ogawa_y_das_museum_der_stilleHaben Sie schon einmal ein Jobangebot angenommen, bei dem sie auch nach Wochen immer noch nicht wussten, was eigentlich von Ihnen erwartet wird?

Ein junger Mann reist mit leichtem Gepäck in ein abgelegenes Dorf in der Provinz. Seine Auftraggeberin, eine alte Dame, möchte, dass er ihr beim Aufbau eines Museums hilft, doch dieses Museum ist alles andere als gewöhnlich, denn es beherbergt ausschließlich von Toten gestohlene Gegenstände.

Yoko Ogawas Roman erzählt von Einsamkeit und einer stillen Kälte, die sich über jede umgeblätterte Seite legt.

Als der junge Mann nach langer Reise endlich in dem abgelegenen Dorf ankommt, in dem er seinem Job nachgehen soll, wird er von einem jungen Mädchen abgeholt. Dessen Stiefmutter, eine alte Dame, hat ihn eingestellt, um Hilfe beim Aufbau eines Museums zu haben. Die alte Dame sei schwierig, wird er von dem Mädchen vorgewarnt, doch wie zutreffend diese Beschreibung ist, merkt er erst in den folgenden Wochen während der regelmäßigen Treffen mit seiner Auftraggeberin. Der junge Mann beginnt, an seiner Entscheidung für das Jobangebot zu zweifeln, denn die alte Dame ist aufbrausend, unleidlich und völlig unberechenbar. Erst nach und nach begreift er, dass dies keiner seiner üblichen Aufträge ist, denn die Dame sammelt Alltagsgegenstände, die sie gerade Verstorbenen abgenommen hat. Die Gegenstände hebt sie auf, um ein wahrhaftiges Stück der Person, etwas, das diesen Menschen wirklich ausgemacht hat, zu pflegen und zu bewahren.

Schließlich gewöhnt sich der junge Mann an seine verschrobene Auftraggeberin, an die Abgelegenheit des Dorfes, entwickelt einen Arbeitsrhythmus und eine Vorstellung von dem zukünftigen Museum. Zusammen mit dem jungen Mädchen reinigt und katalogisiert er die unterschiedlichsten Objekte und schreibt ihre Geschichte nieder. Doch eines Tages erweitert die alte Dame seinen Aufgabenbereich: Er soll jetzt selbst die jeweiligen Gegenstände beschaffen. Als eine mysteriöse Mordserie das Dorf erschüttert, bei der den ausschließlich weiblichen Opfern die Brustwarzen abgeschnitten werden, gerät der junge Mann, der wegen der Beschaffung der Museumsartefakte jedes Mal am Tatort ist, schnell selbst ins Visier der Ermittler.

Wie in vielen ihrer Werke schafft Yoko Ogawa eine zunächst fast alltägliche Situation. Ein junger Mann tritt eine neue Stelle an. Doch schnell schleichen sich Zweifel ein, Ungereimtheiten. Der neue Job ist alles andere als alltäglich, genau wie die kauzige Auftraggeberin. Aus der anfänglichen Annahme, in wenigen Wochen die Arbeit beendet zu haben, entwickeln der junge Mann und zugleich der Leser die Gewissheit, dass die alte Dame in Wirklichkeit jemanden sucht, der ihre Lebensaufgabe weiterführt. Dementsprechend schwer fällt es dem jungen Mann auch, den Gedanken an eine Abreise oder auch nur einen Heimatbesuch zu verfolgen. Nach und nach scheint er in seiner Aufgabe zu versinken, wird von den gestohlenen Gegenständen und ihren Geschichten absorbiert. Je mehr er sie vom Staub und Schmutz der Jahre im ungeordneten Archiv befreit, desto mehr scheint sich eben dieser Staub auf ihm selbst und in ihm niederzulassen und ihn unter seiner Stille zu begraben.

„Ich suche ein Zeugnis für die zweifelsfreie Existenz einer Person. Ohne einen solchen Gegenstand bleibt ihr Tod für alle Ewigkeit unvollendet.“

Ogawas Stil muss man mögen, ihre Bücher sind unaufgeregt und leise. Hier gibt es mehrere Morde und eine Ermittlung, doch der Roman gewinnt auch danach kaum an Fahrt. Stattdessen entsteht seine Kraft und Faszination aus dem Detailreichtum seiner Personenbeschreibungen, der stillen Poetik seiner Sprache. Obwohl die Protagonisten bis zum Ende keine Namen haben und man in einem nicht genannten Dorf in einem beliebigen Land dahintreibt, fühlt es sich nicht fremd, sondern seltsam vertraut an, als befände man sich an einem Ort, der fern der Realität irgendwo autark existiert. Und es kommt einem noch nicht einmal komisch vor!

Ogawas Museum der Stille ist ein Roman, der, ähnlich wie Das Geheimnis der Eulerschen Formel, durch einen individuellen Stil besticht und gekonnt die Grenzen von Wirklichkeit und Fantasie miteinander verschmelzen lässt.

In einem Satz:
Hypnotisch dicht, seltsam und poetisch: Fans von ruhigen Romanen voll mysteriöser Details werden hier voll auf ihre Kosten kommen.  


Yoko Ogawa. Das Museum der Stille. (Im Original: Chinmoku Hakubutsukan) Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe und Kimiko Nakayama-Ziegler. Erschienen am 01. August 2005. 352 Seiten. Liebeskind, ISBN: 978-3935890311, € 22,00

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