Die andere Seite des Himmels von Jeannette Walls

Die andere Seite des Himmels von Jeannette Walls

Normalerweise ist es wohl der Job von Teenagern, nach einem Streit mit den Türen zu werfen, beleidigt zu sein oder abzuhauen. Aber bei der 15-jährigen Liz und ihrer drei Jahre jüngeren Schwester Bean ist das anderes herum, denn eines Tages verschwindet ihre Mutter nach einer Diskussion und kehrt auch nach Wochen nicht zurück. Als dann die Fürsorge auftaucht, haben die Schwestern ein Problem und machen sich Hals über Kopf auf, um mit dem Greyhound Amerika zu durchqueren und ihren schrulligen Onkel zu besuchen, den sie schon ein gutes Jahrzehnt nicht gesehen haben.

Eine einfache, aber warmherzige Geschichte über zwei sympathische Schwestern, die sich von nichts unterkriegen lassen.

Beans und Liz‘ Mutter ist Sängerin und ziemlich spleenig. Außerdem ist sie auch noch launisch, etwas egozentrisch und impulsiv, was das Leben mit ihr nicht gerade einfach macht. Nach einer Meinungsverschiedenheit mit ihrer jüngsten Tochter ergreift sie beleidigt die Flucht – etwas, das schon häufiger vorgekommen ist und die Schwestern nicht weiter beunruhigt. Diesmal ist es jedoch ernster, denn ihre Mutter bleibt wochenlang verschwunden. Irgendwann tauchen dann Leute von der Fürsorge, die „Fliegelflagel“, wie sie von Liz genannt werden, auf und stellen misstrauische Fragen. Die Schwestern sehen nur eine Chance: Sie müssen weg von zuhause. Mit dem Greyhound-Bus machen sie sich auf die weitere Reise quer durchs Land von Kalifornien bis Virginia, um bei ihrem Onkel Zuflucht zu suchen. Es gibt da nur ein Problem: Zu Onkel Tinsley haben sie schon seit zwölf Jahren keinen Kontakt mehr.

„Die andere Seite des Himmels“ ist ein kurzweiliger, netter Roman, der wohl eher in die Young-Adult-Ecke passt, als als ein seriöses Erwachsenenbuch durchzugehen, zu sehr sind die Probleme der 12-jährigen Protagonistin von ihrem Alter bestimmt. Das macht es aber nicht unbedingt uninteressant. Bean, die Ich-Erzählerin des Buches, ist intelligent und gewitzt und es macht Spaß, durch ihre Augen den Erlebnissen der Schwestern zu folgen, die das Leben ihres etwas menschenscheuen, aber sehr liebenswerten Onkels gehörig auf den Kopf stellen. Jeannette Walls thematisiert vor allem Fragen wie Zusammenhalt, Aufrichtigkeit und Moral und siedelt ihre Geschichte in einem kleinen, sehr konservativen Südstaatenort im Amerika der Siebziger an. Probleme wie Rassenvorurteile sind dort noch allgegenwärtig und spielen auch im Buch eine nicht unwesentliche Rolle. Bean, die in ihrem Onkel endlich eine männliche und verlässliche Bezugsperson gefunden hat, reift in diesem Sommer durch verschiedene einschneidende Erlebnisse und ist eine aufmerksame Erzählerin. Gerade die Figurenzeichnungen sind Walls sehr gut gelungen und vermitteln ein überzeugendes Bild vom Erwachsenwerden zweier sehr verschiedener Geschwister, von schwierigen Eltern-Kind-Beziehungen und von der Bedeutung echter Zuwendung auch weit über Elternbeziehungen hinaus.

In einem Satz:
Gelungener und warmherziger Roman für junge Erwachsene über Freundschaft, Zusammenhalt und die Notwendigkeit, an sich selbst zu glauben. Eingängig.


Jeannette Walls. Die andere Seite des Himmels. (Im Original: The Silver Star) Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Erschienen am 09. Februar 2015. 368 Seiten. Diana Verlag, ISBN: 978-3453357969, € 9,99

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