McKeon_D_Alles_Stehende_verdampftAls Artjom an diesem frühen Morgen im April 1986 erwacht, ist er aufgeregt. Er ist jetzt dreizehn, heute darf er zum ersten Mal mit seinem Vater und den Männern zur Mohrhuhnjagd. Stumm verrichten sie ihre morgendlichen Tätigkeiten: Waschen am Brunnen, das Schnüren der Stiefel, das Laden der Flinten. Über den Feldern steigt der Frühnebel auf, es ist ein besonderer Tag, das weiß Artjom genau, denn ein Licht, wie es heute herrscht, hat er noch nie gesehen. Doch dann entdeckt er das Vieh auf den Weiden, das aus den Ohren blutet und die Vögel, die tot vom Himmel fallen und ab da ist nichts mehr, wie es vorher war.

Darragh McKeons belletristische Version der Katastrophe von Tschernobyl ist wahnsinnig glaubhaft und verstörend und für mich das Beste, was ich bisher in diesem Jahr gelesen habe.

Auf Seite 77 musste ich das erste Mal aufhören. Das Buch beiseitelegen, durchatmen, eine Pause einlegen. „Alles Stehende verdampft“ ist ein Buch, das es einem nicht leicht macht, das an die Nieren geht. Der dreizehnjährige Artjom streicht gern über die warmen Leiber der Ochsen auf den Feldern, erspürt im Vorbeigehen ihre Muskeln unter der warmen Haut, ihr pulsierendes Leben, die versteckte Kraft unter der äußerlich gelassenen Hülle. Doch dann sieht er das Blut, das aus den Ohren der Tiere auf den noch taunassen Boden tropft, begreift nicht, was es bedeutet, weiß nicht, was man als Leser längst weiß, nämlich dass diese Entdeckung sein Leben verändern, seine Kindheit endgültig beenden wird und dass damit alles, was er kennt und was ihm vertraut ist, ausgelöscht sein wird.

Einige Kilometer entfernt ist im Kernkraftwerk Tschernobyl ein Unfall passiert, ein Test ist schief gelaufen, doch für diesen Ernstfall gibt es in einem Staat, in dem alles überwacht und durchorganisiert ist, keine Pläne. Die Bedienungsanleitungen für den Störfall sind zwar vorhanden, aber die Seiten sind geschwärzt, denn ein solcher Fall darf nicht, kann und wird nicht eintreten. So ist dann auch niemand vorbereitet auf das, was der Katastrophe folgt, auf die lautlose Bedrohung, die die Menschen ereilt, obwohl sie sie nicht sehen können. Es gibt keinen Evakuierungsplan, keine Jodtabletten, keinen Schutz für die Bevölkerung. Zivilisten werden zum Reaktor gerufen, tun in völlig ungeeigneter Schutzkleidung ihr Möglichstes, um zu verhindern, dass die Strahlung weiter austritt. Und ahnen doch kaum, dass sie damit soeben ihr eigenes Todesurteil unterschrieben haben. Und über allem der Tod, der sich über einer weitgehend ahnungslosen Bevölkerung ausbreitet, weil die Partei Informationen unter Verschluss hält, nicht will, dass Nachrichten von der Katastrophe bis in die Hauptstadt oder gar ins Ausland vordingen können und ihr Ansehen beschädigen.

McKeon, 1979 geboren, ist Ire. Als die Katastrophe in Tschernobyl passierte, war er sieben – zwei Jahre jünger als Jewgeni, einer seiner sechs Protagonisten. Jewgeni lebt in Moskau – ein kleiner Junge, der mit einem großen Talent fürs Klavierspielen gesegnet ist, der aber seine eigenen Probleme hat, weil er von seinen Mitschülern gemobbt und gequält wird. Seine Mutter Alina ist Witwe, versucht sich und den Sohn mit dem Waschen der Wäsche wohlhabender Leute durchzuschlagen. Und dann gibt es da noch Jewgenis Tante Maria, eine Journalistin, die sich mit dem System anlegt und sofort dessen Härte zu spüren bekommt und Grigori, ihren ehemaligen Geliebten, der noch immer unter der Trennung leidet und den Sinn seines Lebens in Frage stellt. Als er – ein erfolgreicher Chirug –  an den Ort der Reaktorkatastrophe geschickt werden soll, um die Evakuierung zu beaufsichtigen und erste Hilfe zu leisten, ahnt er nicht, was ihn dort erwartet, denn die Sowjetunion hat kein Interesse daran, dass die Öffentlichkeit über die wahren Vorkommnisse in Tschernobyl und dem nahen Prypjat in Kenntnis gesetzt wird.

„Warte nur, bis du den Himmel siehst“, sagt er zu seinem Vater. „Was fuer ein Himmel.“ „Ist derselbe Himmel, unter dem wir immer gelebt haben. Bloss in anderer Stimmung.“

McKeon hat für sein Buch zehn Jahre recherchiert. Er hat selbst Prypjat besucht, hat einen beeindruckenden Essay über seine Eindrücke von der verlassenen Stadt, die Auswirkungen von Strahlung und strahlungsverseuchten Gebieten auf deren Bewohner und die Stellung und Behandlung der Betroffenen in der Öffentlichkeit geschrieben. In Alles Stehende verdampft behandelt er die Reaktorkatastrophe von 1986 anhand der Lebensläufe verschiedener fiktiver Personen. Die Katastrophe selbst wird nüchtern geschildert, nimmt nicht viel Raum ein im Buch, aber sie ist der Wendepunkt, die Zäsur – nicht nur im Leben seiner Protagonisten, sondern auch für ein politisches System, in dem die Aufrechterhaltung des Status Quo, die Machtsicherung mehr zählt als die Gesundheit des Volkes. So ist das Buch nicht nur Zeugnis einer schrecklichen menschlichen Tragödie, einer humanitären Katastrophe, deren Folgen noch über viele Generationen sichtbar und spürbar sein werden, sondern vor allem ein Abbild einer furchtbaren Groteske von politischen Machtdemonstrationen und skrupellosem Pokern mit Leben.

Die Sowjetunion ist Geschichte, sie ist zusammengebrochen und gescheitert, trotz ihres Glaubens an ihre eigene Unfehlbarkeit. Ehemaligen DDR-Bürgern wird sie bekannt vorkommen, die ewige Maxime von der Unfehlbarkeit der Partei – ein trauriges und bizarres Festhalten am eigenen erhöhten Sessel einer arroganten und korrumpierten Elite, die schließlich von ihrem eigenen Fehlglauben von innen her zerfressen wurde. Gelernt hat die Menschheit wie immer nichts.  Nach wie vor schwingen sich Machthaber und machtgierige soziale Schichten über andere, schwächere auf, nach wie vor versuchen Regierungen, die Ausmaße und Auswirkungen von nuklearen Katastrophen vor der betroffenen Bevölkerung herunterzuspielen und zu verbergen. Das Thema hat, vor allem heute, nach Fukushima, nichts von seiner Aktualität verloren.

Alles Stehende verdampft beschreibt nicht nur den Zusammenbruch eines Reaktors und allen Lebens in seiner Umgebung, sondern auch den eines ganzen politischen und gesellschaftlichen Systems. Ein gnadenloses und grausames Buch. Glaubwürdig recherchiert und so real, dass es einem Gänsehaut macht.

In einem Satz:

McKeon schreibt über Tschernobyl, die gesellschaftlichen Folgen und das Bröckeln des Systems Sowjetunion, so schnörkellos, so ernsthaft und berührend, dass es kaum auszuhalten ist. Ein wichtiges, ein großartiges Buch, das einem nahe geht und das man nicht mehr vergessen kann. 


Darragh McKeon. Alles Stehende verdampft. (Im Original: All That Is Solid Melts Into Air) Aus dem Englischen von Ingo Herzke. Erschienen am 11.09.2015. 464 Seiten. Ullstein Buchverlage, ISBN: 978-3550080845, € 22,00

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