Ogawa_Das_Geheimnis_der_Eulerschen_FormelEin kleiner Junge. Ein genialer Mathematikprofessor ohne Kurzzeitgedächtnis. Eine Haushälterin. Auf den ersten Blick haben sie nichts miteinander gemein. Doch eines Tages kritzelt das Schicksal ein bisschen im Buch des Lebens herum und die Wege dreier völlig verschiedener Menschen kreuzen sich. Die unsichtbaren Bande, die sie zusammenhalten, sind von außen nicht sichtbar, denn sie teilen nicht nur die Leidenschaft für Zahlen, sondern auch eine ganz und gar ungewöhnliche Freundschaft.

Die Erzählerin der Romans ist alleinerziehend. Der Vater ihres Kindes hat sich aus der Verantwortung gestohlen, Hilfe von Familienangehörigen hatte sie nicht, als sie ungeplant und sehr früh Mutter wurde. Viele Jahre arbeitet sie nun schon für die Akebono-Haushaltsservice-Agentur, wird von ihr an Menschen vermittelt, für die sie putzt, einkauft und auf die Kinder aufpasst. Doch ihre neue Stelle stellt sie vor nie gekannte Herausforderungen, denn sie soll einem Professor für Mathematik den Haushalt führen, der vor vielen Jahren bei einem Unfall sein Kurzzeitgedächtnis verloren hat. Weil der Professor sich jede neue Information nur genau 80 Minuten merken kann, lebt er mit einem Hilfskonstrukt aus Merkzetteln, die er alle an seinen Anzug geheftet mit sich herumträgt. Bald kommt auch ein Zettel mit dem ungelenk gezeichneten Gesicht seiner neuen Angestellten hinzu.

Entgegen allen Erwartungen kommen die beiden trotz des Handicaps des Professors und seiner Schrulligkeit gut miteinander aus, denn im Gegensatz zu ihren acht Vorgängerinnen in dieser Position hat die Haushälterin den Schlüssel zum Herzen des alten Mannes gefunden: ihren zehnjährigen Sohn Root. Doch die sich langsam entwickelnde Freundschaft der drei bleibt nicht lange unentdeckt und ist vor allem der Schwägerin des Professors ein Dorn im Auge…

Mathematikbücher sind so ziemlich die einzige thematische „Gattung“, die in meinem Haushalt so gut wie nicht vertreten ist. Ich gestehe es frei heraus: Ich hasse Mathematik. Vielleicht ist es eine sehr interessante Wissenschaft, bestimmt sogar, aber es liegt wohl an mir. Ich bin einfach unfähig, irgendetwas davon zu begreifen. Das ging mir schon in der Schule so, jede einzelne Mathematikstunde war für mich ein Martyrium und zog sich hin wie ein endloser Kaugummi, dessen Geschmack schon vor Stunden verschwunden ist.

In diesem Buch geht es um einen Mathematikprofessor und die Leidenschaft für sein Fach. Es gibt viele Formeln, viele Zahlen, viele Rechnungen. Diese sind so populärwissenschaftlich wie möglich aufbereitet und in anschauliche Beispiele verpackt. Ich würde lügen, wenn ich behaupte, ich hätte viel davon verstanden. Aber das ist nicht unbedingt vonnöten, behaupte ich stattdessen. Natürlich geht es darum, wie der Professor die einfache Haushälterin mit seinen Zahlenspielen für sein Fachgebiet begeistert, wie er sie lockt und in seinen Bann zieht. Wie auch sie der Poetik der Zahlen erliegt und dem Professor ein Stück in eine Welt folgen kann, die für ihn noch intakt und wahrhaftig ist. All das begreift man, auch wenn man wie ich, auf Zahlen mit einem natürlichen Abschaltreflex reagiert. Denn Yoko Ogawa schafft es, dem so abstrakten Fachgebiet Lebendigkeit zu verleihen, den Zahlen eine Persönlichkeit zu geben, ihnen Leben einzuhauchen, sie fast menschlich zu machen. Das ist, vor allem durch die einfache und klare Sprache, der die Autorin sich bedient, faszinierend und von berührender Sinnlichkeit.

Nicht zuletzt ist das Buch auch eine wunderbare Geschichte von Freundschaft über alle Hindernisse und Standesdünkel hinweg, eine Geschichte von kleinem Glück der einfachen Dinge, und den Geheimnissen unbedeutend scheinender Gesten, die einen einzigen Augenblick zu einer der wertvollsten Erinnerungen werden lassen.

In einem Satz:
Ein großartiges Buch über Lebensmut und Freundschaft und die verbindende Kraft wahrer Lebensleidenschaften. Tragikomisch und sehr berührend.


Yoko Ogawa. Das Geheimnis der Eulerschen Formel. (Im Original: Hakase no Aishita Sushiki) Aus dem Japanischen von Sabine Mangold. Erschienen am 10. Februar 2012. 256 Seiten. Verlag Liebeskind, ISBN: 978-3935890885, € 18,00


 

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