Lebens, kämpfen mit Verlust und Trauer oder wachsen auf verschiedene Weise an ihren Prüfungen. Ein fulminantes, berührendes und absolut beeindruckendes Debüt!

Gerade bin ich mal wieder in einer meiner Short-Story-Phasen. Ich liebe Kurzgeschichten, nicht nur einfach so zwischendurch, sondern auch mal wochenweise. Dann gerate ich in einem regelrechten Sog und lese eine Weile nur noch Erzählungen. Und in ebendieser Phase habe ich Bekanntschaft mit Karen Köhler gemacht. Die 1974 geborene Hamburgerin hat nicht nur einige renommierte Preise eingeheimst  – ihr 2014 erschienenes Debüt „Wir haben Raketen geangelt“ hat auch eine Menge positiver Resonanzen in den Feuilletons erzeugt und für einen Band mit Erzählungen einer bis dato unbekannten Autorin ganz schön Welle gemacht.

Doch was ist dran am Hype um die „Raketen“? Ich sage: einiges. Das Buch überzeugt nicht nur durch ein wundervoll ästhetisches Äußeres (das übrigens von der Autorin selbst gestaltet wurde), sondern vor allem durch seinen Content. Karen Köhler erzählt mit Coolness und Verve, ihr Stil ist erfrischend und experimentierfreudig.

In den neun Erzählungen des Buches stehen die ausnahmslos weiblichen Hauptfiguren meist vor dem Scherbenhaufen ihres Lebens, es wimmelt nur so von gescheiterten Beziehungen, Tod, Trauer und schmerzvollen Begegnungen – schwere Kost und düstere Themen, doch Köhler geht sie unerschrocken an. Da gibt es besagte Protagonistin aus „Cowboy und Indianer“, die in der Wüste Nevadas von einem Indianer gerettet wird und sich in einer Art verrücktem Roadmovie wiederfindet, das ihr hilft, sich endlich einem schrecklichen Erlebnis aus ihrer Kindheit zu stellen. Oder die junge Frau, die auf einem Kreuzfahrtschiff anheuert, um über die Trennung von ihrer großen Liebe hinwegzukommen. Oder auch die, die per Tagebuch ihren Hungertod dokumentiert, nachdem ihr Partner gestorben ist.

„Schwupp. Vorbei der Tag. Wieder einer. Der Mond schwebt als schiefe Sichel in der Dämmerung. Eine Trostkrümmung, in die man sich legen mag.“

Köhler erzählt von Frauen in Ausnahmesituationen, die mutig sind und hoffnungsvoll, die ihre Schwäche überwinden oder auch nicht. Alle haben etwas Wichtiges verloren: ihren Job, ihre Sicherheit, ihren Partner, ihren Lebensmut. Manche krabbeln aus ihrem Loch heraus und retten sich selbst, manche werden gerettet. Einige nicht.

„Ich verletzte mich an allem.  Der Noch-immer-unsere-Wohnung. Am Zahnputzbecher. Dem stummen Telefon. Gerüchen. Und Gerüchen, die verblassten. An Musik. An Freunden und Bekannten, die es alle schon viel früher wussten.“

„Wir haben Raketen geangelt“ ist nicht gerade das, was man ein fröhliches Buch nennen würde; teilweise wurde Köhler eine übertriebene „Seelenschmerzdarstellung“ vorgeworfen, zu viel Pathos, ein Hang zum Kitsch. Das ist sicherlich Geschmackssache.  Eine Tatsache ist: Die junge Autorin neigt zu exotischen Settings, ihr Buch versammelt eine ungewöhnliche Zahl an persönlichen Katastrophen und Tiefpunkten, es geht um Grenzsituationen und extreme Gefühle. Fast ist das zu viel des Guten.

Trotz allem macht ihre Kunstfertigkeit im Umgang  mit dem Genre solche Kritikpunkte wieder wett. Die Erzählungen sind abwechslungsreich und geschickt konstruiert, haben gut durchdachte und interessante Plots und bedienen sich kunstfertiger Schachzüge, die jede der Stories zu einem neuen Leseabenteuer machen. Köhlers Sprache ist knapp und elliptisch, teilweise nur auf die rudimentärsten Satzteile reduziert, und doch modern und gerade durch ihre Schlichtheit unheimlich berührend.

„Fühle mich amputiert. Könntest du nicht sein wie Jesus und bald wieder auferstehen? An einem Freitag, ja, ich fänd das nur anständig.“

Ich habe Köhlers Buch in einem Rutsch gelesen. Saß in der S-Bahn und habe das Getümmel der Großstadt ausgeblendet. Wer neben mir saß, wer kam, wer ging – keine Ahnung. Am Ende habe ich fast meine Station verpasst, gefesselt von der Wucht, der Kraft, von Köhlers Prosa, mit Sätzen, die sich anschmiegen, wie ein Latexanzug und solchen, die treffen, wie eine überraschende Ohrfeige. Ein starkes, ein überzeugendes Debüt. Eines, das definitiv Lust auf mehr macht.

In einem Satz:
Karen Köhler überzeugt mit minimalistischer Sprache und raffinierten Plots. Lesen!!!


Karen Köhler. Wir haben Raketen geangelt. Erschienen am 25. August 2014. 240 Seiten. Hanser, ISBN: 978-3446246027, € 19,90

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