1309_01_SU_Whitehouse_DieReise_47L.inddEin Junge, der in einem Weckglas Haare und Fingernägel sammelt und dokumentiert, wie oft sein Vater sich betrinkt, ein autistisches Mädchen, das eine Vorliebe für das Notieren von Namen hat, seine vom Leben gezeichnete Mutter, die sich nach Sorgenfreiheit sehnt und ein ausrangierter Bücherbus – mit dieser skurrilen Mischung beginnt eine abenteuerliche Reise quer durch England und die aufregende Welt der Bücherregale. David Whitehouses zweiter Roman lässt einen mal lachen und mal weinen und manchmal auch beides zugleich. 

Als seine Mutter verschwindet, bricht für den zwölfjährigen Bobby Nusku eine Welt zusammen. Seitdem lebt er bei seinem lieblosen Vater und dessen dummblondierter Freundin, die das Haus in einen Friseursalon verwandelt und sich rücksichtslos im ehemaligen Reich seiner Mutter ausbreitet. Bobby verbringt seinen tristen Alltag damit, sich auf ihre Rückkehr vorzubereiten, indem er zwanghaft alles dokumentiert, was seit ihrer Abwesenheit im Haus vor sich geht. Als eines Tages dann auch noch sein bester Freund Sunny spurlos verschwindet, ziehen sich Bobbys Tage wie ein endloser, längst geschmackloser Kaugummi. Doch dann lernt er Rosa kennen. Rosa ist anders als andere Kinder. Sie mag Namen und Geschichten, die ihr ihre Mutter Val, die den Bücherbus der Gemeinde putzt, regelmäßig vorliest. Durch Rosa und Val fasst Bobby wieder Kraft, gegen sein scheinbar unausweichliches Schicksal und die Widrigkeiten seines Alltags aufzubegehren, doch dann gerät er in der Schule in ernsthafte Schwierigkeiten, und die drei brechen Hals über Kopf zu einer total verrückten Reise quer durch England auf.

„Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek“ ist eines dieser Bücher, von denen man sofort denkt (und ich denke das nicht oft), dass es sicher auch einen großartigen Film abgeben würde. Es vereint eine tragische Geschichte, skurrile, aber sympathische Charaktere, eine gute und rasante Story und eine Menge Klischees. Es wäre ein Film, bei dem man mit einer großen Box Taschentücher auf dem Sofa sitzt und dahinschmilzt, und diese Taschentücher kann man auch beim Lesen des Buches öfter mal gebrauchen. Whitehouses zweiter Roman ist nämlich nicht nur ein herzerwärmendes Roadmovie – in diesem Fall wäre wohl eher die Bezeichnung Roadbook angemessen – sondern vor allem auch eine ziemlich tragische Geschichte um ein vernachlässigtes Kind, ein liebloses Elternhaus, Einsamkeit, Misshandlung, elterliches Desinteresse,  Alkohlsucht, Geldsorgen, Nachbarschaftstratsch und Intoleranz. Besonders der Anfang des Buches trifft den Leser oft mit voller Breitseite – Whitehouses Protagonisten haben es schwer in ihrem Alltag und lassen die Realität oft grausam und brutal erscheinen. Die Flucht mit dem Bücherbus ist genauso wenig geplant wie sie eigentlich schon von Beginn an aussichtslos ist, doch genau dies macht den Charme der Handlung aus, denn die Reise dient nicht dem Zweck, dem Alltag für immer zu entfliehen und sich der Verantwortung zu entziehen, sondern einzig und allein dem Wunsch nach Verständnis, Liebe und einer kurzen Zeit des Glücks.

Als das Trio unterwegs dem geheimnisvollen Outlaw Joe begegnet und sich damit unwissentlich in noch viel größere Schwierigkeiten bringt, beginnt Bobby Nusku nach und nach zu ahnen, was Freundschaft und Vertrauen wirklich bedeuten, denn die vier so unterschiedlichen Charaktere, von denn jeder einzelne irgendwie auf der Flucht ist, finden einen neuen Zufluchtsort: sich selbst. Ihre kleine Gruppe wird zu einer Gemeinschaft, zu einer Einheit, zu einer Ersatzfamilie, in der weder die aus Verzweiflung begangenen Gesetzesbrüche noch die eigene Vergangenheit so viel zählt, wie die Gefühle, die alle füreinander und während sie zusammen sind, entwickeln.

Der Leser verfolgt die Abenteuer dieses ungleichen Quartetts mit Wehmut: In allen Szenen liegt eine unterschwellige Traurigkeit, eine Melancholie und das Gefühl, wie vergänglich, wie flüchtig kleines Glück doch meistens ist. Die Expedition kann nur zum Scheitern verurteilt sein, jeder Meter, den der Bücherbus zurücklegt, jede Seite, die Bobby Nusku verschlingt, jedes Buch, das er auf dem Weg zurücklässt, bringt die vier der Katastrophe, die sie unweigerlich erwarten muss, näher, doch Whitehouse dosiert seine Spannung gut und lässt den Leser wohlüberlegt am Faden baumeln – das Ende bleibt unkalkulierbar und ist wirklich gelungen.

Die „Bibliothek“ ist ein tolles Buch mit einigen typischen Gut- und Böse-Klischees, die aber durch einfühlsame und kluge Figurenentwicklungen fast wieder ausgebügelt werden. Whitehouse entwirft eine zutiefst berührende Geschichte mit einem fast schon verstörend ehrlichen Blick auf die Härten  und Ungerechtigkeiten des Lebens, in der die schon zur Redewendung erstarrte Botschaft, dass Werte wie Freundschaft, Liebe, Vertrauen und Gemeinschaft wichtiger als alles andere sind, auf beeindruckende Weise wieder aufersteht.

Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek – verrückt und kraftvoll,  lebensklug und poetisch – unbedingt lesen!!!

In einem Satz:
Bittersüßes Roadbook mit Herzschlagfinale, das einen schmunzelnd weinen und schluchzend lächeln lässt.


David Whitehouse. Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek. (Im Original: Mobile Library) Aus dem Englischen von Dorothee Merkel. Erschienen am 21.02.2015. 314 Seiten. Tropen Verlag, ISBN: 978-3608501483, € 19,95

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