Die Analphabetin die rechnen konnte von Jonas JonassonEs passiert nicht allzu oft, dass ein Debütroman einschlägt wie eine Bombe, und das auch noch international. Der schwedische Autor Jonas Jonasson hat mit seinem „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ sämtliche Rekorde gebrochen – auch in Deutschland führte der Roman monatelang die Bestsellerlisten an. „Läuft doch gut“, muss sich Jonasson da gedacht haben, und hat getreu dem Motto „Never change a winning horse“ mit seinem zweiten Roman dem Hundertjährigen einfach nur eine neue Hautfarbe und ein hübscheres Gesicht verpasst. 

Nombeko Mayeki wächst in den 70er Jahren in Soweto, Südafrika, in ärmlichsten Verhältnissen auf. Weil ihr Vater verschwunden und ihre Mutter von Klebstoff und Alkohol anhängig ist, muss das Mädchen allein für seinen Lebensunterhalt sorgen, indem sie als Latrinenträgerin arbeitet. Ihr Glück ist es, dass sie besonders clever ist. Von einem alten Mann mit Diamanten in den Zähnen lässt sich sich das Lesen beibringen, eine Fähigkeit, die sich in der Zukunft zusammen mit ihrem enormen Rechentalent als sehr nützlich erweisen wird. Als sie als Jugendliche in Johannesburg von einem Weißen auf dem Gehsteig überfahren wird und für an dem Unfall schuldig befunden wird, muss sie ihre Strafe in einer mehrjährigen Anstellung bei dem eigentlichen Unfallverursacher Ingenieur Engelbrecht van der Westhuizen abarbeiten. Der ist zufällig für das südafrikanische Kernwaffenprogramm zuständig und arbeitet in einer hermetisch abgeriegelten Forschungsanlage an der streng geheimen Entwicklung von sechs Atombomben. Obwohl Nombeko dort nur als Putzfrau angestellt ist, wird sie für den eher dem Alkohol zugeneigten und völlig unfähigen Ingenieur dank ihrer Klugheit und Belesenheit bald zur unersetzbaren Allzweckwaffe im Umgang mit dem Forscherteam, mit fordernden Politikern und neugierigen Staatsgästen. Als der Ingenieur den Bogen überspannt und aus Versehen eine siebte Bombe entwickelt, die es nicht geben darf, und diese völlig ungeplant in Schweden landet, dem Land, in das auch Nombeko flieht, als sie endlich aus der Forschungsanlage entkommt, ist das Chaos perfekt, denn nun hat Nombeko eine Atombombe und auch noch denn israelischen Geheimdienst am Hals und auch sonst noch jede Menge andere Probleme.

Wenn es eines gibt, das man Jonas Jonasson wirklich nicht vorwerfen kann, dann ist das mangelnde Phantasie. Die Geschichte von Nombeko ist eine Abfolge aus hanebüchenen Zufälligen, wilden Verwicklungen und bewusst kontruierten Abstrusitäten. Tatsächliche geschichtliche Ereignisse werden sehr abenteuerlich und nicht immer geschickt mit der verschrobenen Handlung verstrickt, Nombeko agiert dabei als eine Art weiblicher Forrest Gump und trifft schließlich gar den schwedischen König. Neben diesem bevölkern noch zahlreiche andere historische Persönlichkeiten den Roman, die allesamt nicht besonders gut wegkommen und teilweise gnadenlos durch den Kakao gezogen werden.

Insgesamt betrachtet klingt das nach einem gelungenen Rezept, da sehe ich nur ein Problem: Das gab es schon mal. Und zwar genauso. Im ersten Roman von Jonasson. Schon nach den ersten Seiten der „Analphabetin“ hat man den Eindruck, dass Jonasson seinem Hundertjährigen eigentlich lediglich einen Fortsetzungsroman gegönnt hat. Der Alte bekam ein ordentliches Facelift und ist jetzt weiblich, schwarz und jung, sonst aber genauso gestrickt wie im ersten Teil. Gags, die im ersten Buch noch frisch und knackig waren, welken jetzt wie abgestandener Salat im Mund, die Weltpolitik gerät zur angestaubten Kulisse wahl- und planlos ausgesuchter Zufälligkeiten, und irgendwie passen all diese Zutaten nicht mehr zusammen in den Koffer, in den sie eingepackt werden sollen. Das Lesen zieht sich, man stopert über halbgare Witze, viel Überflüssiges und noch mehr Klamaukiges, das so gar nicht mehr lustig, sondern nur noch irgendwie platt ist. Jonassons Charme ist verschwunden, seine Sprache wirkt übersteigert, das Buch schmeckt nach nochmal aufgewärmtem Kaffee. Aus der Mikrowelle.

Jonasson hat zweifelsohne Phantasie, doch Mut hat er nicht. Sonst hätte er neues Terrain betreten und nicht versucht, auf der schon festgefahrenen Spur seines ersten Erfolgs weiterzufahren. Leider ist er damit meiner Meinung nach traurig abgestürzt.

In einem Satz:

Das hübsche Gesicht und die Cleverness der Analphabetin können leider nicht darüber hinwegtäuschen, dass Jonasson hier nur seinen mumifizierten Hundertjährigen wieder ausgebuddelt hat. Enttäuschend. 


Jonas Jonasson. Die Analphabetin, die rechnen konnte. . (Im Original: Analfabeten som kunde räkna) Aus dem Schwedischen von Wibke Kuhn. Erschienen am 15.11.2013. 448 Seiten. carl`s books, ISBN: 978-3570585122, € 19,99

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