Stradal_R_Die_Geheimnisse_der_Küche_des_Mitlleren_WestensBis auf ihr seltsames Hobby ist die elfjährige Eva Thorwald ein ganz normales Mädchen, denn Eva züchtet Chilis – in ihrem Kleiderschrank. Mit ihren extrascharfen Habaneros beliefert sie nicht nur das mexikanische Restaurant ihrer Heimatstadt, sondern kann sich auch ihre lästigen Mitschüler vom Hals schaffen. Jahre später ist Eva ein Star. Als gefragteste Köchin Nordamerikas verdient sie ihr Geld mit ausgefallenen Pop-Up-Dinner-Veranstaltungen. Auch Cynthia Hargreaves steht auf ihrer Dinner-Warteliste, doch für sie bedeutet ein Treffen mit Eva eine Reise in ihre gemeinsame Vergangenheit. Stradals Roman um Köchin Eva ist ein kurzweiliges Geschichtenpatchwork, das gut in den Koffer passt und Spaß macht.  

Ja, ich kann es nur betonen: Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens ist ein perfektes Urlaubsbuch. Obwohl ich es in heimischen Gefilden in der S-Bahn gelesen habe, kann ich es mir richtig vorstellen: Ein Liegestuhl am Strand, im Hintergrund Wellenrauschen, ein Sonnenhut, ein kühler, alkoholfreier Cocktail und Sand zwischen den Zehen. Perfekte Ausgangssituation, um in die Geschichte von Eva Thorwald abzutauchen. Schon als Kind ist die mit einem außergewöhnlichen Geschmackssinn (und einer kaum begreifbaren Toleranz für Schärfe) ausgestattet – eine Gabe, die sie wohl von ihrem Vater mitbekommen hat, der Koch war und ihr schon vor der Geburt in Gedanken exklusive Babymenüs zubereitet hat.

Woche 1

 Keine Zähne, daher:

1. Selbstgemachte Guacamole

2.Pürierte Backpflaumen (mögen Säuglinge Backpflaumen?)

3. Pürierte Karotten (wenn möglich Sugarnax 54, sonst Herbstkönig)…“

Das erkennen auch andere und Eva steigt auf, wird zur gefragtesten Köchin Nordamerikas, zu einer Legende, deren Namen verbunden ist mit eleganten Pop-Up-Dinner-Veranstaltungen, für die Interessierte sich schon Jahre vorher auf eine Warteliste setzen lassen, um irgendwann einmal einen der begehrten und sündhaft teuren Plätze zu ergattern. Doch die Frau mit dem ultimativen Geschmackssinn macht sich rar: Selten tritt sie in der Öffentlichkeit auf; sie zu treffen ist selbst auf ihren Dinnerabenden pures Glück. Das weiß auch Cynthia Hargreaves. Auch ihr Name steht schon seit Jahren auf Eva Thorwalds Dinnerliste, jedes mal aufs Neues hofft sie, eingeladen zu werden. Doch Cynthia ist im Gegensatz zu den anderen Bewerbern weniger an Evas Kochkunst interessiert. Zwischen ihr und der Spitzenköchin gibt es eine Verbindung, die weit bis in Evas Kindheit zurück reicht, denn Cynthia hat einen Fehler wiedergutzumachen, von dem sie nicht weiß, ob er jemals verzeihbar ist.

Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens  ist die Geschichte von Eva Thorwald, aber Eva ist eine Hauptfigur, die sich so verhält, wie sie beschrieben wird: dezent. Eigentlich besteht der Roman aus einer Ansammlung von verschiedenen unabhängigen Erzählungen, in denen es um Menschen geht, die in engerem oder auch weiteren Sinn irgendwann einmal etwas mit Eva Thorwald zu tun hatten. Frühere und spätere Kolleginnen, eine Cousine, ihr Exfreund oder auch nur lose Zufallsbekanntschaften – ihnen allen wird Platz in diesem Potpourri eingeräumt. In chronologischer Abfolge erzählt der Roman Episoden aus dem Leben der einzelnen Figuren, schildert ihr Scheitern, ihre Ängste, ihre Probleme und banalen Alltagssorgen. Eva kommt dabei nur am Rande vor, wird indirekt charakterisiert durch ihre Begegnungen mit den anderen, und doch ist sie wie ein Klebstoff, der all die losen Blätter irgendwie zusammenhält. In meinen Augen ein interessantes Plotkonzept: Wie in einem von Evas Menus werden einem in fester Reihenfolge einzelne „Gänge“ serviert, die auf den ersten Blick scheinbar wenig miteinander gemein haben, die aber in der Retrospektive durchaus eine rundes Geschmackserlebnis ergeben können.

In meinen Augen ist dieser Plan Stradals nicht gänzlich aufgegangen: Während er Eva als Figur anfänglich viel Raum lässt, rückt er im Laufe der Handlung fast völlig von ihr ab, widmet sich vielen Seitenplots, die er in loser Anordnung wieder verlässt und nicht befriedigend abschließt. Der Roman erscheint an manchen Stellen noch unfertig, wie hinskizziert, jedoch ohne den letzten planerischen Schliff. Der Versuch, den Bogen am Ende zu schließen, wirkt etwas verkrampft und unglaubwürdig, was daran liegen kann, dass man sich von Eva als Hauptfigur inzwischen so weit entfernt hat.

Dennoch ist der Roman sehr unterhaltsam. Mit Rezepten gespickt wirft er einen augenzwinkernden Blick in eine kulinarische Welt, die einem das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt. Stradals Hauptfiguren sind chaotisch, nicht immer sympathisch, aber sehr lebensecht, sein Schreibstil ist unkompliziert, schnörkellos und erfrischend. Leichte Kost, durchaus empfehlenswert. Ab in den Koffer damit!

In einem Satz:

Unkomplizierter und unterhaltsamer Koch-Familien-Beziehungsroman. Urlaubslektüre. Süffig und mit leichtem Abgang. 


J. Ryan Stradal. Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens. (Im Original: Kitchens of the Great Midwest) Aus dem Englischen von Anna-Nina Kroll. Erschienen am 24.08.2016. 432 Seiten. Diogenes, ISBN: 978-3257069754, € 24,00

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