Williams_J_Butchers_CrossingMittlerer Westen, 1870. Der junge Will Andrews kehrt Harvard und seinen glänzenden Karriereaussichten den Rücken und macht sich auf nach Westen. Inspiriert von Ralph W. Emersons Naturauffassung ist er auf der Suche nach der Wildnis, nach einem Leben im Einklang mit der Natur und nicht zuletzt nach sich selbst. In Butcher`s Crossing, einer bedeutungslosen Siedlung am Rande der Prärie, schließt er sich einigen Jägern an und finanziert eine waghalsige Expedition hinauf in die Rocky Mountains, wo es noch letzte große Büffelherden geben soll. 

Butcher`s Crossing hat mich schlichtweg umgehauen. Ein leiser, aber atmosphärischer Western über Lebensträume, Sehnsüchte und die Gier, die daraus erwachsen kann.

Will Andrews stammt aus einem gutbürgerlichen Elternhaus. Doch sein Studium in Harvard erfüllt ihn nicht; von einer inneren Unruhe getrieben wirft er alles hin und macht sich mit seinen Ersparnissen aus einer Erbschaft auf nach Westen, wo er sich den Traum von einem Leben im Einklang mit der Natur, die Vorstellung von einem ursprünglichen, unverfälschten Dasein erfüllen will. In Butcher`s Crossing, einer abgelegenen Siedlung in Kansas, die vor allem als Stützpunkt im Handel mit Büffelfellen Bedeutung erlangt hat, glaubt er sich seinem Ziel näher. Mithilfe seines Geldes stellt er einen Expeditionstrupp um den erfahrenen Jäger Miller zusammen. Gemeinsam planen sie, in die Rocky Mountains zu reiten, wo, so behauptet Miller, noch wenige große Büffelherden zu finden sind.

Butcher`s Crossing war mein erstes Buch des 1994 verstorbenen John Williams. Schon als Teenie war ich – zugegebenermaßen etwas mädchenuntypisch – erst glühender Fan sämtlicher Karl-May-Romane, später dann habe ich die Bücher von Cooper verschlungen. Schon die ersten Seiten von Butcher`s Crossing haben mich zurückgebeamt, fühlten sich vertraut an wie ein Gericht, das man noch aus seiner Kindheit kennt, aber lange nicht mehr gegessen hat oder ein Geruch, den man längst vergessen glaubte, der einen aber plötzlich zurückkatapultiert in die Vergangenheit. Aber es soll kein falsches Bild entstehen: Williams ist kein zweiter Cooper, sein Buch hat auch nichts zu tun mit Schätzen im Silbersee oder Indianerkriegen.

Butcher`s Crossing ist ein Western, ein Roman, der mit bemerkenswert wenig Personal auskommt. Es gibt keine Frauen in dem Buch (zumindest keine, die wichtige Rollen spielen), der Leser ist allein mit vier Männern, ihren Pferden, der Prärie, wird – in a way  – selbst zum „lonesome cowboy“, denn im Verlauf der Expedition gibt es nicht nur immer weniger Zivilisation, sondern auch zunehmend weniger Dialoge. Genau wie der Protagonist Andrews erliegt der Leser der hypnotischen Wirkung der Natur, versinkt in den immer gleichen stetig vorüberziehender Landschaften – Ebenen, Gras, Sand, einzelne Sträucher, manchmal Wasser. Williams‘ Naturbeschreibungen sind atmosphärisch dicht, scheinbar mühelos nimmt er den Leser mit, setzt ihn hinter Andrews aufs Pferd, wo ihm nach Tagen des Reitens der Hintern wundgescheuert ist und der Schweiß in die Augen läuft.

„Während dieser Taubheit verlor er auch jede Empfindung fürs Vorwärtskommen. Das Pferd trug ihn von Senke zu Kuppe, doch war ihm, als bewegte sich unter ihm das Land und nicht das Pferd, wie in einem großen Laufrad, das mit jeder Bewegung nur immer einen weiteren Teil von sich selbst zeigt.“

Großartig sind auch Williams‘ Figurenstudien: Knapp aber eindrücklich skizziert werden die Männer durch ihr Agieren zu scheinbar vertrauten Menschen; der hoffnungslose Charley Hoge, der missmutige Häuter Schneider, der unnahbare Miller… sie alle werden zu Partnern und Weggefährten, die man so deutlich vor sich sieht, als stünden sie direkt von einem.

Als die Truppe nach dem lebensgefährlichen Treck die Berge erreicht und tatsächlich die Büffel findet, wendet sich das Blatt: Andrews findet sich wieder in einer Welt des Jagens und Tötens, des Vernichtens von Leben und stumpft erschreckend schnell dabei ab. Unbegreiflich erscheint einem, was in diesem Tal vor sich geht, wie schnell Sehnsüchte und Träume sich zu verwandeln scheinen und Habgier und Rausch Platz machen. Im Tal, fernab jeglicher Zivilisation, fallen alle Schranken, brechen die Bande, die Würde und Ethik festgezurrt hielten. Die vier Männer bilden dort ihren eigenen Mikrokosmos, in dem jeder, angetrieben von seinen persönlichen Motiven, steuerlos im Äther treibt und auf seine Weise ums Überleben kämpft.

„[Er] drehte sich im Kreis und blickte über das Land; es war vormals so vertraut gewesen, dass er es sich abgewöhnt hatte, die Gegend überhaupt wahrzunehmen; jetzt kam sie ihm plötzlich derart fremd vor, dass er kaum glauben konnte, sie schon einmal gesehen zu haben. Eine umfassende, tiefe Stille stieg vom Tal über die Berge in den Himmel auf, das Geräusch seines Atems erschien ihm laut, und er hielt ihn an, um das Schweigen in aller Deutlichkeit wahrzunehmen.“

Meisterhaft spiegelt Williams in seinem Roman nicht nur die Fragilität menschlicher Normen und Werte, sondern auch den Niedergang des Westens wider. Butcher`s Crossing erzählt von Einsamkeit und Weite, von Sehnsüchten und Scheitern und ist die Geschichte gefallender Helden in einer Zeit, in der die letzten Refugien der Natur plattgewalzt und auf der Suche nach immer neuen Geldquellen überrannt wurden. Trotzdem ist das Thema aktuell geblieben: Sinnsuche und Sehnsucht nach Ursprünglichem, Unberührtem ist zeitlos und wird es immer bleiben, sie gehört zur Natur des Menschen, ebenso wie die Neugier und die Notwendigkeit zur Weiterentwicklung, die Bestehendes stets aufs Neue vernichten wird.

Ein Roman, der mich beeindruckt, der mich ganz verschluckt hat. Und jetzt entschuldigt mich, ich muss noch mein Pferd absatteln…

In einem Satz:

Ein Roman, der einem den Präriestaub auf die Haut legt. Überwältigend, grausam, kraftvoll. Mein Buch des Monats. 


John Williams. Butcher`s Crossing. (Im Original: Butcher`s Crossing) Aus dem Amerikanischen von Bernhard Robben. Erschienen am 01.03.2015. 368 Seiten. dtv Verlagsgesellschaft, ISBN: 978-3423280495, € 21,90

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