wells_b_vom_ende_der_einsamkeitMarty, Liz und Jules wachsen behütet auf, bis von einem Tag auf den anderen plötzlich alles anders ist. Denn ihre Eltern kommen bei einem Verkehrsunfall ums Leben und die Geschwister in ein Internat, wo sie unabhängig voneinander versuchen, wieder ins Leben zurückzufinden und die Tragödie zu verarbeiten.

Wells ist ein für sein Alter erstaunlich lebenskluges Buch gelungen, dass durch seine anmutige Sprache begeistert,  jedoch manchmal einfach zu viel erklären will.

Im Frühjahr diesen Jahres lud mich eine Freundin zu einer Buchpremiere ein. Von Benedict Wells hatte ich schon gehört, aber noch nichts von ihm gelesen, obwohl Vom Ende der Einsamkeit bereits sein vierter Roman ist nach drei anderen, die in den Feuilletons für ordentlich Furore gesorgt hatten. Dass diese Lesung mein erster Kontakt zu einem Wells-Roman war, mag auch an meiner Skepsis gegenüber künstlich gehypten „neuen Schreibtalenten“ liegen.

Nach dem Abend ging ich dann auch ernüchtert nach Hause … und absolut unbeeindruckt. Das Buch hatte bei mir keinen besonderen Eindruck hinterlassen; die von Wells ausgesuchten Textstellen waren nicht schlecht, aber hinterließen kaum Widerhall oder Interesse, das Buch selbst zu lesen. Trotzdem nahm ich es ein paar Wochen später doch zur Hand. Ein Glück. Denn es lohnt sich.

Dabei findet man an Benedict Wells‘ Roman inhaltlich zunächst nichts Besonderes. Er erzählt die Geschichte dreier Geschwister, schildert ihre behütete Kindheit, glückliche Momente der Vergangenheit mit den Eltern bis zu diesem einen Tag, als die bei einem Autounfall ums Leben kommen und die heile Welt der Geschwister wie ein Kartenhaus zusammenfällt. Es folgen die Beerdigung, die unvermeidlichen Formalitäten, der Auszug aus dem Haus … alles wie durch einen Schleier der Betäubung erlebt, der sich über den Erzähler Jules gelegt hat. Die Geschwister kommen schließlich ins Internat, wo sie sich, anstatt das Erlebte gemeinsam zu verarbeiten, schnell voneinander entfernen. Wells versteht es, besonders dieser Phase durch Jules‘ Augen eine erstaunliche Glaubwürdigkeit zu verleihen. Wir als Leser werden mit Jules älter, erleben seine Entwicklung zu einem zurückgezogenen, unsicheren Teenager, der seiner eigenen Existenz kaum traut und nicht aufhören kann, zu hinterfragen, was an ihm selbst wohl unveränderlich ist und was vom Schicksal geformt wird. Als er Alva trifft, wird vieles leichter, denn Alva ist ebenfalls seltsam, eine Außenseiterin, und endlich jemand, der ihn versteht.

Doch so einfach lässt sich die Vergangenheit nicht abschütteln. So muss Jules feststellen, wie sehr sein eigenes Leben durch das schicksalhafte Ereignis seiner Kindheit beeinflusst wird, wie es ihn immer wieder einholt bei seiner Suche nach sich selbst, nach seinem Platz in der Gesellschaft, nach seiner Liebe Alva, die mit der eigenen Verlorenheit Jules‘ Einsamkeit erst erträglich macht.

Wells‘ Roman ist vielschichtig und vereint Komponenten eines Entwicklungsromans, einer Tragödie und nicht zuletzt solche einer großen Liebesgeschichte. Mit erstaunlicher Reife schreibt der junge Autor über große Themen des Lebens und verliert sich dabei bei aller Poesie nicht selten in einem fast antiquiert klingenden Stil. Während sonst wie zufällig eingestreute Verweise auf Werke anderer Künstler bei mir oft für hochgezogene Augenbrauen sorgen, habe ich mich bei Wells dabei ertappt, wie mich der wirklich großartige Schreibstil des Autors eingelullt und ungewöhnlich gnädig gestimmt hat. So verzeiht man dem Erzähler dann auch seine belehrenden Worte, seine oftmals ausufernden Erklärungen, durch die man sich normalerweise als Leser bevormundet fühlen könnte und sogar die allzu hip klingenden Namen seiner Protagonisten.

Jetzt, im Rückblick, fällt es mir schwer, den sympathischen, aber auf der Bühne fast schüchternen „Jungen“ Benedict Wells und die lebenskluge Stimme hinter diesem Roman miteinander in Einklang zu bringen. Doch gebt ihm eine Chance … lest Wells, und lasst euch überraschen.

In einem Satz:
Psychologisch tiefgreifender Roman über Verlust, Einsamkeit und die Suche nach sich selbst. Lohnenswert. 


Benedict Wells. Vom Ende der Einsamkeit. Erschienen am 24. Februar 2016. 368 Seiten. Diogenes, ISBN: 978-3257069587, € 22,00

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