Rosenfeld_A_Adams_ErbeEdward Cohen wird in einem Frauenhaushalt groß. Zwar lebt neben seiner Mutter und seiner Großmutter auch noch sein Großvater Moses mit im Haus, doch ist dieser kaum präsent, denn er verlässt nur selten den Dachboden, auf dem er verbittert verstaubten Erinnerungen an seinen Bruder Adam nachhängt. Erst als Edward viele Jahre später Adams Aufzeichnungen findet, spürt er, wie machtvoll ihn die Vergangenheit über zwei Generationen hinweg einholt und erkennt seinen eigenen Anteil an einer unglaublichen Lebens- und Liebesgeschichte.

Astrid Rosenfelds Erstling ist ein Roman über Schicksal, Tragik und große Gefühle, der beeindruckt, aber fast zu ambitioniert ist.

Edward Cohen wächst um die Jahrtausendwende auf. Seine Kindheit ist geprägt von wenigen Menschen um ihn herum: Da gibt es seine konservative und starrsinnige Großmutter, seinen Großvater, der in seiner eigenen Vergangenheit gefangen zu sein scheint und schließlich noch Jack Moss, den Freigeist und Tunichtgut, der das Herz seiner Mutter erobert und für den jungen Edward gottesähnliche Züge annimmt, egal, wie viele Verrücktheiten und Gaunereien er auch anstellt.

Erst als Edward langsam erwachsen wird und lernt, sein eigenes Leben zu führen, Geld zu verdienen und sich etwas aufzubauen, gewinnt seine Familiengeschichte für ihn zunehmend an Bedeutung. Er erinnert sich daran, wie sein Großvater früher immer voller Verbitterung über seinen Bruder Adam sprach, der im Krieg mit dem Familienvermögen verschwand, das doch für die Flucht nach England gedacht war. Erst jetzt, als er zufällig die Aufzeichnungen von Adam entdeckt, öffnet sich für Edward eine Tür zur Vergangenheit, weit hinein bis zur Generation seiner Großeltern. Erst jetzt erfährt er wirklich, was mit dem geschassten Adam passiert ist; er vertieft sich in dessen Memoiren, die dieser doch für jemanden ganz anderes geschrieben hat.

Und genau an diesem Punkt beginnt der zweite Teil von Rosenfelds Roman und es ist, als habe der erste nie existiert. Adams Geschichte ist nicht nur eine Zeitreise in ein anderes Jahrhundert, sondern in erster Linie eine tragische und ganz und gar unglaubliche Liebesgeschichte, denn Adam liebt Anna, und für diese Quintessenz ist er bereit, einfach alles zu tun. So landet er schließlich statt im sicheren England im Warschauer Ghetto und wagt einen Tanz auf der Rasierklinge, bei dem man angesichts des mit jeder Zeile drohenden Unheils kaum weiterlesen mag.

Rosenfelds Debüt beeindruckt nicht nur mit seinem Plot, sondern vor allem mit der offensichtlichen Hingabe für die Figuren – schillernde Charaktere, allen voran Edda Klingmann, Adams Großmutter, die am Tag 68 Zigaretten raucht, und – obgleich eine Jüdin – mit hohen Nazioffizieren befreundet ist. Edda, die immer erreicht, was sie will, ist zweifelsohne Rosenfelds stärkste Figur in diesem Roman, eine, neben der selbst der eigenwillige Adam nur verblassen kann.

Ansonsten ist „Adams Erbe“ ein dichtes Buch mit zwei wechselvollen Geschichten, die auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu tun haben. Doch auch auf den zweiten Blick mutet die Verbindung zwischen beiden etwas sperrig und unelegant an. Ein junger Mann entdeckt die Verbindung zu einem anderen jungen Mann, der, wie er, verliebt war und für diese Liebe alles riskiert hat. Er findet Zugang zu einem Stück seiner Familiengeschichte. Beide Teile des Romans sind gelungen, der von Adam besticht durch Dramatik und große Gefühle, der von Edward durch Witz und Originalität. Bei der Verbindung der Teile hakt es, vielleicht ist es zu viel des Guten. Zu viel gewollt, um es zwischen zwei Buchdeckel zu pressen, denn jede der Geschichten ist so gut, dass sie sich auch allein völlig ausreicht. Gegenseitig hebeln sie sich eher aus, was schade und wirklich der einzige Kritikpunkt ist, den ich hier anzuführen habe.

In einem Satz:
Ein gelungenes Debüt mit einer ergreifenden Geschichte über menschliche Grausamkeit, aber auch Beharrlichkeit und Liebe. Übervoll, aber empfehlenswert.


Astrid Rosenfeld. Adams Erbe. Erschienen am 22. Februar 2011. 400 Seiten. Diogenes, ISBN: 978-3257067729, € 21,90

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