Galbraith_R_Die_Ernte_des_BoesenAls Robin Ellacott den Job als Sekretärin des exzentrischen Privatermittlers Cormoran Strike angenommen hat, hätte sie sich in ihren kühnsten Träumen nicht ausmalen können, dass sie eines Tages bei Öffnen der Post für ihren Chef ein abgetrenntes Frauenbein finden würde. Strike ist beunruhigt, denn in seiner Vergangenheit gibt es gleich mehrere Männer, denen er ein solches Verbrechen zutrauen würde. Parallel zur Polizei beginnt das ungleiche Duo zu ermitteln und gerät dabei, ohne es zu ahnen, in große Gefahr. Schon ab der ersten Seite hat er mich wieder gepackt … der Sog der Rowling’schen Krimis. 

Obwohl J.K. Rowling mit ihren Harry Potter-Bänden finanziell wohl für die nächsten sechs Leben ausgesorgt hätte, erscheint unter ihrem nunmehr bekannten Pseudonym mit „Die Ernte des Bösen“ auch 2016 ein neuer Teil ihrer Krimireihe um Robin und Strike. Mittlerweile hat sich die umtriebige Rowling, die zum Entzücken der Fans gerade auch ein zweibändiges Theaterstück als Fortsetzung ihrer Potter-Reihe veröffentlicht hat, überzeugend im Krimigenre etabliert.

Auch der dritte Teil ihrer Cormoran-Strike-Reihe punktet vor allem durch seine detaillierten psychologischen Portraits, die auch die zahlreichen Nebenfiguren lebensecht und absolut glaubwürdig erscheinen lassen. Diese sind vor allem in diesem Band wichtig, denn Rowling taucht hier besonders tief in hässliche menschliche Abgründe ab. Zerrüttete Familienverhältnisse, Drogen, Gewalt, Süchte – die Verdächtigen stammen allesamt aus schwierigen Verhältnissen, die ihren Werdegang entscheidend geprägt haben. Rowling widmet sich diesen mit fast unangenehmem Detailreichtum, ihr Buch wird  teilweise zur Milieustudie, die tief eindringt in Londoner Vorstädte mit kaputten Existenzen und Familien, die in Trümmern liegen.

Robin, Strikes unterbezahlte, aber unermüdliche Sekretärin und Partnerin, findet ein abgetrenntes Frauenbein in der Post und ist zutiefst verstört. Auch wenn das Bein an ihren Chef adressiert ist, gerät Robin mit in Gefahr, als beide zu ermitteln beginnen, denn Strike vermutet den Täter irgendwo in seiner eigenen Vergangenheit und weiß, dass das Bein nur eine Warnung für etwas viel Schlimmeres ist, das ihm, und damit auch Robin, noch bevorsteht. Teil 3 der Reihe entwickelt sich, wie die anderen Bände auch, langsam. Die Autorin breitet genüsslich ihr Szenario aus, legt viele falsche Fährten, lässt minutiös Spuren verfolgen und sich sich viel Zeit. Freunde von spannenden und rasanten Erzählsträngen werden mit Sicherheit keine Freunde dieser Reihe. Strikes und Robins Ermittlungsversuche sind kleinteilig und zermürbend und oft nicht von Erfolg gekrönt. Zudem wird Strike von seinen körperlichen Einschränkungen und seinem fast schon fahrlässig zu nennenden Lebenswandel behindert, während Robin mit ihrem Privatleben und dem Unverständnis ihres snobistischen Verlobten in Bezug auf ihren Job hadert. Überhaupt ist dieser Band der bisher persönlichste der drei: In keinem der anderen Teile bekommt der Leser so viel Einblick in die Vergangenheit und das Gefühlsleben der beiden Protagonisten, wohl auch, weil sich die persönliche Ebene der beiden immer weiter verändert. Die fast schon greifbare Spannung mancher Szenen, die gegenseitige Anziehung, verleihen dem kongenialen Duo seinen besonderen Reiz, dem auch ich mich nicht entziehen kann. Die widerborstige Robin und der raubeinige Strike geben eine sehr unterhaltsame Kombi ab, in deren Gesellschaft ich mich wirklich wohl fühle.

Trotzdem ist auch dieser Teil nichts für schwache Nerven: Rowling/Galbraith folgt der Tradition der skandinavischen Kriminalliteratur und entwirft ein düsteres und teilweise sehr deprimierendes Szenario aus kaputten menschlichen Psychen; ihre Schilderungen von Gewalt sind explizit und brutal, häufig fließt Blut, und besonders auf der psychologischen Ebene zieht sie alle Register. Wen das nicht stört, kann sich zwischendurch an brillanten Dialogen und wirklich gelungenen Persönlichkeitsstudien sowie ordentlich Lokalkolorit erfreuen. Rowling setzt auch mit „Die Ernte des Bösen“ eine wirklich gute Krimireihe in ungebrochen hoher Qualität fort, und auch wenn man ihr bei der Titelwahl etwas Phantasielosgkeit vorwerfen kann und ich vom deutschen Cover im Vergleich zu den sehr gelungenen der Vorbände nicht begeistert bin, ist meine Robin-und-Strike-Begeisterung ungebrochen.

In einem Satz:
Robin und Strike – Die Reise geht weiter. Psychologisch düster und spannend macht Teil 3 unmittelbar Lust auf mehr.


Robert Galbraith. Die Ernte des Bösen. (Im Original: Career of Evil) Aus dem Englischen von Wulf Bergner, Christoph Göhler, Kristof Kurz.  Erscheinungstermin: 26. Februar 2016. 672 Seiten. Verlag: Blanvalet, ISBN: 978-3764505745, € 22,99 

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