Jääskeläinen_P_Lauras _Verschwinden

Als die junge Aushilfslehrerin Ella („mit den schön geschwungenen Lippen“) in ihre finnische Heimatstadt zurückkehrt, ahnt sie nicht, dass kurz darauf mysteriöse Geschehnisse ihrem Leben eine völlig neue Wendung geben werden. Zunächst wird ihr mit der Veröffentlichung einer eigenen Novelle die Ehre zuteil, als zehntes Mitglied in die elitäre örtliche „Literarische Gesellschaft“ aufgenommen zu werden. Diese versammelt eine Gruppe begabter, aber exzentrischer Schriftsteller unter der Leitung der landesweit populären Autorin Laura Hermelin. Dann verschwindet Laura jedoch bei Ellas Aufnahmezeremonie in einem mysteriösen Schneesturm aus dem eigenen Haus, und Ella findet heraus, dass einige Bücher der Bibliothek von einer seltsamen Krankheit befallen zu sein scheinen. Auf der Suche nach der Wahrheit lässt sich Ella auf ein Spiel ein, dessen Gefährlichkeit nicht abzusehen ist.

Thriller, Fantasy, Kriminalroman – Jääskeläinens literarisches Debüt lässt sich schwer in eine einzige Form pressen und vereint die Züge mehrerer Genres. Die Handlung schreitet langsam voran und bleibt relativ undurchsichtig. Laura stößt im Laufe des Romans auf immer mehr Rätsel und sammelt Details über die wenig bekannte gemeinsame Vergangenheit der Autoren der „Literarischen Gesellschaft“. Dabei gerät das anfangs zentrale Problem des Verschwindens von Laura Hermelins zunehmend zur Nebensache, der Fokus verschiebt sich auf  einzelne Mitglieder der Gesellschaft und auf ein dunkles gemeinsames Geheimnis aller Autoren. Der Leser wird so zwar auf immer neue Spuren geführt und angehalten, Vermutungen über die Ursache der mysteriösen Ereignisse anzustellen, andererseits bleibt die wahre Intention des Autors auch am Ende im Dunklen, und viele Fäden bleiben unaufgerollt liegen. Dadurch bleibt nach dem Lesen ein schwammiges Gefühl zurück und der Eindruck, dass Jääskeläinen zu viele Ideen für ein einziges Buch hatte und viele davon nicht konsequent genug durcharbeiten konnte.

Obwohl zahlreiche Exkurse tief in die Physis und Psyche der verschiedenen Hauptfiguren eindringen, bleiben sie doch auf merkwürdige Weise undurchsichtig und distanziert und außerdem nicht besonders sympathisch. Es kann natürlich ein gewollter Kunstgriff des Autors sein, um den rätselhaften Grundtenor des Romans weiter zu unterfüttern, für mich hinterlässt es aber einen etwas bitteren Nachgeschmack, keine Figur mit wirklichem Identifikationspotenzial gefunden zu haben.

Trotz der offensichtlichen Schwächen in Figurengestaltung und Plot punktet das Buch durch starke und bildhafte Sprache, die das große Talent des Autors verrät. Viele Sprünge in Zeit- und Handlungsebene fordern den Leser, und die innovative Thematik des Romans lässt einen das Buch bis zum Ende nicht aus der Hand legen. Zurück bleibt das diffuse Gefühl, vom Autor über spannende Umwege ein bisschen im Kreis geführt worden zu sein und definitiv mehr von solchen mysteriösen Ausflügen zu wollen.

In einem Satz:

Ein interessantes  und sehr ungewöhnliches literarisches Debüt eines vielversprechenden Autors, das trotz vieler Rätsel und unnahbarer Figuren bis zum Ende faszinierend bleibt. 


Pasi Ilmari Jääskeläinen. Lauras Verschwinden im Schnee. Aus dem Finnischen von Angela Plöger. Erscheinungstermin: 12. September 2014. 379 Seiten. Aufbau Verlag. ISBN: 978-3-351-03411-5 , € 19,95 

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