Murakami_H_Die_unheimliche_Bibliothek

Wenn es um gefährliche Orte geht, denkt man normalerweise an dunkle Gassen, zwielichte Gegenden oder Parkhäuser bei Nacht. Bibliotheken würden wohl die wenigsten Leute in diesem Zusammenhang nennen. Auch für den Jungen ist die Bücherei um die Ecke nur der Ort, an dem er seine gelesenen Bücher abgibt und nach neuen stöbert, aber als er an diesem Tag im Keller der Bibliothek von dem unheimlichen Bibliothekar steht, sieht er sich plötzlich in einen Alptraum hineinkatapultiert, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint.

Ein Murakami, der wieder einmal mit schleichendem Grusel besticht.

Als der Junge, wie schon unzählige Male zuvor, die örtliche Bibliothek betritt, um noch schnell zwei Bücher abzugeben und etwas zu stöbern, ahnt er nicht, dass er in eine grässliche Falle getappt ist, denn bei seiner Frage nach Büchern zu einem bestimmten Thema wird er in den Keller der Bücherei geschickt, wo ein unheimlicher Mann auf ihn wartet. Der Junge, er bisher von der Existenz des Kellers keine Ahnung hatte, ist eingeschüchtert vom Gebaren des seltsamen Alten und wagt keinen Widerspruch, als der die gewünschten Bücher bringt und ihm sagt, dass er sie nur vor Ort lesen dürfe. Willenlos folgt er dem Alten durch ein unterirdisches Labyrinth und hinab in ein finsteres Verlies, wo er fortan bleiben und lesen soll, bewacht von einem gutmütigen kleinen Mann in Gestalt eines Schafes.

So seltsam dieser Handlungsverlauf auch klingt, spätestens an dieser Stelle ist der Leser schon mittendrin im Universum des Herrn Murakami, denn der Schafsmann ist für Fans des japanischen Autors kein Unbekannter, taucht er doch in zahlreichen seiner anderen Romane und Kurzgeschichten auf.

So merkwürdig der Mann im Schafspelz auch anmutet, für den Jungen stellt er sich als Glücksfall heraus, leidet er doch genau wie sein zu bewachender Gefangener unter den Wutanfällen des bösen Alten. Er ist es auch, der dem Jungen offenbart, aus welchem Grund er in dem Verlies eingesperrt wurde und welches Schicksal ihm zugedacht ist. Gemeinsam mit dem Schafsmann und einem stummen Mädchen beginnt er, seine Flucht zu planen und muss sich dabei seinen schlimmsten Ängsten stellen.

„Der Schafsmann hat seine Schafsmannwelt. Ich habe meine Welt. Und du hast deine. Nicht wahr?“

„Die unheimliche Bibliothek“ ist ein kurzes und düsteres Lesevergnügen; schon nach wenigen Seiten ist man gefangen von der durch so einfache Mittel erzeugten Spannung, dem Unwirklichen, dem nicht Greifbaren, das Murakamis Short Stories und Romanen so eigen ist.

Hier erschafft er eine Art Horror-Märchen, ein amorphes Gebilde, das einem Traum ähnelt, den man durchlebt und von dem am Morgen beim Aufwachen noch eine Ahnung geblieben ist, die sich in jeder Hautpore festsetzt und den Tag über nicht mehr weichen will.

Die Deutung von Murakamis Szenarien scheint endlose Möglichkeiten zu eröffnen – Verlust, erste Liebe, Ängste und Urängste, die Überwindung von Grenzen, Freundschaft im Angesicht von Gefahr, Vertrauen, alles spielt in dieser dichten Novelle eine Rolle und bleibt doch am Ende geheimnisvoll, uneindeutig und nicht zu fassen. Gerade darin liegt das Geheimnis, die Faszination von Murakamis Können: Wenige, scheinbar alltägliche Sätze und ein belangloser Schauplatz wird zu einem verwunschenen Ort voller nicht erklärbarer Kräfte, voller unterirdischer Verflechtungen. Bei Murakami lauern an den gewöhnlichsten Orten dunkle Spalten, in die man unvermittelt geraten kann und in denen man dann über den Rand der Welt zu stürzen droht.

Großartig und ein echtes Vergnügen mit Gänsehauteffekt.

In einem Satz:
Schauerlich-düsteres Märchen, geschickt verwoben und erzählt, mit sehr schönen Illustrationen von Kat Menschik. Lesen!
 


Haruki Murakami. Die unheimliche Bibliothek. (Im Original: Fushigi na Toshokan) Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. Erschienen am 22. August 2013. 64 Seiten. Dumont Verlag, ISBN: 978-3-8321-9717-9, € 14,99

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Eine Antwort zu “Haruki Murakami – Die unheimliche Bibliothek”

  1. […] verschwindet. Hier wurde sie vom Dumont-Verlag seperat veröffentlicht und wie auch in „Die unheimliche Bibliothek“ mit sehr gelungenen Illustrationen von Kat Menschik versehen.  „Schlaf“ ist […]

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