STRAFE von Paula Polanski

STRAFE von Paula Polanski

Max Schmeling, nein, nicht DER Max Schmeling, sondern hier Max Schmeling der Autor, erhält eines Tages einen Brief von seinem alten Schulkameraden Tibor Schittkowski. Der wurde in der Schule „Scheißhaufen“ genannt und ist Max nicht besonders positiv in Erinnerung geblieben, denn Tibor war ein Sonderling und nicht beliebt. Jetzt, fast fünfzig Jahre später, ist Tibor todkrank und wendet sich an Max, weil er seine Hilfe braucht. Eine alte Rechnung hätten sie noch offen, erinnert ihn Tibor, denn er hat Max in Kindertagen zweimal aus einer gefährlichen Situation gerettet. Halb aus Neugier, halb aus Pflichtgefühl lässt sich Max auf Tibors Bitte ein, nicht im Geringsten ahnend, was diese Entscheidung für ihn selbst bedeuten wird.

Nessers neuester Wurf ist ein klug konstruiertes Verwirrspiel, dessen Enthüllungen einem den Atem rauben.

Als Max Schmeling am fünften September einen Brief von Tibor Schittkowski erhält, befindet er sich auf dem Zenit seiner Karriere. Er ist ein populärer Autor und hat mehrere Literaturpreise gewonnen, er arbeitet an einem neuen Roman. Trotz dreier gescheiterter Beziehungen und einer zunehmenden Entfremdung von seinen mittlerweile erwachsenen Kindern ist Max nicht unglücklich und gefestigt in seinem Single-Alltag aus Lesereisen und der Arbeit an seinem Buch. Tibor Schittkowskis Brief platzt in Max Leben wie eine lästiges Insekt, das man am liebsten verscheuchen will, das ihm jedoch stattdessen penetrant im Kopf herumschwirrt. Tibor ist krank, schreibt er, todkrank, und er braucht Max` Hilfe. Obwohl Max an Tibor keine besonders warmherzigen Erinnerungen hat, lässt er sich darauf ein, doch je mehr er über Tibor erfährt, desto klarer wird ihm auch, dass dessen Leben mit seinem eigenen scheinbar mehr gemein hat, als ihm vorher bewusst war. Tibors letzte Bitte entpuppt sich für Max als schwerer Brocken, denn sie zwingt ihn zu einer Reise in die eigene Vergangenheit, wo Geister auf ihn warten, die er  gehofft hatte, längst abgeschüttelt zu haben.

Es ist schwer, Håkan Nessers neuestes Werk zu besprechen, ohne zu viel vom Inhalt preiszugeben. Auch der Klappentext hält sich da äußerst bedeckt und das ist auch gut so, denn die beste Herangehensweise an „Strafe“ ist die, so wenig wie möglich vorher über das Buch gelesen zu haben. Nesser, auch sonst ein Meister der Spannung, legt mit „Strafe“ einen sehr geschickt konstruierten Roman vor, in dem viele Fallen ganz unbemerkt ausgelegt sind. Die Geschichte ist unterhaltsam, aber nicht rasant oder besonders außergewöhnlich, und wird zudem immer wieder von Exkursen in Max` Vergangenheit oder Gegenwart unterbrochen. Doch während sich der Leser noch fragt, wohin das Ganze führen soll und auf den Klimax wartet, hat er die Köder des Autors schon längst geschluckt und ahnt nicht, dass das letzte Drittel des Buches so ganz anders sein wird, als er erwartet.

Ich mag Überraschungen beim Lesen. Ich finde es erfrischend, wenn Bücher nicht vorhersehbar sind, wenn plötzlich Hauptfiguren sterben, die man für unentbehrlich gehalten hat (nicht viele Autoren wagen das) oder wenn die Handlung all meine Erwartungen einmal ordentlich durchschüttelt und danach alles auf dem Kopf steht. Sowas kann böse scheitern – wenn es schlecht gemacht ist und nicht plausibel. Hier aber versteht jemand sein Handwerk und führt seinen erst so unscheinbar dahinplätschernden Roman zu einem furiosen Finale. Absolut empfehlenswert.

In einem Satz:

Nesser und die geheimnisvolle Paula Polanski (gibt es sie/gibt es sie nicht?) spielen in „Strafe“ ein spannendes Verwirrspiel um Rache, Schuld und Vergeltung, dessen intelligentes und geniales Finale überrascht und begeistert.   


Håkan Nesser/ Paula Polanski. Strafe. (Im Original: Straf) Aus dem Schwedischen von Paul Berf. Erschienen am 25.05.2015. 288 Seiten. btb Verlag, ISBN: 978-3-442-75606-3, € 19,99

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