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Als Madayln, 14, Moritz‘ Gedicht hört, das Frau Prof. Petri in der Klasse vorliest, ist sie fasziniert. Als sie Moritz sieht, ist sie verliebt. Aber Moritz ist schon 16, ein Scheidungskind und schon mal sitzen geblieben. Und hat dazu noch Ärger mit der Polizei. Madalyn ist das egal, genau wie ihre strengen Eltern, die von Moritz nichts erfahren dürfen. Nur ihren Nachbarn und Lebensretter zieht sie ins Vertrauen. Doch der zweifelt ernsthaft an Moritz‘ Aufrichtigkeit.

Erste Liebe, Verzweiflung, Lügen und Erwachsenwerden – Köhlmeiers tragische Teenie-Liebesgeschichte ist schmerz-haft realistisch und rührt an elementaren Problemen des menschlichen Zusammenseins.

Als Madalyn eines Tages an der Tür des Autors Sebastian Lukasser klingelt und ihn um ein Interview für ihre Schulaufgaben bittet, sagt Lukasser überrascht zu. Schließlich kennt er Madalyn schon lange, sie wohnt mit ihren Eltern im selben Haus, eine Etage unter ihm. Einmal, als Madalyn erst fünf war, hat er ihr das Leben gerettet, seither hat er sie aufwachsen sehen, ist ihr im Hausflur begegnet, hat ihre Eltern flüchtig gegrüßt. Und nun das Interview, weswegen sie gekommen ist und das sich als Türöffner entpuppt, denn Madalyn nutzt die Gelegenheit und packt aus: über ihre strengen Eltern, über die Schulfahrt, zu der sie nicht mit darf und über Moritz, den Neuen in der Schule, der so schöne Gedichte schreibt.

Sebastian Lukasser, eine Figur, die Köhlmeier schon in seinem früheren Roman „Abendland“ eingeführt hat und die die Geschichte erzählt, ist zunächst erschlagen angesichts des Wustes an Problemen und Dramen, die sich so nah und doch so fern von seiner eigenen Lebenswelt abspielen. Erst will er das Mädchen wegschicken, möchte nicht hineingezogen werden in die Auseinandersetzung, die sie mit ihren Eltern auszufechten hat. Er fühlt sich unwohl in seiner Rolle als Vertrauensperson, als Mitwisser und verletzt sie, die so empfindlich ist, mit unbedachten Bemerkungen. Dann begreift er: Er hat keine Wahl. Madalyn hat niemanden, dem sie sich anvertrauen kann. Die Eltern, pragmatisch, aber unaufmerksam und völlig von ihren eigenen Leben absorbiert, versuchen das Mädchen mit Strenge zu kontrollieren; ein Vertrauensverhältnis gibt es nicht.

Madalyn ist Einzelkind, hat wenig Erfahrung mit zwischenmenschlichen Beziehungen und gar keine mit der Liebe. Und dann ist da Moritz, ein Charmeur, ein Schlitzohr. Der immer eine Menge Geschichten parat hat und noch mehr Ausreden, für jede Situation gleich mehrere. Lukasser ist skeptisch, aber kann sich nicht einmischen, aus Angst, das dünne Band, das zarte Vertrauen, das das Mädchen in ihn setzt, unbedacht zu zerstören. Er muss glauben, was Madalyn ihm berichtet, zuhören, seine Zweifel für sich behalten und wird immer tiefer in die Sache hineingezogen, die doch nicht gut enden kann. Ganz wie nebenbei kämpft der Schriftsteller Lukasser auch mit seinem neuen Roman, ringt mit der Frage der Erzählperspektive, mit dem täglichen Schreibpensum und kann sich kaum konzentrieren, weil die Geschichte, die er gerade in der Realität erlebt, so viel realistischer erscheint, als alles, was er momentan zu Papier bringen vermag.

Auf den ersten Blick ist „Madalyn“ ein kurzer, neckisch erzählter Roman, eine leichte Geschichte über die Dramen der ersten Liebe und ihre Enttäuschungen. Doch es ist mehr als das: Auf 170 Seiten lässt Köhlmeier tief in die Seele seiner heranwachsenden Protagonistin blicken, erzählt von Unsicherheit und Selbstzweifeln, von der Bedeutungsschwere kleinster Details, von der ungeheuren Wichtigkeit einzelner Gebärden und Worte. Gefühlswelten, die wie wüst wuchernde Dickichte anmuten, eröffnen sich durch Lukassers Augen dem Leser, schmerzlich erinnert man sich an eine Zeit, in der Lieben noch komplizierter war, als es zu irgendeiner Lebensphase je wieder sein wird. Natürlich sieht der Leser die Jugendliebe zwischen Madalyn und Moritz mit Abgeklärtheit, aus einer sicheren Distanz, vielleicht gar mit einem leicht spöttischen Lächeln. Letzteres ist bei Köhlmeier nie spürbar, denn er behandelt seine Protagonisten mit Respekt und Sympathie. In seinen mit Leichtigkeit hingeworfenen Dialogen verbergen sich menschliche Abgründe, sein jovialer Plauderton verbirgt psychische Dramen, Fragen von Schuld, Einsamkeit Sehnsucht und wird zu einem verwirrenden, aber durchaus reizvollen Spiel von Wahrheit und Lüge, bei dem nicht nur Lukasser, sondern auch der Leser entscheiden muss, was er wirklich glauben will.

In einem Satz:
Intelligente und sehr überzeugende Geschichte über die erste Liebe und ihre Verwicklungen, über Erzählung und Wahrheit und die Möglichkeiten, mit beidem gekonnt zu jonglieren. 


Michael Köhlmeier. Madalyn. Erscheinungstermin: 16. August 2010. 126 Seiten. Hanser Literaturverlage. ISBN: 978-3446235977. € 17,90

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