Herzberg_A_Alle_Nähe_fern„Freunde kann man sich aussuchen, seine Familie nicht.“ Auf den Wahrheitsgehalt dieser Redewendung stößt Jakob im Laufe seines Lebens immer wieder, denn auch in seiner eigenen Familie haben alle außer der Verwandtschaft nicht viele Gemeinsamkeiten und umkreisen einander wie ferne Planeten. Jakob, der in der DDR aufgewachsen ist, entdeckt erst nach der Wende sein jüdisches Erbe und beginnt durch die Beschäftigung mit der Geschichte seiner Familie, die tiefen Gräben zwischen den Mitgliedern auszuloten. In seinem Roman über die drei Generationen der jüdischen Familie Zimmermann beschäftigt sich André Herzberg mit der schwierigen Beziehung zwischen Vätern und Söhnen und der lebenslangen Suche nach Sinn und Zugehörigkeit und auch nach Anerkennung und Liebe.

„Meine Geschwister sehen mich durch die Glasscheibe an. Sie sind enttäuscht, denn vor ihnen liegt ein verknautschtes rotes Etwas, unter dem sie sich keinen Bruder vorstellen können.“ – Jakob ist gerade geboren, als er auf Seite 120 in Kapitel 38 das erste Mal in seinem eigenen Roman auftaucht. Von nun an ist er dabei, als er von seiner Familie erzählt. Doch die Geschichte beginnt viel früher, um die Jahrhundertwende,mit Großvater Heinrich. Dieser ist Jude und hat sich erfolgreich zum Unternehmer hochgearbeitet. Er heiratet, die Familie hat drei Kinder und wohnt in einer eleganten Villa in Hannover. Heinrich ist deutschnational, ein Patriot. Auch lange nach der Machtergreifung der Nazis will er nicht wahrhaben, was um ihn herum passiert. Auch als die ältesten Kinder schon nach Südafrika und Palästina ins Exil geflohen sind, harrt Heinrich in Deutschland aus. Schließlich gibt er auf, der jüngste Sohn Paul wird nach England geschickt, Heinrich verliert alles, als er in letzter Minute mit Frau Rosa nach Kuba und später weiter nach New York flieht.

Diesen Verlust wird er nie überwinden, und auch die Kinder werden ihm fremd. Paul wird in England zum überzeugten Kommunisten und geht nach dem Krieg zurück nach Ostdeutschland mit dem Ziel, seine Landsleute umzuerziehen und den Kommunismus aufzubauen. Auch er hat drei Kinder, doch der jüngste, Jakob, Erzähler des Romans, begreift schnell, dass für den Vater die Partei die Familie ist. Weit fortgeschoben haben die Eltern das jüdische Erbe, es stört, soll nicht auffallen. Jakob kommt nicht klar mit dem Leben in einem autoritärem System, er rebelliert, macht Musik, wird damit erfolgreich und muss sich dann doch für den Erfolg mit der Stasi gut stellen. Die Kluft zu seinem Vater, der inzwischen mit einer anderen Frau lebt, scheint unüberwindbar.

Nach der Wende kommt der tiefe Fall: Jakobs Musik ist out, keiner will ihn mehr hören im Überangebot des freien Marktes. Jakob fühlt sich verloren, findet keinen Halt, fällt ins Bodenlose und in die Depression. Erst langsam kann er sich wieder aufrappeln, begreift, dass die Vergangenheit genauso Teil seines Lebens ist wie die Zukunft. Er beginnt Hebräisch zu lernen, doch die Risse in seiner Familie lassen sich nicht kitten, zu groß sind die Bürden, zu festgefahren die Ansichten, die ein jeder mit sich herumträgt.

„Alle Nähe fern“ ist André Herzbergs dritte Veröffentlichung. In seinem Roman umreißt er nicht nur das Schicksal dreier Generationen einer Familie, sondern malt gleich ein ganz typisches Portrait des deutschen 20. Jahrhunderts. Herzberg ist nicht unbekannt: Er war Frontmann der bekannten DDR-Band Pankow; dass sein Protagonist ebenfalls Mitglied einer DDR-Band ist, ist kein Zufall. Der Roman ist in vielen Teilen autobiografisch, doch Herzberg geht es weniger darum, die Geschichte einer bestimmte Familie, seiner Familie, zu erzählen, als darum, das Lebensgefühl einer Zeit zu transportieren.

„Alle Nähe fern“ ist ein authentischer Roman voller Trauer, Sprachlosigkeit, Melancholie, aber auch Zorn. Die Frauen spielen keine große Rolle in diesem Buch, wohl aber stehen zwei gescheiterte Vater-Sohn-Beziehungen besonders im Mittelpunkt und mit ihnen das Unverständnis und die Unfähigkeit, sich auszutauschen. Herzbergs Roman moralisiert nicht und ist nicht emotional – abgehakt, knapp, lakonisch ist der Ton, die Geschichte oftmals nur ein paar hingeworfene Brocken, aus denen man sich dann sein Gericht zusammenklauben muss. Doch es ist gerade diese Kargheit, die Schroffheit seiner Beschreibungen, die die Kälte zwischen den Männern der Familie besonders gut nachvollziehen lässt und die klar macht, dass die Fehler in dieser Familie in jeder neuen Generation erneut gemacht werden und sich kaum verhindern lassen.

Es gibt zahlreiche Portraits deutscher jüdischer Familien im 20. Jahrhundert. André Herzberg ist mit seinem Roman „Alle Nähe fern“ eine ganz eigene fiktive Aufarbeitung seiner Familiengeschichte gelungen.

In einem Satz:
„Alle Nähe fern“ ist ein  außergewöhnlicher Roman, der nicht nur das 20. Jahrhundert in Deutschland erlebbar macht, sondern vor allem sensibel schwierige Vater-Sohn-Beziehungen behandelt.


André Herzberg. Alle Nähe fern. Erscheinungstermin: 06. März 2015. 272 Seiten. Ullstein Buchverlage. ISBN: 978-355008056-2. € 21,00

 

Mehr Infos zum Buch und zum Autor gibt es unter diesem Link in der ARD Mediathek.

 

 

 

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