Bronsky_A_Baba_Dunjas_letzte_LiebeBaba Dunja ist alt und will nur eins: ihre Ruhe haben. Darum lebt sie weitab vom Trubel der Stadt in einem abgelegenen Dorf in ihrem eigenen kleinen Haus mit Garten, zieht Gemüse, holt Wasser aus dem Brunnen und hält ab und zu einen Schwatz mit der Nachbarin. So weit, so gut. Baba Dunja könnte meine Großmutter sein oder deine und irgendwo in der märkischen Provinz leben. Tut sie aber nicht. Stattdessen lebt sie in Tschernowo, in der verstrahlten Zone bei Tschernobyl. Und zwar einfach, weil sie es will.

Baba Dunjas letzte Liebe ist ein leises Loblied auf das selbstbestimmte Altern, auf Familie, die Liebe und sogar auf den Tod.

Wenn Baba Dunja morgens aus ihrem Haus tritt, hört sie es genau: Die Vögel rufen hier so laut wie nirgendwo sonst auf der Welt. Der Tag liegt wie ein nachlässig ausgebreitetes Tischtuch vor ihr. Sie wird Wasser schöpfen im Brunnen, ein bescheidenes Frühstück zubereiten. Später ein paar Brombeeren ernten, etwas Gemüse aus dem Garten hinterm Haus und daraus einen Eintopf kochen. Auf der Bank sitzen und mit einem der Handvoll Nachbarn schwatzen, die hier leben und wie sie selbst ihre letzten Jahre in Ruhe und mit Abstand zu dem quirligen Leben in der Stadt verbringen wollen.

Baba Dunja lebt in Tschernowo, einem winzigen Dorf, das auf den Landkarten schon verblasst ist. Der Ort ist, obwohl er nur von Alten bewohnt wird,  kein idyllischer Altersruhesitz, denn er liegt in der verstrahlten Zone nahe Tschernobyl. Niemand will diese Gegend betreten, die meisten Häuser sind verfallen, ein Geisterort. Selbst die einzige Bushaltestelle ist zwei Stunden Fußmarsch entfernt – zu groß ist die Angst der Menschen vor dem lautlosen Tod.

Baba Dunja ist nicht dumm. Sie war früher Krankenschwester, weiß alles über die Strahlung, die heimtückisch überall lauert: im Wasser, im Boden, in den Pflanzen. Jeder Bissen vom selbst gezogenen Gemüse reichert sie in ihrem eigenen Körper an, bringt sie dem Tod näher. Doch Baba Dunja kümmert das nicht. Sie ist alt, sie wird irgendwann sterben, sowieso. Mit oder ohne Strahlung. Tschernowo ist ihr Zuhause, hier will sie leben. Die Tochter lebt in Deutschland, ihr Sohn irgendwo weit weg. Ihren Mann hat sie überlebt, Gottseidank. Jetzt ist sie zurückgekehrt, konnte es nirgendwo anders aushalten. Nur Tschernowo lässt sie zur Ruhe kommen, Frieden finden. Ein seltsamer Ort, einsam, weltentrückt, ein scheinbares Paradies, in dem eine Handvoll Alte ihre ganz eigene Lebensform gefunden haben. Sie leben in einer losen Gemeinschaft, in einer Realität ohne Geld, ohne Verwaltung, ohne Kontakt nach außen. Monatliche Einkaufsausfahrten werden zu Pilgerreisen, Odysseen, Besuche von Forschern zu Invasionen von Außerirdischen.

Die Alten sind eine Sensation, Aussätzige, Verrückte. Ihre Familien verstehen ihre Entscheidung nicht und schicken sinnlose Care-Pakete, als könnten sie damit den Krebs aufhalten, der sich schon in einige von ihnen hineingefressen oder die Strahlung abhalten, die bereits jede Körperzelle durchdrungen hat. Baba Dunja jedoch beobachtet. Sie observiert alles: den Hahn Konstantin, die Katze, ihre launenhafte Nachbarin Marja. Den uralten Sidorow, Petrov, der in der Hängematte Liebesgedichte liest. Sie schreibt Briefe an ihre Tochter in Deutschland. Sie wartet auf den Tod, der irgendwann auch zu ihr kommen wird und spricht mit den Toten, die manchmal auf der Hauptstraße auf- und abgehen. Nur als eines Tages ein kleines Mädchen in das vergiftete Dorf kommt und Baba Dunja einen Brief von ihrer Enkelin erhält, den sie nicht lesen kann, wird sie abrupt aus der Ruhe gerissen, für die sie nach Tschernowo gekommen ist.

Alina Bronsky ist eine russischstämmige Autorin, die mit ihrer Familie in Berlin lebt. Tschernobyl hat sie nie gesehen, doch mit Baba Dunja hat sie eine authentische und sehr beeindruckende erzählerische Stimme geschaffen, die zudem noch witzig und absolut unerschrocken ist. In Bronskys kurzen Roman geht es um die Frage von Würde und Selbstbestimmtheit im Alter, um Mut und Rebellion, um Freiheit und um die Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen. Baba Dunjas letzte Liebe wurde für den Deutschen Buchpreis 2015 nominiert.

In einem Satz:

Baba Dunja erinnert mich in ihrer Sturheit und ihrem Kampfgeist sehr an meine Oma. Wunderbare Figuren, leise, aber eindrückliche Story, toller Humor. Lesen!


Alina Bronsky. Baba Dunjas letzte Liebe. Erschienen am 06. April 2017. 160 Seiten. KiWi-Taschenbuch, ISBN: 978-3462050288, € 8,00. 

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