Steinfest_H_Das_grüne_RolloIn meiner Kindheit habe ich sie geliebt: die Geschichte von Bastian Balthasar Bux, der auf dem Dachboden in einem Buch liest und sich plötzlich in einer völlig anderen Welt wiederfindet. Bei Heinrich Steinfest ist es der etwa gleichaltrige Theo, der eines Nachts in seinem Kinderzimmer ein grünes Rollo vorfindet, das dort vor dem Fenster hängt und zum Eingangstor in eine seltsame grüne Welt wird, in der sich unheimliche Sachen abspielen. Doch „Greenland“ ist kein Hirngespinst eines kleinen Jungen. Vierzig Jahre später, als Theo schon Astronaut ist und längst erhaben über jugendliche Spinnereien, taucht das seltsame Rollo plötzlich wieder auf. Steinfests völlig abgedrehte Geschichte pendelt haarscharf zwischen Fantasie und Wirklichkeit und erzählt subtil vom Schrecken des Erwachsenwerdens.

Ein plötzliches Ratschen, dann ist es da. Wo vorher nichts war, hängt jetzt ein grünes Rollo. Es ist 23.02 Uhr. Theo März ist zehn Jahre alt und allein in seinem Zimmer. Im ganzen Haus gibt es keine Rollos, nicht mal Vorhänge. Und doch hängt es dort, das Rollo, ist ganz deutlich zu sehen und bläht sich leicht im Mondlicht. Ein grünes Leuchten scheint von ihm auszugehen, doch damit nicht genug: Theo kann fühlen, wie das Rollo ihn beobachtet, doch nein, es ist nicht das Rollo. Jemand ist da, jemand, der ihn aus dem Rollo heraus beobachtet.

Vierzig Jahre später erinnert sich der erwachsene Theo daran, wie er als Junge zum ersten Mal die seltsame Welt von Greenland betrat, in der sich alles nicht sehr von Zuhause unterschied, aber doch ganz anders war. Wie so oft bei Geschichten, in denen Kinder eine neue Welt betreten, die scheinbar gefällig in ihre Umgebung eingebettet liegt und deren Zugang sich nur zufällig zu offenbaren scheint, ist Handeln gefragt. Es wäre sinnlos, wenn der Protagonist sich durch den Weltenübertritt nicht verändern würde, nicht über sich hinauswachsen müsste angesichts drohender Gefahren oder großer Herausforderungen, denen er sich plötzlich gegenübersieht. In Greenland begegnet Theo gesichtslosen Herren mit Feldstechern, deren puddinghaft verformte Körper harmlos anmuten, die jedeoch ein unheimliches Regime errichtet haben. Theo findet Verbündete:  das lebendene Messer Lucian, den Fernfahrer Béla, die herzkranke Hündin Helene, und er findet natürlich Anna, die erst einmal aus der Gewalt der Feldstechermänner befreit werden muss.

Die Lust am Fabulieren ist Steinfest hier richtig anzumerken . Die Story ist völlig verrückt, aber für den Leser steht außer Frage, sie anzuzweifeln. Fremde Welten können und dürfen alles, hier kraulen Menschen in Swimmingpools um ihr Leben, ohne dass man beim Lesen auch nur einmal fragend die Augenbraue heben muss.

Als Theo dann im zweiten Teil des Buches erwachsen ist, macht das Ganze nur noch halb so viel Spaß, obwohl Steinfest das Spinnen nicht lassen kann. Theo ist inzwischen ein gereifter Mann, Vater von fünf Kindern und  – na klar – Nachtwächter in einem Raumschiff, das regelmäßige bemannte Touren zum Mars unternimmt. Steinfest verlässt für eine Weile sein kindlich-grusliges Abenteuerland und driftet in etwas angestrengte Science-Fiction ab, in der es den heutigen Errungenschaften seltsam ähnliche Geräte gibt, die samt und sonders andere Namen tragen. Und natürlich taucht auch das Rollo wieder auf und Greenland, in dem Theo auf Altbekannte trifft, an denen die Zeit auch nicht spurlos vorübergegangen scheint.

Auf den letzten Teil des Romans war ich nicht vorbereitet. Man stelle sich vor, am Straßenrand von einem vorbeifahrenden Auto mit einem Schwall Wasser getroffen worden zu sein, dann kommt man dem Gefühl, das Steinfest auf den letzten zehn Seiten seines Romans auslöst, schon ziemlich nahe. Doch der Effekt ist nachhaltig. Warum tut er das? Scheinbar dilettantisch vermurkst der Österreicher seine Geschichte; wertet sie selber ab. Doch was, wenn das alles Kalkül ist? Steinfest will kein Michael-Ende-Märchen schreiben, kein neues Narnia entwerfen. Greenland ist eine Fantasiewelt, doch die eines Kindes, in der es sich auch für Erwachsene wunderbar träumen lässt, in der Messer Superkräfte haben und Mayonaise wundersame Fähigkeiten. Was wäre es praktisch, wenn man so etwas mit hinüberretten könnte ins normale leben, in den Alltag, ins Erwachsenwerden. Theo ist ein Superheld, aber auch eine trgische Figur, denn hinter all den Errungenschaften seines Erwachsenenlebens bleibt er allein und verwirrt zurück. Schutzlos und entkoppelt, auf der Suche nach einer Realität zwischen Kindheit und Erwachsenwerden.

Und irgendwie kann man das am Ende sogar verstehen, denn auch Steinfests Buch ist am dann besten, wenn es am spinnertsten ist.

In einem Satz:

Menschliche Messer, Wundermayo und eine Welt hinter einem Rollo: Steinfest verhext mit seinem Greenland und arbeitet gleichzeitig unbemerkt an der Desillusionierung. Ein echtes Erlebnis!


Heinrich Steinfest. Das grüne Rollo. Erschienen am 09.03.2015. 288 Seiten. Piper Verlag, ISBN: 978-3492056618, € 19,99

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