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Eine Stadt, irgendwo in Europa. Vielleicht die, in der du lebst. Auf der Straße steht ein kleines Mädchen, sechs, sieben Jahre alt. Oder auch jünger. Niemand weiß, zu wem sie gehört. Niemand hat gesehen, woher sie gekommen ist.  Sie spricht eine Sprache, die keiner kennt und hat Hunger.  Und wenn jemand „Polizei“ sagt, fängt sie an zu schreien.

Köhlmeiers „Das Mädchen mit dem Fingerhut“ erzählt von Kindern, die am Rande der Gesellschaft leben, die keine Wärme kennen und die praktisch unsichtbar sind, obwohl es sie überall gibt. Ein Buch, das angesichts der europäischen Flüchtlingskrise nicht aktueller sein könnte und dessen Nüchternheit mehr berührt als sie auf den ersten Blick erwarten lässt. 

Eines Tages steht es mitten auf dem Markt: Ein kleines Mädchen ohne Eltern, ohne eine Aufsichtsperson. Sie versteht die hiesige Sprache nicht, niemand weiss, woher sie kommt, doch ihre großen Augen berühren und die Ladenbesitzer behandeln sie freundlich, geben ihr zu essen und lassen sie im Warmen sitzen. Als sie nach Tagen jedoch die Polizei holen wollen, schreit das Mädchen und verschwindet.

Das Mädchen hat keinen Namen, erst nach vielen Seiten nennt sie sich selbst Yiza, und so heißt sie von nun an. Auf der Suche nach ihrem „Onkel“, der wharscheinlich gar nicht mit ihr verwandt ist, sondern nur eine Zwischenstation in ihrem Leben auf der Flucht, geht sie im Gewirr der Straßen verloren. Nach dem Weg fragen kann sie nicht, denn sie spricht eine Sprache, die niemand versteht. Schließlich landet sie im Heim. Dort wird sie gut behandelt, bekommt zu essen und Kleidung, doch die Wärme der Betreuerinnen gilt nicht ihr allein, sie muss für viele Kinder reichen. Yiza lernt den 14-jährigen Schamhan kennen und seinen jüngeren Freund Arian. Schamhan spricht ihre Sprache, Arian eine andere, doch Schamhan kann zwischen ihnen übersetzen. Auch er traut den Erwachsenen im Heim nicht und so fliehen die drei nach kurzer Zeit zusammen und versuchen, sich allein auf der Straße durchzuschlagen. Dort kämpfen sie mit ganz elementaren Problemen: Kälte, Nässe, Hunger werden zur täglichen Herausforderung und in den verzweifelten Bestrebungen, diese Probleme zu beseitigen, zeigt sich erst, wie jung die Kinder wirklich sind und wie schnell sie doch erwachsen werden müssen.

Köhlmeiers Roman, der aufgrund seiner Kürze eher eine längere Erzählung ist, ist keine emotional aufgeladene Story. Die Sätze sind kurz, klar und nüchtern. In seinen Kapiteln nimmt der Erzähler wechselnde Perspektiven ein, mal wird das Geschehen durch Yizas Augen geschildert, mal durch Arians oder Schamhans – ein geschickter Kniff, denn die Kinder verstehen einander oft nicht, genauso wenig wie die Erwachsenen die Kinder verstehen. Die kurzen Sätze eigenen sich hervorragend, um die kindlichen und teils naiven Denkmuster glaubhaft zu verpacken, auch die zahlreichen inneren Gedankenmonologe unterstützen die Figurensprache.

Trotz seiner erzählerischen Distanz ist „das Mädchen mit dem Fingerhut“ ein Buch, das nachdenklich macht.  Zum einen ist da natürlich der aktuelle Bezug. Yiza, das Mädchen ohne Vergangenheit, leiht den vielen Flüchtlingskindern ein Gesicht, gibt den bloßen Zahlen aus den Nachrichten ein Innenleben, ein menschliches Schicksal. Ebenso steht Yiza für viele Straßenkinder, die nicht nur ihrer körperlichen Größe wegen in der Gesellschaft praktisch unsichtbar sind.

In Köhlmeiers Buch geht es nicht um Pathos oder das Ergreifen einer Position. Es sind das Handeln der Kinder und ihr Umgang miteinander, die das Buch so eindrücklich machen. Arian, der stiehlt und zu grausamen Taten fähig ist, sich aber andererseits aufopfernd um die kranke Yiza kümmert. Schamhan, der trotz seiner Jugend ohne zu zögern Verantwortung für die beiden jüngeren Kinder übernimmt und in einer Weisheit, die für sein Alter erstaunlich ist, immer wieder versucht, die Jüngeren durch verzweifelte Lügen vor erneuten Enttäuschungen zu schützen. Arian und Yiza, die keine gemeinsame Sprache sprechen, die jedoch zusammenhalten und mit einzelnen Worten die Welt des jeweils anderen für sich selbst entdecken und damit für sehr berührende Momente im Buch sorgen.

Auf ihrer Flucht begegnen die Kinder großzügigen Menschen ebenso wie solchen, die ihnen Böses wollen. Es ist nicht einfach, die einen von den anderen zu unterscheiden. Die Erkenntnis, dass die Erlebnisse der Vergangenheit so schrecklich gewesen sein müssen, dass das Misstrauen einfach immer größer ist als der Glaube an das Gute, bestürzt. Es wird klar, dass die Kinder so keine Perspektive haben. Selbst wenn sie in Sicherheit sind, können sie nicht daran glauben, sich nicht darauf einlassen. Ihr Leben wird zu einer einzigen Flucht – vor Menschen, die sie hintergehen, vor der Polizei, vor Behörden und vor sich selbst. Schamhan hat es erkannt: Von ihnen dreien hat nur Yiza noch eine Chance, nur sie ist noch jung und niedlich genug, um das Mitleid der Leute zu erwecken.

„Ich bin kein Liebling. Du bist auch kein Liebling. Wenn deine Stimme tiefer wird, bist du niemandes Liebling mehr.“

Es ist diese totale Desillusionierung eines Jungen, der eigentlich noch ein Kind ist, die bei diesem Buch am meisten schmerzt.

In einem Satz:
Optisch und haptisch ein kleines Juwel, psychisch eher die kleine Erbse, die unbequem immer irgendwo drückt und einen lange beschäftigt. Wahr und wichtig. 


Michael Köhlmeier. Das Mädchen mit dem Fingerhut. Erscheinungstermin: 01. Februar 2016. 144 Seiten. Hanser Literaturverlage. ISBN: 978-3446250550. € 18,90

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