Hein_J_Herr_Jensen

Einzelgänger und Sonderlinge sind seit jeher bevorzugte Sujets in der Literatur. Sie leben geheimnisvolle Leben hinter verschlossenen Türen, schaffen sich ihre eigenen Inseln inmitten geselliger Gemeinschaften, brüten über abstrusen Gedankenkonstrukten oder fallen einfach durch merkwürdiges Benehmen aus der Rolle. Doch wie lange ist man nur ein komischer Kauz, und wann wird aus der freiwillig oder unfreiwillig gewählten Isolation eine Obsession, eine Krankheit oder gar eine Gefahr? Jakob Hein hat mit Herrn Jensen einen ganz speziellen Sonderling geschaffen und lässt ihn irgendwie gruselig auf einem schmalen Grat zwischen Komik und Tragik wandeln. 

Herr Jensen ist ein unauffälliger Mensch. Einer von denen, die nicht aussehen, nicht sprechen, die nie eine Freundin haben und die in der Schule immer allein hinten in der Fensterreihe sitzen. Seit fünfzehn Jahren arbeitet er bei der Post, was irgendwie als Studentenjob begonnen hatte, ging schließlich ohne Ausbildung fließend in eine Vollzeitstelle über. Herr Jensen ist zuverlässig, aber unauffällig, er mag seinen Beruf und hat sorgfältig sein ganz eigenes System der Briefzustellung entwickelt, als ihm eines Tages aus heiterem Himmel gekündigt wird. Der Verlust seiner Beschäftigung trifft Herrn Jensen schwer, denn ein funktionierendes, ihn auffangendes soziales Netz besitzt er nicht, genauso wenig wie er Hobbys hat, und eine andere Arbeit kommt für ihn überhaupt nicht infrage. Beim Amt stößt er damit auf wenig Verständnis, dort zählt nur die Quotenerfüllung, und Herr Jensen wird in völlig sinnlose Weiterbildungsmaßnahmen abgeschoben. Als ihm die Absurdität seiner Lage immer klarer wird, unternimmt Herr Jensen zunehmend entschlossenere Versuche, gegen das System, das ihn gefangen hält, aufzubegehren. Sein Ziel, Freiheit zu erlangen und nur noch das zu tun, was er wirklich will und selbst für das Beste hält, wird dabei immer wieder von außen sabotiert, so dass Herr Jensen eine Art Paranoia entwickelt und schließlich Realität und Hirngespinste nicht mehr auseinanderhalten kann.

Jakob Heins Herr Jensen ist ein tragisch-komischer Anti-Held. Er hat, wie viele andere Menschen auch, Probleme damit, soziale Kontakte zu knüpfen oder Frauen anzusprechen, obwohl er demgegenüber eigentlich nicht angeneigt ist. Nach mehrfachem Scheitern gibt er einfach auf und ist mit seiner regelmäßigen und eintönigen Arbeit recht glücklich, denn diese gibt ihm Stabilität und Sicherheit. Um so schlimmer ist es für ihn, seinen Job zu verlieren. Obwohl Herr Jensen nie ehrgeizig war oder versucht hat, etwas Besonderes aus seinem Leben zu machen, steht er jetzt vor der Frage, was er mit seiner Zeit anfangen soll oder ob er überhaupt Talente hat, die er nutzen kann. Schnell kristallisiert sich für ihn das wahre Problem heraus: Dass ein Leben in einer modernen Gesellschaft mit all ihren äußeren Reizen es für ihn unmöglich macht, sich auf das Wesentliche zu besinnen. Was am Anfang noch als komische Ticks eines schrulligen älteren Herrn abgetan werden könnten, steigert sich schnell in eine Art zwang- bzw. wahnhaftes Verhalten. Die Monologe, die Hein seinem exzentrischen Protagonisten in den Mund legt, sind einfach und schnörkellos wie die gesamte Geschichte, aber sie enthalten erschreckend viel Wahrheit. Mit bitterer Konsequenz wird dem Leser die Sinnlosigkeit eines Lebens in Arbeitslosigkeit und die Herzlosigkeit und Absurdität einer Behörde vor Augen geführt, die aus dem System gefallene Menschen wie tote Steine auf einem riesigen Spielbrett hin- und her verschiebt. Und obwohl Jensens Beispiel fiktiv ist und sicherlich sehr überspitzt, kann man sich doch oft trotzdem erschreckend gut in ihn hineinversetzen.

In einem Satz:
Herr Jensen ist eine kurze und schmucklose, aber nachvollziehbare Geschichte über einen Aussteiger, dessen Obsessionen zunächst unheimlich spaßig und am Ende schließlich nur noch unheimlich sind.


Jakob Hein. Herr Jensen steigt aus. Erscheinungsjahr: 2006. 144 Seiten. Piper Verlag, ISBN: 978-349204857-6, € 14,90

Markiert in:                    

Schreibe einen Kommentar