Altes Land von Doerte HansenVera Eckhoff, polterige Zahnärztin, und ihre Nichte, die Musikerin Anne, haben auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam. Die eine lebt zurückgezogen auf einem heruntergekommenen Hof im Alten Land, die andere mit Partner, Kind und jeder Menge Probleme im hippen Hamburg-Ottensen. Als Anne plötzlich allein dasteht und zu Vera auf den Hof flieht, prallen zunächst Welten aufeinander, doch Veras Haus scheint bereits heimlich an merkwürdigen Verbindungen zwischen den Frauen zu weben. Dörte Hansens Debütroman begeistert mit einer überzeugenden Geschichte und seinem lakonisch-poetischem Stil.

Als Vera Eckhoff eines Tages die Tür öffnet und ihre Nichte Anne plus kleinem Sohn und umzugsunwilligem Kaninchen vor ihr steht und eine neue Bleibe sucht, fühlt sich Vera in ihre eigene Kindheit zurückversetzt. Damals war sie es, die mit ihrer Mutter als Flüchtling aus Polen kam und kein Zuhause mehr hatte. Irgendwie ging es dennoch weiter, ihre Mutter heiratete ein in die Familie Eckhoff und hielt es dann doch nicht aus auf dem Land mit Leuten, die Andere auch nach zwanzig Jahren noch als Zugezogene ansehen, die hinter Gardinen gucken und denen ihre Reetdächer das Allerheiligste sind. Vera hingegen blieb, pflegte den Stiefvater und erbt schließlich das Haus, das ihr auch nach all den Jahren fremd bleibt und unheimlich. Nicht versöhnen kann sie sich mit ihm und all den fremden Stimmen, die sie in ihm zu hören glaubt, und Veränderungen sind undenkbar.

„Dit Huus is mien un doch nich mien, de no mi kummt, nenn`t ook noch sien.“ 

Das Haus verfällt und Haus und Besitzerin werden sich ähnlicher und verwachsen in einem seltsam feindlichen Stillhalteabkommen, das erste Risse erlebt, als die gelernte Tischlerin Anne die Fenster aufarbeiten will.

Die Beziehung zwischen der sturen Vera, die eingezwängt in ihrem Korsett aus Gewohnheiten lebt und nicht daraus ausbrechen kann und der chaotisch-emotionalen Anne, die Hals über Kopf vor ihrem untreuen Partner geflohen und nun als alleinerziehende Mutter reichlich überfordert ist, bietet reichlich Platz für Zündstoff. Ganz allmählich beginnen jedoch die starren Strukturen an den Rändern aufzuweichen. Die Frauen haben mehr gemeinsam, als sie vermutet haben – eine Vergangenheit, die alle Frauen ihrer Familie teilen und die sie fest in ihren unbeugsamen Herzen verschlossen haben.

Dörte Hansens Debütroman erzählt die Geschichte dreier Generationen von eigenwilligen Frauencharakteren, die alle auf ihre Weise mit der Vergangenheit hadern und die so untereinander keinen Frieden finden können. Geschickt verflechtet sie dabei die Geschehnisse der letzten Kriegsjahre mit den Problemen der gegenwärtigen Zeit. Flucht und Vertreibung, Tod und Kälte gegen Öko-Mütter, Affären und vegane Kost im Kindergarten – was auf den ersten Blick unvereinbar klingt, ergibt in „Altes Land“ einen stimmigen Plot, in dem die Generationskonflikte herrlich authentisch aufeinanderprallen. Lakonisch, fast kodderich, schreibt Hansen ihre Dialoge, einmal hineingegriffen ins pralle Leben, und zieht dabei auch ordentlich bekannte Klischees durch den Kakao. Ihre Szenen sind voller Witz, das oft verwendete Plattdüütsch sorgt für den richtigen Schuss Landromantik ohne dabei aufgesetzt zu wirken. Und dann – je weiter man liest, desto eher erkennt man sie – die leise Poetik, die sich bei Hansen ganz unauffällig zwischen ihre kurze, schroffe Schreibe schleicht. Die leisen Töne, die wunderbaren Sprachbilder, die sie einfach so dazwischenschummelt, die Sätze, von denen einer das Herz zu treffen vermag wie ein genau platzierter Schuss und einem Tränen in die Augen treibt.

„Die Natur kam langsam wieder zu sich, wie ein Patient aus einem tiefen Koma, sie war noch bleich, das Gras lag ohne Kraft am Boden, strähnig. Die Felder sahen verheult aus, die Bäume tropften, zitterten, aber an ihren kahlen Zweigen schwollen schon die Knospen.“

Dörte Hansen ist eine Künstlerin auf leisen Sohlen, eine Autorin, deren großes Können sich mit jeder umgeblätterten Seite mehr offenbart. Ein wunderbarer, ein vielschichtiger Roman. Unbedingt lesen!

In einem Satz:
Drei starke Frauen und ein knorriges Haus – eine berührende Geschichte mit intelligentem Witz und sprödem Charme. 


Dörte Hansen. Altes Land. Erscheinungstermin: 16. Februar 2015. 288 Seiten. Verlag: Knaus, ISBN: 978-3-8135-0647-1, € 19,99

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