Gier_K_Silber_MIXMan muss es zugeben: Völlig unabhängig vom Inhalt ist diese Chicklit-Reihe ein echter Hingucker im Regal. Getreu nach dem Motto „Das Auge liest mit“ ist dem Verlag mit Kerstin Giers „Silber“-Trilogie ein echter Augenschmaus gelungen, den es sich schon deshalb zu besitzen lohnt. Inhaltlich stößt man auf bekannte Motive, die neu gemischt, mit einer sympatischen Underdog-Heldin ausgestattet und mit einer Liebesgeschichte garniert, ausreichend unterhaltsamen Schmöckerspaß für junge Mädels bieten.

Gier setzt auf Bewährtes, amüsiert erneut mit Sprachwitz und Selbstironie, doch lässt beim Plot ordentlich Federn. 

Die Schwestern Liv und Mia Silber sind todunglücklich: Schon wieder steht ein Umzug an. Die beiden wachsen bei ihrer Mutter auf, die Literaturwissenschaftlerin ist und ihren Lebensmittelpunkt nach dem jeweiligen Lehrauftrag ausrichtet. Demzufolge haben die Geschwister schon unzählige Male den Wohnort wechseln müssen und sind wenig begeistert, als es sie nun nach Oxford verschlägt und sie dort statt in ein nettes Cottage auf dem Land bei Ernest, dem neuen Freund ihrer Mutter und dessen jugendlichen Zwillingen Grayson und Florence, einziehen. Doch nicht nur die neue Patchworkfamilie raubt der Protagonistin Liv den Schlaf. Zu allem Überfluss plagen sie neuerdings auch noch seltsame Träume, in denen ihr Stiefbruder Grayson und seine drei sportlichen Freunde eine gruselige Hauptrolle spielen. Schon bald erkennt Liv, dass Traum und Realität sich auf erschreckende Weise vermischen, denn die vier Jungen wissen auch im realen Leben Dinge von ihr, die sie ihnen nur im Traum erzählt hat. Und dann gibt es da ja noch Anabel, die ebenfalls über die Träume Bescheid weiss und sich scheinbar mit einem Dämon verbündet hat. Da hilft es auch nicht, dass Liv nun auch noch dabei ist, sich in den stillen Henry zu verlieben…

Auch in Teil Zwei der Trilogie kommt Liv nicht zur Ruhe. Dabei hält sie ihr reales Leben schon allein ordentlich auf Trab: Das „Bocker“, die Mutter von Ernest, kann die Silbers nicht leiden und tut alles, um Livs Mutter und Ernest auseinander zu bringen. Als Mia und Liv an ihrem kunstvollen Buchsbaumvogel Rache nehmen, hat das für die Schwestern nicht nur katastrophale finanzielle Folgen, sondern katapultiert sie ganz oben in die schulische Außenseiterecke. Die gehässige „Secrecy“ schlachtet in ihrem Klatschblog das Leben von Liv auf gemeinste Weise aus, nur Henry scheint noch zu ihr zu halten. Mit ihm macht sie immer wieder Ausflüge in die Traumwelt – zu groß ist der Reiz, sich dort auszuprobieren. Doch da treiben nicht nur Anabel und ihr gruseliger Psychiater ihr Unwesen, sondern auch Arthur, Henrys und Greysons ehemals bester Freund. Und der sinnt bereits auf Rache und bringt damit Mia in Lebensgefahr…

Im Herbst 2015 werden alle „Silber“-Fans endlich erlöst: Der dritte Teil der Reihe erscheint. Während Livs Mutter und Ernest sich gegen das „Bocker“ durchgesetzt haben und ihre Hochzeit planen, hat Liv ihre eigenen Beziehungsprobleme: Henry will den nächsten Schritt gehen und Liv, die zu feige ist, ihm zu gestehen, wie wenig Erfahrung sie hat, erfindet eine Notlüge, die bald aus dem Ruder läuft. Außerdem taucht ein geheimnisvoller neuer Nachbar auf. „Secrecy“ verbreitet noch immer gemeinen Klatsch im Netz, ohne dass jemand herausfinden kann, wer sich eigentlich hinter dem Pseudonym verbirgt, und Anabel und Arthur versetzen in der Traumwelt alle in Angst und Schrecken, manipulieren nun auch Menschen im realen Leben und scheinen kaum aufzuhalten zu sein.

„Wenn man alle logischen Lösungen eines Problems eliminiert, ist die unlogische – obwohl unmöglich – unweigerlich richtig.“

Ich lese eine Menge „ernsthafte“ Literatur. Romane, Biografien, Short Stories… aber ich muss es jetzt auch endlich mal zugeben: Ich habe eine kleine Schwäche für gute Jugendbuchreihen. Ich finde nicht, dass man für ein bestimmtes Genre je zu alt ist. Das müssen auch andere so sehen, denn Bücher werden ja „ab 14“ oder „ab 16“ empfohlen und zum Glück nicht „bis 18“ oder „bis 30“. So kann ich mich in gleichem Maße für die Biografie eines Politikers wie für die gesamte Harry-Potter-Reihe begeistern oder eben Kerstin Gier lesen. Wie auch schon die überaus populäre „Farben“-Trilogie lässt sich Giers „Silber“-Reihe wohl am ehesten unter „Fantasy-Romance“ einordnen, oder auch unter „Chicklit“. Gier geht dabei kein unnötiges Risiko ein: Erneut setzt sie auf eine Art „Underdog“-Heldin, nicht zu hübsch, Hornbrille, aber dafür klug, schlagfertig und mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet. Die junge Liv Silber kann die Träume anderer Menschen betreten und entwickelt in ihnen außergewöhnliche Kräfte, die sie allein mit ihrer Fantasie steuern kann. Das kommt uns bekannt vor: auch Gwendolyn, Titelheldin ihrer ersten Trilogie, hatte ähnliche Stärken, die sie in Zeitreisen nutzen konnte.  Dazu gibt es wieder einen äußerst gutaussehenden und etwas mysteriösen männlichen Protagonisten, eine Liebesgeschichte voll von Missverständnissen, Herzschmerz, Glücksmomenten und wilden Gefühlen. Fertig ist die perfekte Mischung, die NATÜRLICH besonders Mädchen ab 14 begeistert. Schließlich spiegelt das Buch einen Haufen ihrer eigenen Probleme wieder, Liv durchlebt ähnliche Sorgen wie sie selbst und ist dabei aber noch supertough.

Ältere Semester, so wie ich :-), schätzen die Bücher vielleicht eher aus anderen Gründen: Gier hat zum Beispiel einen tollen Stil: Ihre Sprache ist leicht, spritzig, schlagfertig und unheimlich unterhaltsam. Ihre Protagonisten sind abwechslungsreich und ein bisschen mysteriös,  oft auf eine liebenswerte Art schrullig und herrlich selbstironisch.  Die „Silber“-Reihe ist in der Ich-Perspektive geschrieben, Liv ist eine sehr kurzweilige Erzählerin, die mich oft  zum Lachen gebracht hat. Und das ist in meinen Augen die größte Stärke des Buches, die auch über so manche Schwäche hinwegsehen lässt, die man sowieso gern übersieht, wenn man ein dermaßen entspannendes Buch liest und den Kritikregler einfach mal ganz weit heruntergedreht hat.

Dennoch lassen sich eklatante Schwächen der drei Bände nicht verschweigen: Giers erstes „Silber“-Buch beginnt relativ stark – natürlich – sie hat viel Material, die Thematik wird eingeführt, die Traum-Idee vorgestellt (die zugegebenermaßen nicht neu, aber mit viel Liebe umgesetzt ist). Hier kann Gier fesseln, hier hätte sie mit einer tollen Story loslegen können. Doch schon hier knirscht es: Der Plot ist schwach und oft nicht schlüssig, dümpelt vage herum und überzeugt nicht so recht. Diese Schwächen kommen in den Nachfolgebänden noch deutlicher zum Vorschein. Hier müsste Gier eigentlich nachlegen, weil die Kernidee für die Leser nicht mehr neu ist und nicht mehr so sehr fasziniert. Stattdessen lenkt sie mit Kleinmädchenbeziehungstheater vom eigentlichen Schwerpunkt des Buches ab und man hat den Eindruck, als wäre ihr nicht recht etwas Neues eingefallen, als wolle sie sich die Story für den letzten Band aufheben. Der aber wirkt dann erst recht chaotisch. Wichtige Handlungsstränge aus Band Zwei werden nicht auserzählt oder verlaufen im Sande, zentrale Fragen werden nicht aufgelöst oder einfallslos offenbart. Nur den Humor kann Gier aufrechterhalten: Die witzigen Familienszenen, die kleinen haarsträubenden Details aus den einzelnen Träumen haben mich bei der Stange gehalten und etwas getröstet.

Alles in allem ist es sehr schade, dass die Autorin, wie sie auch in ihrem Nachwort selbst zugibt, scheinbar von ihrer Verlagsdeadline eingeholt wurde. Der dritte Band kann daher auch nicht  recht überzeugen und wirkt oft gehetzt und vor allem am Ende etwas lieblos. Die Traumidee als zentrales Motiv des Buches hätte viel mehr hergegeben und haette auch konsequenter weiterbetrieben werden müssen, vielleicht hätten ein paar neue Bösewichte der Geschichte auch auch gut getan. So verpuffen all die hübschen Details, die Traumtüren und ihre Wächter, die wirklich tollen Dialoge leider im Angesicht der Banalität der Story.

Zum Schluss aber noch Chapeau für ein atemberaubend aufwendiges Cover: Selten habe ich ein Jugendbuch mit einer so wundervollen Außengestaltung besessen. :-)

In einem Satz:

Form killt Inhalt: Kerstin Giers Traumidee hat viel Potential, das über die drei Bände hinweg jedoch leider nicht gleichwertig aufrecht erhalten werden kann. Ihr Wortwitz und die fantastischen Coverdesigns trösten.


Kerstin Gier. Silber. Das erste Buch der Träume. Erschienen am 20.06.2013. 416 Seiten. Fischer FJB, ISBN: 978-3-8414-2105-0, € 19,60

Kerstin Gier. Silber. Das zweite Buch der Träume. Erschienen am 26.06.2014. 416 Seiten. Fischer FJB, ISBN: 978-3841421678, € 19,99

Kerstin Gier. Silber. Das dritte Buch der Träume. Erschienen am 08.10.2015. 464 Seiten. Fischer FJB, ISBN: 978-3841421685, € 19,99

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2 Antworten zu “Kerstin Gier – Silber (Trilogie)”

  1. Rebecca sagt:

    Sie sprechen mir mit dieser Rezension wirklich aus dem Herzen. Ich bin ein großer Kerstin Gier Fan und war ein wenig enttäuscht über diese Trilogie.
    Trotzdem werde ich mir auf jeden Fall ihren nächsten Roman kaufen.

    • Regalschleicher sagt:

      Über ihre Bücher für Erwachsene kann ich nichts sagen, da habe ich noch keines gelesen. Aber ich denke auf jeden Fall, dass die Edelsteintrilogie die stärkere ihrer beiden Jugendbuchreihen ist. Die Gestaltung der Bücher ist natürlich unnachahmlich. :-)

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