Voran voran immer weiter voran von Ryan BartelmayIn einer Kleinstadt im amerikanischen Mittelwesten versuchen der junge Chic Waldbeeser und sein seltsamer Bruder Buddy in den 50-er Jahren, etwas aus ihrem Leben zu machen. Beide haben ein schweres Päckchen zu tragen, denn ihre Kindheit wurde vom Selbstmord ihres Vaters überschattet, der sich nachts zum Erfrieren hinter die familieneigene Scheune begeben hat. Als später dann noch die Mutter mit ihrem Liebhaber verschwindet, hinterlassen diese Ereignisse tiefe Spuren im Leben der Brüder. Ryan Bartelmays Debütroman begleitet unaufgeregt über fünfzig Jahre hinweg die Ereignisse im Leben einer durchschnittlichen amerikanischen Familie, folgt ihren Höhen und Tiefen, Geheimnissen und Schwächen, Niederlagen und Missverständnissen und beweist, dass es keinen Knalleffekt braucht, um eine unterhaltsame Geschichte zu erzählen.

Chic Waldbeeser hat einige Probleme in seinem Leben. Da ist seine frisch angetraute Frau Diane, ein heißer Feger, die wohl andere Vorstellungen von der Ehe hat als er und die sich im Laufe der Jahre so sehr verändert, dass Chic selbst sie kaum wiedererkennt. Dann sein Sohn Lomax, der so anders ist als die anderen Kinder in seinem Alter. Sein Bruder Buddy, der in einer fremden Welt zu leben scheint und der diese unglaublich verführerische Inderin Lijy geheiratet hat, die Chic einfach nicht aus dem Kopf gehen will. Als Lijy dann eines Tages vor seiner Tür steht und ihn um Hilfe bittet, ahnt Chic noch nicht, wie sehr dieser Moment sein Leben verändern wird. Lijy und er teilen von nun an ein Geheimnis, dass die Beziehung der Brüder untereinander schwer belastet und beide Ehen an den Rand des Scheiterns bringt. Auch Jahrzehnte später kommt Chic nicht los von den  Schatten der Vergangenheit. In der sprunghaften Mary Geneseo sieht er endlich die Chance auf einen Neubeginn, doch Chic kann nur schwer aus seiner Haut und hat auch im Alter nichts bei der Einschätzung seiner Mitmenschen dazugelernt.

„Voran, voran, immer weiter voran“ – Chic hat diesen Titel seinem ersten Gedichtband gegeben, wohl in der Hoffnung, er könne ihn durch sein Leben tragen, das ihn die meiste Zeit überfordert und ihm schrecklich verwirrend vorkommt. Chic versteht seine Mitmenschen nicht:  seinen Sohn, der lieber in alten Briefen stöbert als Baseball zu spielen wie andere Jungen seines Alters, seine Frau, die sich nach einem Schicksalsschlag nur noch dem Essen widmet und all seine Annäherungen zurückweist, seinen Bruder, der plötzlich mit allen seinen Frieden machen will und auf einem Gesundheitstrip wandelt. Stattdessen stolpert Chic von einem Fettnapf in den nächsten: Naiv und wenig ambitioniert bewegt er sich durch sein Leben. Er ist unzufrieden und will alles ändern, weiss aber nicht wie, und am Ende geht immer alles schief oder es bleibt einfach, wie es vorher war.

Chic ist neben einer Handvoll anderer Personen aus seinem Umfeld die Hauptfigur in Bartelmays Geschichte und er ist auch seine gelungenste. Man kann nicht sagen, dass man ihn im Laufe des Romans wirklich liebgewinnt. Im Gegenteil. Oft treiben einen Chics Kurzsichtigkeit, seine Gutgläubigkeit und seine Unbeholfenheit schier zur Verzweiflung; nicht selten möchte man ihn schütteln oder einfach treten, um ihn aus seinem zähflüssigen Alltagsmief und seiner Lethargie zu holen. Seine vielen, eher halbherzigen und meist völlig fruchtlosen Versuche, die festgefahrenen Strukturen seines Lebens zu durchbrechen, kann man nach anfänglich aufkeimender Hoffnung ab der Mitte des Buches nur noch müde belächeln. Eine solch passive Figur zum Protagonisten zu machen, ist gefährlich, zumal auch die anderen Charaktere in Bartelmays Roman weder Superhelden, noch Detektive oder Geheimagenten sind oder irgendwelche haarsträubenden Abenteuer erleben. Vielleicht hat der Autor auch zu hoch gepokert. „Voran, voran“ ist nicht gerade ein rasantes Buch, der Plot ist überschaubar und bietet wenig Überraschendes. Spannung wird bei Bartelmay allein aus den Figuren und ihren Innensichten und Interaktionen miteinander erzeugt. Hier liegen seine Stärken: in augenscheinlichen Banalitäten versteckte Lebensweisheiten, kluge Charakterbeschreibungen und sich leise und fast unbemerkt entfaltende Beziehungsgeflechte. Bartelmay geht es weder um Sympathie mit seinen Figuren noch um spektakulär erzählte Begebenheiten, und er setzt damit alles auf eine Karte. Sein Roman wird zum Spiegel eines Alltags, in dem ein jeder von uns gefangen sein könnte und beschreibt die Hilflosigkeit angesichts bestimmter schicksalhafter Wendungen, denen man einfach ausgeliefert ist.

„Voran, voran, immer weiter voran“ ist nicht, wie Chic es sich erhofft hat, zu einer motivierenden Losung in seinem Leben geworden. Es sind eben die Worte seines Urgroßvaters und nicht seine eigenen, die auf seinen Lippen ganz anders klingen –  eher wie ein resignierter Abgesang, ein sich schicksalhaftes Ergeben in das, was kommen mag, ein Augen-zu-und-durch-Verhalten, das auch ganzheitlich betrachtet sehr gut die melancholische Grundstimmung des Buches einfängt. Bartelmay kann zweifellos schreiben und ist ein Name, den man schon einmal gehört haben kann, der große Wurf ist ihm aber mit „Voran, voran“ noch nicht gelungen.

In einem Satz:

„Voran, voran“ ist die engagiert erzählte, aber unspektakuläre Geschichte zweier Brüder, die unterhaltsam beginnt, sich aber zu sehr im Detail und in Banalitäten verliert, als dass sie wirklich überzeugen kann. 


Ryan Bartelmay. Voran, voran, immer weiter voran. (Im Original: Onward Toward What We’re Going Toward) Aus dem Amerikanischen von Friedrich Mader. Erschienen am 30.03.2015. 432 Seiten. Karl Blessing Verlag, ISBN: 978-3896675262, € 21,99

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