Lawrence_D_H_Der_Mann_der_Inseln_liebte

Absolutes Glück und ein erfülltes Leben sehen für einen jeden Menschen verschieden aus. Der eine lebt gern in einem großen Haus, in Luxus und Überfluss, der andere eher bescheiden und zurückgezogen.

Mr Cathcart liebt Inseln. So sehr, dass er sich seinen Traum erfüllt und sich eine kauft, um auf ihr zu wohnen und sich dort seine eigene Welt zu entwerfen, ganz unabhängig von dem Gewimmel an Menschen, das auf dem Festland herrscht, denn Ruhe ist das, wonach er sich am meisten sehnt. Doch selbst die wenigen Menschen auf seiner Insel strengen ihn bald nur noch an, er zieht auf eine noch einsamere Insel und so beginnt seine Reise in die selbst gewollte Einsamkeit, zum Glück und vor allem zu sich selbst.

„Der Mann der Inseln liebte“ ist eine Geschichte vom Streben nach Vollkommenheit und die schmerzvolle Erkenntnis, das mit deren Erreichen die Suche noch lange nicht beendet ist.

Mr Cathcart erfüllt sich einen Lebenstraum: Er kauft sich eine Insel, um auf ihr zu wohnen. Weil er auf einer Insel geboren ist, hat er sich immer nach einem solchen Leben gesehnt, denn große Menschenmengen um sich herum kann er nur schwer ertragen. Aus diesem Grund nimmt er auf sein neu erworbenes Eiland auch nur wenig und ausgesuchtes Personal mit – eine Haushälterin, einen Verwalter, einen Zimmermann mit seiner Familie und eine Handvoll weiterer Angestellter, die in den kleinen Häusern auf der Insel Quartier beziehen.  Einige Jahre lang geht alles gut. Mr Cathcart lebt als Herr mit seinen wenigen Insulanern in einer stillen, abgeschiedenen Welt, überwacht den Fortschritt, die technischen Neuerungen, das Entstehen neuer Gebäude, die Entwicklung der kleinen Farm. Doch es gibt auch Probleme: der Inselherr verkalkuliert sich, die Investitionen verschlingen die mageren Erträge und sein Vermögen beginnt zu schrumpfen. Auch im nächsten Jahr, als die Ernten auf der Farm sehr gut ausfallen, vergrößert sich das finanzielle Loch, hinzu kommen Katastrophen, wie sie im Leben gern gehäuft auftreten: Verletzungen beim Personal, Krankheiten, die die Tiere befallen. Die Inselbewohner haben sich ihr Leben anders vorgestellt. Es ist einsam und sie fühlen sich den Elementen ausgeliefert, einige verlassen die Insel, andere werden unzufrieden und unehrlich, die Stimmung im Paradies ist vergiftet.

Im fünften Jahr dann kapituliert Cathcart vor den Schwierigkeiten: Er muss verkaufen, zieht auf eine kleinere Insel um noch einmal von vorn zu beginnen, doch auch dort findet nur der Spiegel der bisherigen Ereignisse seinen Ausdruck. Obwohl Cathcert sein Personal verringert hat, kommt es zu Problemen, er verwickelt sich in eine Affäre und bald schon ist ihm alles zuwider. Seine Sehnsucht nach Vollkommenheit, Einsamkeit und Ruhe kann so nicht gestillt werden, es bleibt allein die Flucht auf das dritte Eiland, das nunmehr ein Inselchen, ein Hügelchen, mitten im Meer ist.

Allein lebt Cathcart dort in einer Hütte am Strand, einige Tiere leisten im Gesellschaft, doch nach einer Zeit kann er selbst diese und die Geräusche, die sie machen, kaum noch ertragen. Cathcart wird schrullig. Die lange Einsamkeit lässt ihn verschroben werden und missmutig; schon das Auftauchen eines Bootes am Horizont bereitet ihm Magenschmerzen. Ziel- und antriebslos treibt er dahin, hat sich den Meeresbewegungen angepasst, ist selbst zu einem Teil seiner Umgebung geworden, mit ihr verschmolzen. Hat er das Glück gefunden? Er weiss es nicht. Haltlos klammert er sich an die Tatsache, dass er nun völlig allein ist, nur aus ihr zieht er Kraft und Befriedigung, doch es ist eine Selbsttäuschung, denn auch das Gefühl, Glück zu empfinden, zu erkennen, ist ihm verloren gegangen.  Cathcart existiert nur noch, im Taumel der Elemente um ihn herum vegetiert er vor sich hin, alles, was in diese Stille eindringen könnte, versetzt ihn in Panik. Die Abgeschiedenheit, die Ruhe, die er sich ersehnt hatte, hat ihm in seinem Geist nun ein Gefängnis gebaut, aus dem er, selbst wenn der Schnee um ihn herum eines Tages wieder schmilzt, nicht mehr entkommen kann. Cathcart ist vor den Menschen geflohen, doch nun flieht ihn das Leben und auch das Wünschen. Er ist sich selbst in die Falle gegangen.

D.H. Lawrence schrieb seine Geschichte vom Mann, der Inseln liebte, 1927, drei Jahre vor seinem Tod, doch das Thema hat bis heute nie an Aktualität verloren. Jeder mag Momente kennen, in denen er sich nach Stille und Abgeschiedenheit sehnt, nach Rückzugsmöglichkeiten und Selbstbesinnung in einer überwältigenden und schwer fassbaren Umgebung. Es geht um Sehnsucht und das Streben nach einem Idealzustand, dessen Erreichen jedoch vielleicht alles andere als erstrebenswert ist.

In einem Satz:
Eine beklemmende und bildstarke Erzählung über Ab- und Einkehr, die heute – genau wie damals – noch hochaktuell ist. 


D.H. Lawrence. Der Mann, der Inseln liebte. (Im Original: The Man who Loved Islands) Aus dem Englischen von Benjamin Lebert. Erschienen am 15. August 2015. 80 Seiten. Hoffmann und Campe, ISBN: 978-3455405491, € 15,00

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