Follett_K_Trilogie

Ken Follett ist ein Massenphänomen, um das man in keinem Buchladen herumkommt. Mit über 130 Millionen verkauften Büchern weltweit zählt er neben Dan Brown, Stephen King oder John Grisham zu den erfolgreichsten internationalen Gegenwartsautoren und hat besonders den etwas altbackenen historischen Roman wieder bestsellerwürdig gemacht. Eigentlich könnte er sich nun, mit Mitte sechzig, zurücklehnen und die Beine hochlegen. Stattdessen schreibt er weiter und steckt sich neue Ziele. Mit seinen drei Romanen „Sturz der Titanen“, „Winter der Welt“ und „Kinder der Freiheit“ wollte er eine Jahrhunderttrilogie schaffen, die das welthistorische Ganze einer Epoche erfasst. Langweilig wird es auf den über 3000 Seiten jedenfalls selten…

Es mag ja Leute geben, die sich von Büchern, die so kompakt sind wie Ziegelsteine, abschrecken lassen. Bei mir tritt in solchen Fällen eher ein gegenteiliges Gefühl ein: Vorfreude. Man kann jedenfalls nicht behaupten, mit Folletts drei Jahrhunderttrilogie-Bänden zu schnell fertig zu sein, denn für einhundert Jahre Weltgeschichte braucht man schon ein paar Tage.

Im Mittelpunkt der Saga stehen fünf Familien, deren Schicksale sich im Laufe der Jahrzehnte auf verschiedene Art und Weise miteinander verstricken, sich berühren oder gegenseitig beeinflussen. Die Schauplätze liegen in Russland, Amerika, Deutschland und Großbritannien, womit viele der bedeutsamen historischen Orte abgedeckt sind. (Trotzdem ist Follett weit davon entfernt, einen welthistorischen Roman geschrieben zu haben.)

Band Eins, das 2010 erschienene „Sturz der Titanen“, beginnt mit dem Bergarbeiteraufstand von 1914 und endet mit der angespannten Situation in Europa kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Dieser steht nach Hitlers Machtergreifung im zweiten Teil „Winter der Welt“ besonders im Mittelpunkt. Im letzten Teil „Kinder der Freiheit“ geht es hingegen besonders um die Geschehnisse in Deutschland: Das Buch setzt beim Bau der Berliner Mauer ein und endet mit dem Fall ebendieser. Eine solch umfangreiche Spanne an geschichtlichen Ereignissen lässt sich – selbst mit einer Fülle von Hauptfiguren wie der Autor sie nutzt (dafür gibt es in jedem Band ausführliche Familienstammbäume) – kaum umfassen, und so greift auch Follett auf den beliebten Forrest-Gump-Trick zurück: Er lässt seine Figuren einfach teilhaben an all den politischen Ereignissen, Kriegen, Revolutionen, Intrigen, Affären und Verschwörungen. Dabei passt er seine Handlungen mehr oder minder elegant an das detailgetreu recherchierte Zeitgeschehen an. Da bleibt es nicht aus, dass manche der Handlungsstränge doch sehr weit hergeholt oder auch ziemlich abstrus anmuten.

Auch wenn die drei monumental wirkenden Bände in Umfang und Vorhaben die meisten seiner bisherigen Bestseller (man erwähne da nur „Die Säulen der Erde“, „Die Tore der Welt“, „Die Pfeiler der Macht“) in ihrer epischen Breite noch übertreffen – Folletts Handschrift bleibt doch unübersehbar, seine Strategie deutlich erkennbar. Man nehme: ein Dutzend charismatischer, junger, heldenhafter Hauptfiguren, die sich auf bestimmten Gebieten besonders hervortun, dazu eine Riege wechselnder und relativ austauschbarer Nebenfiguren, bette sie in verschiedenen sozialen Schichten in den historischen Kontext ein und lasse sie mit realen Figuren und an Originalschauplätzen interagieren. Dazu kommen noch die unverzichtbare Menge an schrecklichen Schicksalsschlägen, Überraschungen und unerwarteten Ereignissen, Enttäuschungen, Gewalt, Szenen aus dem prallen Leben und nicht zuletzt – Sex. Letztere Zutat ist bei Follett unverzichtbar und ein Garant dafür, dass das Historienepos in all seinen zugegebenermaßen brillant recherchierten Einzelheiten nicht zu trocken und anstrengend gerät.

Follett ist ein Massenschreiber, mit seinem Verlag arbeitet er streng nach selbst auferlegten Deadlines; alle paar Jahre erscheint ein neuer, riesiger Wälzer. Bei Romanen mit so viel geschichtlichem Hintergrund wäre das allein nicht zu schaffen, inzwischen ist Follett nicht mehr Einzelperson, sondern versammelt hinter sich eine große Menge an geschichtlichen Experten, Fachleuten und Menschen, die im Vorfeld seiner Schreibtätigkeit Fakten sammeln und Hintergründe mehr als genau recherchieren.

Das Resultat einer solchen Maschinerie sind einerseits beeindruckend detailreiche historische Zusammenhänge, doch andererseits hat man nicht selten den Eindruck, dass das Follett-Muster bei einem solch massenhaften Ausstoß von Literatur schon sehr ausgereizt ist. Die Figuren fallen dem am augenscheinlichsten zum Opfer, denn die Trilogie leidet an schablonenhaften, oft vorhersehbaren und sehr eindimensionalen Charakteren, die sich allzuleicht in Gut-und-Böse-Schemata pressen lassen. Auch bei der Darstellung der historischen Ereignisse lassen sich Ungleichgewichtungen erkennen: So verweilt der Autor im ersten Band lange bei den Bergarbeiteraufständen in seiner Heimat Wales (ein gelungener Teil des Romans) und legt im dritten Band einen großen Schwerpunkt auf die Bürgerrechtsbewegung in den USA, im zweiten Band bleiben jedoch der Holocaust und die Vernichtungslager völlig außen vor – ein im Angesicht ihrer politischen und gesellschaftlichen Tragweite erstaunlicher Fakt. Dem Lesefluss tun diese Mängel keinen großen Abbruch, doch man sollte wissen, auf was man sich einlässt.

Follett wird dem eigenen pädagogischem Anspruch an seine massenkompatible und kommerziell äußerst erfolgreiche Unterhaltungsliteratur gerecht, denn die drei Bände sind über weite Strecken sogar äußerst lehrreich, sofern man über grundlegende Vorkenntnisse verfügt und demzufolge Fiktion von historischen Tatsachen zu unterscheiden weiss. Besonders mit Beschreibungen aus dem Alltag der Menschen und vielen Details – Kleidung, hygienische Zustände, technische Details von Maschinen und Fahrzeugen – können die Romane punkten, darin liegen ihre großen Stärken. Am Ende bleibt trotz großer Mängel in Plot und Figurengestaltung für den Leser ein ungewöhnlich kompaktes Bild einer bewegenden und geschichtlich bedeutsamen Epoche, durch das Werte wie Demokratie, Freiheit und Gleichheit eine neue Wertschätzung gewinnen.

Wenn man also folletterfahren keine große Literatur erwartet, sondern nur spannend unterhalten werden will und dazu noch monströs dicke Bücher und Geschichte mag, ist die Trilogie eine sehr nette Lektüre für die großen Ferien.

In einem Satz:
Ein typischer Follett, nur größer: Fiktion meets Geschichte, dazu Helden, Sex und einiges an Pathos – Let me entertain you.  :-)


Ken Follett. Sturz der Titanen. Aus dem Englischen von Rainer Schumacher und Dietmar Schmidt. Erscheinungstermin: 28. September 2010. 1022 Seiten. Verlag: Bastei Lübbe. ISBN: 978-3-7857-2406-4. € 28,00 

Ken Follett. Winter der Welt. Aus dem Englischen von Rainer Schumacher und Dietmar Schmidt. Erscheinungstermin: 18.09.2012. 1022 Seiten. Verlag: Bastei Lübbe. ISBN: 978-3-7857-2465-1. € 29,99 

Ken Follett. Kinder der Freiheit. Aus dem Englischen von Rainer Schumacher und Dietmar Schmidt. Erscheinungstermin: 16. September 2014. 1216 Seiten. Verlag: Bastei Lübbe. ISBN: 978-3-7857-2510-8. € 29,99 

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