Blum_BesuchEin heißer Sommer in Jerusalem, ein russischer Junge ist verschwunden und sein ungewisses Schicksal in den Nachrichten allgegenwärtig. Ein Wohnhaus stürzt ein, und Nili und Nati sind seit langem mal wieder als Paar allein, weil ihre Kinder eine Woche in den Ferien sind. Hila Blums Debütroman „Der Besuch“ seziert auf beeindruckende Weise eine scheinbar perfekte Beziehung in ihre unerwartet splittrigen Einzelteile. 

Im Leben der 38-jährigen Nili scheint auf den ersten Blick alles perfekt: Sie hat einen charismatischen Lebensgefährten, zwei Töchter und eine schöne Wohnung. Doch eines Tages ruft Duclos an – Duclos, den Nili und Nati seit vielen Jahren nicht mehr gesehen haben und den sie zu vergessen versucht haben seit einer seltsamen Nacht in ihrem ersten Urlaub in Paris. Seit Nili weiß, dass Duclos nach Jerusalem kommen wird und dass er sie beide treffen möchte, findet sie keine Ruhe mehr. Erste Löcher im scheinbar perfekten Familienpatchworkteppich werden offenbar: Da ist Nati, Nilis weltgewandter Ehemann, der in zweiter Ehe verheiratet ist und Tochter Dida mit in die Beziehung gebracht hat. Diese ist in der Pubertät und schwierig, doch auch das gemeinsame Töchterchen Asia ist nicht einfach, denn seit Asia bei einem Unfall fast ums Leben gekommen ist, hat dieses Ereignis die ganze Familie nachhaltig geprägt. Auch Nilis eigene Vergangenheit macht ihr zu schaffen: eine früher exzentrische und nun demente Mutter, eine Schwester mit psychischen Problemen – die Protagonisten, die alle durch Nilis Perspektive geschildert werden, haben jede ein eigenes Päckchen zu tragen.

Es ist erstaunlich, wie viele Zweifel, wie viel Schmerz und unterdrückte Wut hinter der Fassade eines auf den ersten Blick intakten Familienlebens aufgeschüttet liegen. Eine riesige Halde aus Unwahrheiten und Anschuldigungen, Euphemismen und Unausgesprochenem bildet, wenn auch nicht das Fundament, aber zumindest mehrere tragende Wände in Nilis und Natis Beziehung. Duclos hat mit seinem Anruf ein Erdbeben ausgelöst, erste Risse in den Mauern tun sich auf. Nili zweifelt an der Beziehung, sie denkt über sich und Nati nach und über das, was sie alles zusammen durchgemacht haben. Auch über die Kinder denkt sie nach und darüber, dass Mutterliebe nicht ausschließt, die Kinder in vielen Momenten auch zu hassen und zu fühlen, dass sie zu völlig fremden Wesen heranwachsen.

Hila Blum geht es in diesem Roman nicht darum, das Geheimnis zu lüften, welches den schwer fassbaren Duclos umgibt. Das passiert natürlich auch und hält den Spannungsbogen hoch. Ganz wie nebenbei entblättert sie jedoch Nilis Beziehung zu ihrer Familie, ihre Unfähigkeit, sich fallenzulassen, abzuschalten, zu vertrauen. Schicht für Schicht wie bei einer Zwiebel schält die Autorin das Wesen dieser Ehe heraus, arbeitet dabei mit vielen Zeitsprüngen und Rückblenden, die nicht chronologisch auftreten. Ihr als Leser zu folgen erfordert Konzentration, doch es lohnt sich. Blum schreibt mit eindringlicher, poetischer Stimme, scheinbar unwichtige Begebenheiten werden bis ins Detail beschrieben und erhalten so nachträglich eine Bedeutungsschwere, die tief ins Bewusstsein einsickert. Der Plot folgt keiner erkennbaren Reihenfolge, sondern der Zufälligkeit von Nilis Gedanken und entblößt ganz langsam und mit jeder Szene mehr eine schwärende Schwärze auf dem Grund der Beziehung von Nili und Nati, die nach außen nicht erkennbar ist. Blum erweist sich in ihrem Debütroman als kluge Beobachterin und meisterhafte Erzählerin. „Der Besuch“ ist ein sehr leises, ein langsames Buch voller Andeutungen und geflüsterter Geheimnisse, voller Rätsel und Unklarheiten, ein Puzzle, das erst allmählich ein starkes Bild entstehen lässt.

In einem Satz:
Ein intensiver und sehr sensibler Debütroman, der sich weit in die Tiefen zwischenmenschlicher Beziehungen vorwagt und dessen unausgesprochene Worte hier den stärksten Eindruck hinterlassen.


Hila Blum – Der Besuch. Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. Erscheinungstermin: 11. August 2014. 416 Seiten. Berlin Verlag. ISBN: 978-3-8270-1194-7. € 22,99

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