Doerr_A_Alles_Licht_das_wir_nicht_sehenEin Waisenjunge, der wegen seiner technischen Begabung in Nazideutschland gefördert wird und schließlich in einer Spezialeinheit der Wehrmacht dient, um im Krieg feindliche Sender aufzuspüren. Ein blindes französisches Mädchen, das mit seinem Vater aus Paris nach Saint-Malo fliehen muss, um unter Lebensgefahr einen Schatz zu verstecken. Anthony Doerr erzählt in seinem Roman zwei Schicksale in den Wirren des zweiten Weltkrieges und wird in Amerika dafür begeistert gefeiert und schließlich mit dem Pulitzer-Preis bedacht. Und auch ich kann mich dem Zauber seiner Erzählkunst kaum entziehen…

1944, St. Malo in der Bretagne. Eine von den Deutschen besetzte Stadt kurz vor ihrer Zerstörung durch die alliierten Bomber. In der 4, Rue Vauborel sitzt die blinde Marie-Laure LeBlanc vor dem Modell der Stadt, das ihr Vater ihr gebaut hat, bevor er verschwand. Sie ist allein. Und sie hütet einen Schatz, der sie in Lebensgefahr bringt.

Ein paar Straßen weiter wird das altehrwürdige „Hotel des Abeilles“ von den ersten Bomben getroffen und der achtzehnjährige Deutsche Werner Hausner im Keller verschüttet.

St. Malo ist die letzte deutsche Bastion an der französischen Küste. Das Blatt wendet sich, die Alliierten machen an Boden gut. Aber hier, in dem Küstenstädtchen, wird das Durchhalten proklamiert, ist man noch nicht zum Aufgeben bereit.  Anthony Doerrs Roman Alles Licht, das wir nicht sehen dreht sich um diese letzten Tage im August 1944 in der französischen Bretagne, um die Geschichten zweier Charaktere, die unterschiedlicher nicht sein könnten, deren Schicksale aber doch wie zufällig miteinander verwoben sind.

Werner Hausner wächst mit seiner Schwester Jutta in einem Waisenhaus der Zeche Zollverein in der Nähe von Essen auf. Es ist das Jahr 1934, ärmliche Zeiten. Die Kinder leiden unter Mangelernährung, die Waisenhausleiterin aus dem Elsass versucht alles, um die Kleinen durchzubringen. Werner sticht bald hervor. Durch seine Hilfsbereitschaft, seine Wissbegier, sein schneeweißes Haar. Er interessiert sich für Radios, bastelt an technischen Geräten herum, die er im Abfall findet. Immer wieder hört er auch die Sendung eines unbekannten französischen Wissenschaftlers, begleitet von einem einprägsamen Klavierstück, das ihn über Jahre nicht loslassen wird. Bald aber hören sie im Waisenhaus aber nicht mehr nur Musik, sondern auch die Nachrichten. Die politische Indoktrinierung lässt sich nicht aussperren, sondern kommt über Werners Radiowellen in die Zimmer hinein. Werner will davon nichts wissen, aber er muss wählen: zwischen Auflehnung und Anpassung, zwischen einer chancenlosen Zukunft und seiner Leidenschaft für die Technik, zwischen seiner Schwester und dem Verrat seiner Überzeugungen.

Währenddessen wächst in Paris die zwei Jahre jüngere Marie-Laure LeBlanc auf. Weil sie unheilbar an grauem Star erkrankt ist, erblindet sie, woraufhin ihr Vater, der als Museumsschlosser arbeitet, ihr ein originalgetreues Holzmodell des Stadtviertels baut, in dem sie wohnen. Mit Ausbruch des Krieges fliehen Vater und Tochter ins vermeintliche sichere St. Malo, wo Marie-Laures Onkel wohnt. Schon bald wird Marie-Laure dort Teil des örtlichen Résistance-Netzwerkes. Doch bald rückt der Krieg näher, und St. Malo wird zum Schicksalsort, an dem sich die Lebenslinien der beiden Protagonisten kreuzen, denn Werner wird mit seiner Spezialeinheit in die Küstenstadt verlegt, um feindliche Sender aufzuspüren.

Doerrs Roman lebt von seiner ungewöhnlichen Struktur: Alternierend erzählt er vom Schicksal seiner beiden Hauptfiguren, begleitet sie durch ihre Kinderjahre, ihre Jugend, bis sie sich schließlich im Krieg auf gegnerischen Seiten wiederfinden. Die Kapitel sind dabei sehr kurz, in ein, zwei Seiten erlauben sie kurze Einblicke in Lebensmomente, Streiflicher, die eher verdichtet Atmosphäre vermitteln als ausschweifende Panoramen zu entwickeln. In den deutschen Feuilletons hat ihm das die Kritik eingebracht, zu mundgerecht zu schreiben, zu TV-verdaulich. Vermutlich, so die Mutmaßungen, kam der Roman deshalb auf dem amerikanischen Markt so gut an. In meinen Augen ist das Gegenteil der Fall. Doerr macht es geübten Lesern mit dieser Einteilung schwerer, kaum hat man sich wieder in ein Kapitel vertieft, ist es auch schon wieder vorbei. Das ist unbequem, der Autor setzt voll auf das Abstraktionsvermögen seiner Leser. Die vielen Zeitsprünge sind herausfordernd und unterbrechen den Lesefluss ständig. Auf der anderen Seite spart Doerr nicht mit poetischen Formulierungen, die nicht so recht zum Inhalt passen wollen und die durch die sehr textnahe Übersetzung auch im Deutschen mitunter sperrig und ungelenk klingen.

Ob der Pulitzer gerechtfertigt ist oder nicht, das mögen andere entscheiden. Tatsache ist jedoch, dass Doerrs Buch trotz einfacher und wirkungsvoller Gut-Böse-Plakatierung und einem gehörigen Schuss Mythik sehr spannend und handwerklich gekonnt ist. Ein Buch, das unterhält und das ich uneingeschränkt weiterempfehlen kann.

In einem Satz:
Kriegsroman mit reichlich Gut und Böse (und einer Portion gut aushaltbarem Kitsch), der kunstvoll angelegt und sehr sehr spannend ist. 


Anthony Doerr. Alles Licht, das wir nicht sehen. (Im Original: All the light we cannot see) Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence . Erschienen am 27. April 2016. 519 Seiten. Verlag C.H.Beck, ISBN: 978-3406680632, € 19,95

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