Christopher_N_Tiger_RagNew Orleans um die Jahrhundertwende: An jeder Ecke spielen Kapellen, die Tanzclubs sind abends voll, genau wie die Bordelle. Der Jazz beginnt seinen Siegeszug und mit ihm ein aufsteigender Stern am Musikerhimmel: Charles „Buddy“ Bolden. In seinem Roman „Tiger Rag“ schwelgt Christopher im Orleans des Jazz und setzt der Musikerlegende Bolden mit einer Mischung aus Krimi und Familiendrama ein unterhaltsames fiktives Denkmal.

Buddy Boldens Kornett klingt lauter als alle anderen, wer es einmal spielen gehört hat, vergisst es nie wieder. „King Bolden“ nennen sie ihn – den König des Horns. Und wie ein König lebt Bolden auch, gibt sein Geld mit vollen Händen aus, trägt teure Anzüge und Schuhe, feiert, spielt und trinkt und unterhält gleichzeitig mehrere Häuser und Frauen. An die Zukunft denkt Bolden nicht und reitet rücksichtslos auf der Welle seines Erfolgs.

In einer von Christopher erfundenen Nacht im Jahr 1904 lässt Bolden mit der neuen Wachswalzentechnik drei verschiedene Aufnahmen seines legendären Stückes „Tiger Rag“ anfertigen, doch in den darauffolgenden Jahren gehen die Aufnahmen verloren. Auch Boldens Stern sinkt bald, er lebt über seine Verhältnisse, ist inzwischen schwer alkoholabhängig und endet schließlich vergessen in einer Nervenheilanstalt.

Mitten hinein in diese Geschichte aus belegten und fiktiven Anekdoten aus dem Leben Boldens setzt Christopher eine zweite. Sie ist im Jahr 2013 angesiedelt und dreht sich um die Ärztin Ruby, deren Leben um sie herum zusammenzubrechen droht, als ihr Ehemann sie für eine Jüngere verlässt und ihre Mutter stirbt. Mit ihrer Tochter, einer gescheiterten Jazzpianistin auf Drogenentzug, begibt sie sich auf eine lange Autofahrt von Miami nach New York, um dort einen Fachvortrag zu halten. Doch nicht nur Rubys zunehmend manische Aussetzer erschweren die Beziehung der beiden Frauen zueinander – unterwegs stoßen die beiden auch auf eine Geschichte, in der es um eine verschwundene Tonaufnahme geht und die auch alte Wunden aus der eigenen Familienhistorie wieder aufreißen lässt.

Christophers leidenschaftliches Portrait des Jazzmusikers Bolden entführt in ein musikalisches New Orleans voller rauchiger Kneipen, Huren und wilder Live-Kapellenzeiten. Besonders diese Sequenzen lassen das Engagement und die Begeisterung des Autors gut nachfühlen. Auch die Idee, die Geschichte in die Gegenwart zu tragen und mit der eines modernen Familienromans zu verknüpfen, ist auf den ersten Blick nicht verkehrt. Leider verliert sich Christopher oft auf dem Weg in seinen eigenen Anekdoten, er schweift ab, verläuft sich in Nebenschauplätzen, vieles wirkt überkonstruiert und der Plot teilweise sehr angestrengt. Jazz, das Thema seines Romans, wird zum Stilprinzip – „Tiger Rag“ beginnt vielversprechend, gerät aber vor allem durch die Verbindung der beiden so unterschiedlichen Geschichten zu einem reinen Unterhaltungsroman anstatt zu einem seriösen Portrait eines zweifelsohne bedeutenden Mannes. So richtig mag sich der Autor vielleicht auch nicht zwischen beidem entscheiden, doch genau diese Unentschlossenheit lässt den Leser mit Ernüchterung zurück und dem Glanz früherer Werke wie der „Reise zu den Sternen“ nachtrauern.

In einem Satz:
„Tiger Rag“ ist über viele Strecken unterhaltsam und verbreitet echtes Musikerflair, doch verliert sich der Autor wie in einer ausschweifenden Jazzkomposition in unausgewogenen Einzelplots mit zu vielen schiefen Tönen.


Nicholas Christopher – Tiger Rag. Aus dem Englischen von Pociao. Erscheinungstermin: Juni 2014. 320 Seiten. dtv. ISBN: 978-3-423-26028-2. € 14,90

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