4817_0In Baker geboren zu sein, kommt schon einer Höchststrafe gleich. Für den jungen John Kaltenbrunner kommt sein Leben als I-Tüpfelchen noch dazu, denn er stolpert von einer Katastrophe in die nächste, bis er ganz unten angekommen ist, dort, wo nur noch der Abschaum der Gesellschaft sich versammelt. Doch eines Tages nimmt er Rache und entfesselt ein Inferno, wie es  die Stadt noch nie gesehen hat.

Egolfs Roman dreht sich um Rache, die Untiefen menschlicher Psyche und das fragile soziale Gefüge einer durchschnittlichen Kleinstadt. Brachial. Und unvergesslich.

John Kaltenbrunner ist ein Eigenbrötler. Er ist Halbwaise, der Vater ist schon früh auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen. Doch John merkt schon als Kind, dass er anders ist, dass er sich abhebt vom Pöbel, der den Hauptteil der Bevölkerung seines Heimatortes Baker ausmacht. Und er hat große Pläne: Voller Elan stürzt er sich schon als Elfjähriger in den Ausbau der elterlichen Farm; gegen den Widerstand der Mutter schafft er Legehennen an und züchtet Schafe. Bald verbringt er mehr Zeit im heimischen Stall als in der Schule. Doch es dauert nicht lange, bis das Unheil über ihn hereinbricht und in der Folge hartnäckiger als jeder Sekundenkleber an ihm zu haften scheint. Ein Tornado verwüstet die Farm, die Mutter erkrankt schwer, und er selbst wird von zänkischen, habgierigen Methodistenweibern heimtückisch um sein Erbe gebracht. Schließlich eskaliert die Situation und John rastet aus. Das bringt ihm einige Jahre Zwangsarbeit ein, doch statt nie wieder zurückzukehren und irgendwo neu anzufangen, taucht John wieder auf und wird von seinem Heimatort erneut in den Hintern getreten.

Eine Serie an weiteren Katastrophen folgt, bei denen man den Eindruck gewinnt, dass John Kaltenbrunner ein so ausgemachter Unglücksrabe ist, wie man ihn noch nie gesehen hat. Irgendwann landet er dann ganz unten, bei der Müllabfuhr, und steht damit mit seinen Kollegen, den Haldenschraten, auf  der niedersten sozialen Stufe.

Hier endlich hat er genug. Als Anführer organisiert John einen mehrwöchigen Streik für bessere Arbeitsbedingungen und mehr Anerkennung seiner Berufsgruppe durch die Bevölkerung. Das Problem tritt bald offen zutage, denn es ist Hochsommer, und Baker versinkt in einem Chaos, das einem Weltuntergang gleichkommt.

Tristan Egolfs Debüt ist eine Outlawstory ganz in der Tradition klassischer Anti-Helden. Tom Sawyer, Huck Finn, Holden Caulfield … die Liste rebellischer Außenseiter in der amerikanischen Literatur lässt sich beliebig fortsetzen. Gleichzeitig ist es ein Portrait vom äußeren Rand der amerikanischen Gesellschaft, das zwar in der Gegenwart angesiedelt ist, aber ebenso die Zwanziger oder Dreißiger Jahre darstellen könnte. Sehr viel scheint sich nicht verändert zu haben, doch Baker ist der Inbegriff des degenerierten mittelamerikanischen Kaffs, in dem sich der weiße Pöbel auf einem Haufen zusammengerottet und über Generationen immer weiter untereinander fortgepflanzt hat bis wirklich jede Spur von Moral und Anstand ausgelöscht wurde. Egolf zeichnet das Bild einer Gesellschaft in der Abwärtsspirale, eine Geschichte des Niedergangs einer Generation, die nur von Fernsehen, Dosenbier und der allabendlichen Kneipenschlägerei in Balance gehalten wird. John Kaltenbrunner ist mit seinem Müllabfuhrstreik das Zünglein an der Waage, der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, der die fragile Gemengelage zu einer Seite verschiebt und die letzten Schranken der Zivilisation niederreißt.

Geht es am Anfang noch um John und sein Schicksal, verliert dies im Laufe der Handlung immer mehr an Bedeutung. Kaltenbrunner wird zum tragischen Helden, zum Überbringer von Sozialkritik, zum Racheengel an der versnobten und durch und durch verdorbenen Gesellschaft.  Egolfs soziokulturelles Portrait ist laut, wild und ein wahrhaftiger Erguss – von allem: Fäkalsprache, Schimpfwörter, Übertreibungen, reichlich Dialekte. Das ist am Anfang noch spannend und sehr unterhaltsam, doch nach der Hälfte des Buches wird es langsam anstrengend, und da liegt das Problem: Egolf kontert sich selbst aus, er wirft dermaßen mit Superlativen um sich, dass dem Ballon, den er über viele hundert Seiten aufgebläht hat, irgendwann die Luft ausgeht. Mit zu vielen Kleinigkeiten und detailreichen Beschreibungen steigern sich Protagonist und Autor in eine Zerstörungswut, die in der Kleinstadt keinen Stein mehr auf dem anderen und die die Ankunft der apokalyptischen Reiter wie einen nachmittäglichen Kiindergartenausflug aussehen lässt.

Kurzum – Monument für John Kaltenbrunner ist ein beeindruckendes, doch eindeutig zu wuchtiges Romandebüt, das furios beginnt, sich 200 Seiten aber locker hätte sparen können.

In einem Satz:

Furioses Gesellschaftsporträt und bitterböser Schelmenroman, der etwas zu sehr auf den Putz haut, aber, sofern man bis zum Ende durchhält, auf jeden Fall Eindruck hinterlässt.


Tristan Egolf. Monument für John Kaltenbrunner. (Im Original: Lord of the Barnyard) Aus dem Amerikanischen von Frank Heibert.  Erscheinungstermin: 13. August 2000. 502 Seiten. Verlag: Suhrkamp, ISBN: 978-3518411810

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